„Hab keine Angst, es zu versuchen“ – Interview mit Sahra Damus
Sahra Damus ist derzeit Beauftragte für Nachhaltigkeit an der Viadrina und arbeitet außerdem bei der European Reform Universities Alliance (ERUA), wo Nachhaltigkeit ein zentraler Schwerpunkt ist. Ihre berufliche Laufbahn führte sie von der Forschung und der Gleichstellungsarbeit an der Viadrina zu einer fünfjährigen Tätigkeit als Abgeordnete im Brandenburger Landtag, bevor sie an die Universität zurückkehrte. In diesem Interview spricht sie über ihren Weg in die Politik, wie eine Initiative der Viadrina ihr den Weg zur UNO in Wien ebnete und warum es interessant ist, von Zeit zu Zeit aus der „Viadrina-Blase“ herauszutreten.
Warum hast du dich für die Viadrina entschieden?
Zunächst hatte ich überlegt, in Leipzig zu studieren, aber nachdem ich beide Universitäten besucht hatte, schien mir die Viadrina die richtige Wahl zu sein. Leipzig wirkte sehr groß und etwas anonym, während die Viadrina einladend, gut organisiert und persönlich wirkte.
Ich war zum ersten Mal während des Sommerfestes dort, was mir die Gelegenheit gab, sowohl die Universität als auch Frankfurt (Oder) kennenzulernen. Ich erinnere mich auch daran, dass Janine Nuyken, die heute Vizepräsident*in der Viadrina ist, meine Schule besucht und mir einen sehr positiven Eindruck von der Universität vermittelt hat. Dieser erste Eindruck ist mir im Gedächtnis geblieben. Die Viadrina wirkte auf mich wie ein Ort, an dem es leicht ist, Leute kennenzulernen, Unterstützung zu finden und eine gute Studienzeit zu erleben.
Wie war dann deine Erfahrungen als Studentin?
Ich habe von 2002 bis 2008 Kulturwissenschaften studiert, mit den Schwerpunkten Linguistik und Sozialwissenschaften. Mein besonderes Interesse galt dem deutsch-polnischen Sprachkontakt und der Grenzregion. Außerdem habe ich mich in der Hochschulpolitik und in studentischen Initiativen engagiert. Ich war im Fakultätsrat, im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) und im Studierendenparlament (StuPa) und beteiligte mich an Projekten wie dem Viadrina Model United Nations (ViaMUN). Diese Erfahrungen öffneten mir unerwartete Türen. So führte beispielsweise mein Engagement bei ViaMUN zu einem Praktikum bei den Vereinten Nationen in Wien.
Eines unserer größten Projekte während meiner Zeit im AStA war die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs zwischen Frankfurt (Oder) und Słubice. Obwohl die von uns erhoffte Straßenbahnverbindung noch nicht wieder aufgenommen wurde, haben wir als Studierende 2008 die erste Busverbindung über die Oder ins Leben gerufen und für unsere Arbeit den Förderpreis des Viadrinapreises erhalten. Es war mit viel Aufwand verbunden, aber auch eine sehr bereichernde Erfahrung. Sie hat mir gezeigt, dass man mit Engagement wirklich etwas bewegen kann – im wahrsten Sinne des Wortes.
Galerie Sahra Damus
Inwiefern hat dein studentisches Engagement deine berufliche Laufbahn beeinflusst?
Meine berufliche Laufbahn entwickelte sich eher schrittweise als nach einem festen Plan. Nach meinem Abschluss schloss ich mich einem Forschungsprojekt von Dr. Peter Rosenberg an, einem Dozenten, mit dem ich zuvor bereits zusammengearbeitet hatte. Das hat mir Spaß gemacht und ich habe positives Feedback bekommen, aber mir wurde klar, dass die Wissenschaft nicht der Weg war, den ich einschlagen wollte. Ich interessiere mich dafür, Institutionen mitzugestalten und an Veränderungen mitzuwirken. Dies führte mich zunächst in den Bereich der Gleichstellungsarbeit und später hin zur Nachhaltigkeit, die wiederum eng mit sozialer Nachhaltigkeit verbunden ist.
Gleichzeitig engagierte ich mich zunehmend in der Kommunalpolitik – zunächst bei ProTram, einer Bürgerinitiative aus Studierenden und Anwohner*inen, die sich für eine grenzüberschreitende Straßenbahn einsetzte, und ab 2014 als Stadtverordnete – ein Amt, das ich bis heute ausübe. Ich wollte die Verhältnisse auf verschiedenen Ebenen verbessern – an der Universität, in Frankfurt (Oder) und schließlich in ganz Brandenburg.
Wie hast du die Politik mit deinem Berufsleben vereinbart?
Die meiste Zeit über war mein politisches Engagement ehrenamtlich und fand neben meiner Tätigkeit an der Viadrina statt. Das änderte sich, als ich 2019 in den Brandenburger Landtag gewählt wurde. Fünf Jahre lang war die Politik mein Vollzeitberuf, und ich habe meine Tätigkeit an der Universität unterbrochen.
Ich habe viele Themen rund um die Viadrina und Frankfurt in den Landtag eingebracht und ihnen dort eine Stimme gegeben: die deutsch-polnische Grenzregion, die RE1-Zugverbindung, die Oder, Gleichstellung und Familienfreundlichkeit sowie die Arbeitsbedingungen an den Hochschulen. Ich weiß, was ich im Parlament bewirkt habe: Ich habe Mittel für die Sanierung des Helenesees gesichert, mich für ein Mehrsprachigkeitskonzept für Brandenburg eingesetzt und dafür gesorgt, dass das Hochschulgesetz nun vorschreibt, dass Universitäten studentische Vizepräsident*innen haben müssen.
Dass ich danach an die Viadrina zurückkehren konnte, war ein großer Vorteil. Im Gegensatz zu vielen Menschen, die ihren Beruf für die Politik aufgeben und danach wieder ganz von vorne anfangen müssen, gelang mir der Übergang zurück relativ reibungslos.
Was würdest du heutigen Studierenden empfehlen?
Ich möchte Studierende ermutigen, sich überall dort zu engagieren, wo es möglich ist – sei es im Fakultätsrat, im Studierendenparlament, bei einer universitären Initiative oder bei einem lokalen Projekt. Man lernt dabei viel mehr als nur die konkrete Aufgabe selbst. Man übt, wie Entscheidungen getroffen werden, wie man Menschen überzeugt, wie man Beteiligung organisiert und wie man mit unterschiedlichen Perspektiven umgeht. Praktika sind ebenso wertvoll, denn sie helfen dabei, herauszufinden, was man beruflich vielleicht machen möchte – und manchmal auch, was man definitiv nicht machen möchte.
Wichtig ist, etwas zu finden, das einem am Herzen liegt, etwas, das man verändern möchte, Fragen zu stellen, Menschen kennenzulernen und durch praktische Erfahrung zu lernen.
Wie wichtig ist es, sich über die Viadrina hinaus zu engagieren?
Einen Großteil meines privaten und beruflichen Netzwerks in Frankfurt (Oder) habe ich über die Viadrina aufgebaut. Ich möchte Studierende aber auch dazu ermutigen, über die Universität hinauszuschauen. Manchmal geraten wir in eine „Viadrina-Blase“ und verpassen, was in der Stadt passiert. Sich bei lokalen Initiativen und Einrichtungen zu engagieren, kann helfen, die Gemeinschaft besser zu verstehen und neue Möglichkeiten zu entdecken. Man weiß nie, wohin ein kleines Projekt oder eine neue Verbindung führen können.
Welchen Rat würdest du Studierenden geben, die vor neuen Herausforderungen stehen?
Habt keine Angst, es zu versuchen. Neue Kontakte, ungewohnte Aufgaben und Herausforderungen können einschüchternd wirken, aber sie sind auch Chancen zum Lernen. Wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst, frag einfach andere. Meistens findest du jemanden, der dir helfen, dich beraten oder dich anderen vorstellen kann. Selbst wenn etwas nicht Teil deiner beruflichen Laufbahn wird, ist die Erfahrung wertvoll, weil sie dir hilft zu verstehen, was du willst.
Wie hat sich die Viadrina verändert, seit du dort studiert hast?
Die Digitalisierung hat stark an Bedeutung gewonnen. Sie bietet zwar viele Vorteile, kann aber manchmal persönliche Kontakte und eine lebendige Hochschulgemeinschaft erschweren. Die Viadrina ist zudem noch internationaler geworden. Englisch ist mittlerweile ein viel festerer Bestandteil des universitären Alltags, was ich für positiv halte. Gleichzeitig glaube ich, dass wir weiterhin Wege finden sollten, den internationalen Charakter der Viadrina mit der lokalen Gemeinschaft und den Sprachen der deutsch-polnischen Grenzregion zu verbinden. Mehrsprachigkeit ist eine der besonderen Stärken der Viadrina.
Was sind deine abschließenden Gedanken, wenn du auf deinen bisherigen Werdegang zurückblicken?
Rückblickend ist mein Werdegang keinem festen Plan gefolgt. Ich habe mich vom Studium und studentischem Engagement hin zur Forschung, Gleichstellungsarbeit, Politik und schließlich zur Nachhaltigkeit bewegt. Was all diese Erfahrungen verbindet, ist der Wunsch, mich einzubringen und etwas zu bewirken.
Etwas, das ich noch nicht erwähnt habe, das mir aber sehr wichtig ist: Ich habe einen kleinen Sohn, der geboren wurde, während ich im Landtag war. Daher weiß ich aus eigener Erfahrung, wie es ist, Familie, Beruf und Engagement unter einen Hut zu bringen. Gerade in der Politik, in der Wissenschaft oder in anderen anspruchsvollen Berufen kann es manchmal fast unmöglich erscheinen, Familie und Karriere zu vereinbaren. Aber ich finde, wir sollten uns nicht davon abhalten lassen, zu versuchen, beides unter einen Hut zu bringen – und wir brauchen mehr Menschen, die zeigen, dass es möglich ist. Es ist nicht immer einfach, aber es gibt Unterstützung, und für mich hat es sich auf jeden Fall gelohnt.
Das Interview mit Sahra Damus ist Teil einer Reihe, die von den ERUA-Student-Engagement-Coaches initiiert wurde. Das Arbeitspaket „Student Engagement“ innerhalb der European Reform University Alliance (ERUA) spielt eine zentrale Rolle bei der Förderung einer aktiven und partizipativen Hochschulkultur. Die Viadrina leitet dieses Arbeitspaket innerhalb der Allianz.
Die Student Engagement Coaches an der Viadrina werden durch das Programm „European University Networks (EUN) – National Initiative“ des DAAD gefördert.
Folgende Artikel wurden bereits in dieser Reihe veröffentlicht:
- „Veränderung entsteht aus der Bereitschaft, für andere da zu sein“ – Interview mit Mohammad Arafat Intisher
- „Die wertvollsten Erfahrungen an der Universität entstehen nicht durch einen Masterplan“ – Interview mit Philip Panek
- „Die Viadrina war nie nur eine Universität, sie war ein Zuhause“ – Interview mit Julia Szuleta
- „Wir haben eine grenzüberschreitende Gemeinschaft geschaffen“ – Interview mit Prof. Dagmara Jajeśniak-Quast
- „Die Perspektive der Studierenden verändert die Diskussion“ – Interview mit Ira Helten
übersetzt mit Deepl und überarbeitet
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