Geschichte und Tradition
Die Viadrina seit ihrer Wiedergründung 1991
Der neuere Universitätsgeschichte in Frankfurt (Oder) begann mit dem Zerfall der DDR und der deutschen Wiedervereinigung. Bereits im Oktober 1990 formierte sich ein „Verein der Freunde und Förderer der Frankfurter Oder-Universität“ und machte sich die Idee einer Universitätsneugründung zu eigen. Rasch setzte sich in Politik und Gesellschaft die Einsicht durch, dass eine wiederbegründete Viadrina nicht nur die Identität der Frankfurter Bürgerinnen und Bürger stärken, ihre Bildung und Kreativität fördern, sondern auch die Gewinnung lokal nutzbarer, grenzrelevanter Expertise und eine positive Entwicklung der regionalen Wirtschaft und des Arbeitsmarkts bewirken werde. So wurde am 15. Juli 1991 die Universität per Rechtsakt als „Europa-Universität Viadrina“ wiedergegründet. Zum Herbstsemester 1992 immatrikulierten sich die ersten 460 Studierenden.
Wie der Gründungssenat auch in der Denkschrift zur Gründung der Viadrina betonte, nutzte man die „einzigartige Möglichkeit, eine Universität an der Grenze zwischen Polen und Deutschland in unverwechselbarer Weise um einen in deutsch-polnischer Hochschulkooperation bestehenden Kern aufzubauen und darüber hinaus international auszurichten.“ Zugleich wollten die Gründungssenatorin und Gründungssenatoren die Chance ergreifen, bei der Organisation einer Universität neue Wege zu gehen und durch die Beschränkung auf einige wenige Disziplinen insbesondere der Interdisziplinarität größeren Entfaltungsspielraum eröffnen. Auch die Gründungsdenkschrift hob zudem die positive Wirkung hervor, die eine am Standort Frankfurt (Oder) neubegründete Viadrina für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung der Region beiderseits der Oder entfalten musste.
Das Viadrina-Hauptportal des Hauptgebäudes im Jahr 1993, eingerüstet mit Blick vom Oderturm.
Viadrina / Heide Fest
Aufbruchsoptimismus in den frühen 1990er-Jahren
In der Wiedergründung spiegelte sich der besondere Aufbruchsoptimismus der frühen 1990er-Jahre, die enthusiastische Bereitschaft zur Zusammenarbeit in Europa, insbesondere mit dessen östlicher Hälfte. Der damalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe charakterisierte die Europa-Universität am 6. September 1991 als ein „Zeichen unseres Dankes an Europa. Denn gerade an diesem Fluß und an diesem Ort ist uns bewußt, dass wir zusammengehören, dass hier an der Oder nicht das Ende Europas ist, sondern dass von hier weitergedacht werden muß.“ So wurde der Neugründung vor allem im Prozess der Öffnung der Europäischen Union für ost- und südosteuropäische Länder die besondere Rolle einer Brückenbauerin zugewiesen. Damit knüpfte man nicht nur an die historische Tradition der alten Viadrina an, sondern rückte – wie der damalige Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg Hinrich Enderlein formulierte – die Neugründung auch in den „Brennpunkt einer modernen politischen Entwicklung.“
Mit der Wiedergründung waren große Hoffnungen und Erwartungen verknüpft. Gleichzeitig bestanden zahlreiche Vorurteile und Berührungsängste fort. Auch zu deren Abbau sollte die Universität beitragen. Zunächst wurden die drei Fakultäten aufgebaut: die Rechtswissenschaftliche Fakultät und die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät 1994, die Kulturwissenschaftliche Fakultät 1995; parallel wurde der Campus sukzessive erweitert. Im Jahr 1998 erfolgte die feierliche Übernahme des ehemaligen, komplett renovierten Regierungsgebäudes als universitäres Hauptgebäude. Im gleichen Jahr wurde das unter Regie der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań errichtete Collegium Polonicum in Słubice eröffnet, zu dem der Grundstein 1992 gelegt worden war. Der Bau und die Unterhaltung des Collegium Polonicum ist ein eindrucksvoller Ausdruck des polnischen Engagements für den Grenzstandort und für die deutsch-polnischen Wissenschaftsbeziehungen.
Die Viadrina hat sich zu einem seetüchtigen Dreimaster entwickelt, der unter seinesgleichen als ein kleines, aber gut gebautes und unverwechselbares Schiff gilt.
Hans N. Weiler, erster gewählter Rektor der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Mit Leben füllten sich die Universität und ihre Beziehungen zu den Städten Frankfurt (Oder) und Słubice vor allem auch durch das kulturelle und soziale Engagement ihrer Studierenden und Lehrenden. 1997 gab das Orchester Viaphoniker sein erstes Konzert, fand das jährlich von Viadrina-Studierenden organisierte deutsch-polnische Kulturfestival Unithea zum ersten Mal statt; 2001 gründete sich das Alumni-Netzwerk der Viadrina; 2008 ließ der Allgemeine Studentische Ausschuss (AStA) der Viadrina zwischen den Grenzstädten einen Bus pendeln, um auf die Notwendigkeit eines grenzüberschreitenden öffentlichen Nahverkehrs aufmerksam zu machen. Im gleichen Jahr wurde die Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) zur ersten Stiftungsuniversität im Land Brandenburg umgewandelt. Der neue Rechtsstatus eröffnete Autonomiespielräume und neue Möglichkeiten, private Stifter für eine zusätzliche Förderung der Viadrina zu gewinnen.
Unter den Inhabern der Europa-Professuren, die während der 1990er-Jahre eingerichtet und durch die Otto-Wolff-Stiftung gefördert wurden, waren zahlreiche berühmte Persönlichkeiten. Die Vergabe ehrte diese Personen und die akademische Gemeinschaft der Viadrina profitierte von deren Wirken als Lehrende und Vortragende.
Die Viadrina als Ort von Begegnungen
Seit ihrer Wiedergründung ist die Viadrina ein Ort bedeutungsvoller Ereignisse gewesen, die sich in die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen eingeschrieben haben. Anlässlich der Erinnerung an den Beginn des Zweiten Weltkrieges trafen sich am 1. September 1999 Bundespräsident Johannes Rau und der polnische Präsident Aleksander Kwaśniewski auf der Stadtbrücke über die Oder und reichten sich die Hände, bevor sie das Collegium Polonicum in Słubice besuchten. Im Jahr 2005 kamen Bundeskanzler Gerhard Schröder und der polnische Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski an der Viadrina zur Unterzeichnung einer „Gemeinsamen Erklärung über die Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern, Forschern und Studierenden der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen“ zusammen.
„Europa leben, Europa stärken“ lautete der Titel der Rede, die Außenministerin Annalena Baerbock zum Europatag am 9. Mai 2022 an der Viadrina hielt. Angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sagte sie: „Jetzt müssen wir Europa weiter vertiefen. Das heißt, ein klares Wertefundament weiter zu bauen und uns nicht nur zu erweitern, sondern gemeinsam zu vertiefen, so wie es seit Jahren an dieser Universität vorausgedacht wird.”
Vor allem als ein Ort innovativer, relevanter, interdisziplinärer kultur-, wirtschafts- und rechtswissenschaftlicher Forschung hat die Viadrina seit ihrer Wiederbegründung ihre Brückenfunktion in Europa wahrgenommen. An ihr lehrten und lehren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von nationalem und internationalen Rang. Mit renommierten Preisen ausgezeichnet wurden beispielsweise der Osteuropahistoriker Prof. Dr. Karl Schlögel und der Kultursoziologie Prof. Dr. Andreas Reckwitz. Dabei wurde die Universität von einer Reihe prägender Persönlichkeiten geführt und begleitet.
Seit 2011 entstanden neben den Fakultäten – als transdisziplinäre Zentren – eine Reihe neuer wissenschaftlicher Einrichtungen: 2011 das Zentrum für Interdisziplinäre Polenstudien, das 2023 zu einem Viadrina Center of Polish and Ukrainian Studies erweitert wurde; 2013 das Viadrina Center B/Orders in Motion und 2015 das Institut für Konfliktmanagement. 2022 wurde die European New School of Digital Studies (ENS) eröffnet. Die gemeinsam mit der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań unterhaltene grenzüberschreitende, internationale Lehr- und Forschungsinstitution widmet sich den sozialen und kulturellen Folgen der Digitalisierung.
Die alte Alma Mater Viadrina (1506 bis 1811)
Über 300 Jahre, von 1506 bis 1811 beherbergte Frankfurt (Oder) die erste brandenburgische Landesuniversität. Ihre Gründung unter Kurfürst Joachim I. ging maßgeblich auf das Betreiben des kurfürstlichen Rates Eitelwolf vom Stein (1465-1515) und des Lebuser Bischof Dietrich von Bülow (1460-1523) zurück. Gründungsrektor war der Theologe Conrad Wimpina (1460-1531), der zuvor Rektor der Universität Leipzig war. Er brachte 31 Magister und Doktoren aus Leipzig mit an die Oder. Die offiziell am 26. Februar 1506 gegründete Universitas Francofurtensis entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Bildungsstätten des brandenburgisch-preußischen Beamtenstaates. Mit durchschnittlich 150 Neuimmatrikulierten pro Jahr zählte sie zu den sechs größten der 19 Universitäten des Reiches. Ihre Professoren und Absolventen stiegen zum Teil in die höchsten Ämter Preußens auf, waren als Juristen in Diplomatie und Staatsgeschäften tätig, zählten als Theologen zu den obersten Kirchenherren der Mark Brandenburg und waren als Mediziner Leibärzte des Kurfürsten. Zu den berühmtesten Namen in den Matrikelbüchern der alten Oderuniversität zählen der Humanist Ulrich von Hutten (1488-1523), der Reformator Thomas Müntzer (1489-1525), der Musiker Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788), der Rechtsgelehrte Carl Gottlieb Svarez (1746-1798), die Gebrüder Wilhelm und Alexander von Humboldt (1767-1835 bzw. 1769-1859) und Heinrich von Kleist (1777-1811).
Die Liste der herausragenden Leistungen der Viadrina, an der bis 1811 mehr als 55.000 junge Leute studierten, ist lang. An vier Fakultäten – einer juristischen, theologischen, medizinischen und philosophischen – gelangten neben den Kernfächern auch Rhetorik, Geschichte, Astronomie, Mathematik und Musik als deren Teilgebiete zu hoher Blüte. Insgesamt trug die Oder-Universität in 25 Disziplinen zum Fortschritt der Wissenschaften bei.
Schon die alte Oder-Universität war in besonderem Maße auf ost-westliche Begegnungen ausgerichtet, erfüllte eine Brückenfunktion zwischen dem westlichen und östlichen Mitteleuropa. Mit ihrer geographischen Lage zog sie junge Leute aus dem märkischen, pommerschen, Lausitzer, schlesischen und großpolnischen Umland, aber auch aus dem entfernteren Osten an. Unter den Studierenden, die nicht aus deutschen Reichslanden stammten, belegten Studierende aus Polen-Litauen mit 1348 Immatrikulierten den ersten Platz. Allein im 17. Jahrhundert kamen 456 polnische Studierende in die Oderstadt. Sie studierten mehrheitilch an der theologischen Fakultät.
Frankfurt war ein Sammel- und Ausstrahlungspunkt von Humanismus und Aufklärung und die Viadrina zählte in ihrer Blütezeit zu den Avantgarde-Universitäten im ostelbischen Europa. Um die Wende zum 19. Jahrhundert verlor sie gleichwohl an Glanz und Einfluß. Nach der 1810 erfolgten Eröffnung der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, die heute den Namen der Gebrüder Humboldt trägt, musste sie 1811 ihre Pforten schließen. Einige ihrer Professoren lehrten anschließend an der Berliner Universität, andere wurden an die Universität Breslau versetzt, wohin auch Inventar und Bibliothek verlagert wurden.







