„Die wertvollsten Uni-Erfahrungen stehen nicht in einem Masterplan“ - Interview mit Philip Panek

Frankfurt (Oder) / Słubice, 

Philip Panek ist Absolvent des Studiengangs Deutsch-Polnisches Recht (GPL) an der Viadrina und dem Collegium Polonicum. Er ist als Sohn polnischer Eltern in Deutschland aufgewachsen und fühlt sich beiden Ländern und Rechtskulturen seit jeher eng verbunden. Als deutscher und polnischer Muttersprachler gilt sein besonderes Interesse der grenzüberschreitenden Rechtsarbeit und der praktischen Anwendung des Rechts.

Philip, was hat dich ursprünglich zum Deutsch-Polnischen Jurastudium hingezogen?
Das war mein persönlicher Hintergrund. Obwohl meine Eltern aus Polen stammen, bin ich in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen; dadurch habe ich mich immer beiden Ländern verbunden gefühlt. Da ich beide Sprachen fließend spreche und schon immer wusste, dass ich irgendwann einmal in Polen leben möchte, war dieser Studiengang für mich die logische Wahl. Außerdem war ich daran interessiert, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Rechtssystemen zu verstehen.

Panek_Philip_UV_2480

Was war rückblickend die größte Herausforderung beim Wechsel zwischen zwei verschiedenen Rechtssystemen?
Die größte Herausforderung war die Anpassung an zwei sehr unterschiedliche akademische und rechtliche Kulturen. In Deutschland hatte ich das Gefühl, dass der Schwerpunkt viel mehr auf dem Verständnis und der juristischen Argumentation liegt, während in Polen das Auswendiglernen und der historische Kontext eine viel größere Rolle spielen. Eine weitere Herausforderung war die Umstellung auf das juristische Polnisch, insbesondere im Hinblick auf das Schreiben und die juristische Terminologie.

Du warst im Senat der Universität und im Studierendenrat des Collegium Polonicum tätig. Was würden die Studierenden wohl überraschen, wenn sie wüssten, wie die Universität hinter den Kulissen funktioniert?
Die Studierenden wären wahrscheinlich überrascht, wenn sie wüssten, wie lange es an einer Universität dauern kann, selbst relativ kleine Entscheidungen zu treffen. Ein Vorschlag kann eine gefühlt endlose Anzahl von Ausschüssen, Diskussionen und Unterausschüssen durchlaufen, bevor etwas passiert. Was mir am meisten aufgefallen ist, war der Unterschied zwischen Deutschland und Polen. In Deutschland kam mir der Prozess oft sehr viel formalisierter und manchmal beeindruckend langsam vor – es schien, als gäbe es für jeden Schritt eine Sitzung, bevor der nächste erreicht wird. In Polen konnten die Diskussionen sehr viel direkter und manchmal wirklich unterhaltsam sein, weil der verbale Schlagabtausch so offen war. Trotzdem kamen die Ergebnisse oft viel schneller zustande. Was die Studierenden also selten sehen, ist, dass die Hochschulleitung kein fernes, unantastbares System ist – sie ist ein sehr menschlicher Prozess, der von Persönlichkeiten, Meinungsverschiedenheiten und manchmal auch von einer überraschenden Portion Theater geprägt ist.

Hast du einen Unterschied in der Herangehensweise polnischer und deutscher Studierender an studentisches Engagement und Hochschulpolitik festgestellt?
Mein erster Eindruck war, dass studentisches Engagement in Deutschland etablierter und organisierter war. An der Viadrina waren Gremien wie der AStA, das Studierendenparlament und die Fakultätsräte bereits sehr präsent. Im Gegensatz dazu schien die studentische Vertretung auf polnischer Seite zunächst viel weniger aktiv zu sein. Das änderte sich jedoch, als einige von uns wieder aktiv wurden und dazu beitrugen, sie wieder zu beleben. Vom Stil her würde ich sagen, dass die deutsche Seite formeller und ruhiger wirkte, während die polnische Seite oft direkter, emotionaler und energischer war. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass die Studierenden dort konkretere Ergebnisse von ihren Vertretern erwarteten. Insgesamt würde ich sagen, dass der deutsche Ansatz eher institutionell ist, während der polnische Ansatz unmittelbarer und dynamischer wirkt. Beide Seiten können etwas voneinander lernen.

Du bist auch Mitglied des Prüfungsausschusses für die Studiengänge Deutsch-Polnisches Jurastudium und Magister des Rechts – eine große Verantwortung. Was hat dir am meisten die Augen geöffnet, als du den akademischen Bewertungsprozess von der anderen Seite aus gesehen hast?
Der Prozess ist nicht willkürlich oder übermäßig hart, sondern eher das Gegenteil. Die Abläufe sind sehr formalisiert und regelbasiert, und meiner Erfahrung nach wurden die Regeln sehr studierendenfreundlich ausgelegt. Auch die menschliche Seite des Verfahrens ist mir aufgefallen. Selbst innerhalb einer formalen Struktur ist es klar, dass jede Abstimmung eine direkte Auswirkung auf eine*n einzelne*n Student*in haben kann. Das lässt die Verantwortung sehr real erscheinen. Diese Entscheidungen werden oft sorgfältiger und wohlwollender getroffen, als Studierende vielleicht vermuten.

Du bist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Viadrina Compliance Center. Warum hast du dich für diesen Bereich entschieden?
Während meines Studiums habe ich das Viadrina Compliance Centers kennengelernt. Ich habe mich dort beworben und bin nach und nach in den Bereich hineingewachsen. Es war die Kombination aus juristischer Analyse und Praxisbezug, die mich zum Bleiben bewegt hat. Diese Schnittmenge finde ich besonders interessant, zumal Compliance ein so interdisziplinäres Feld ist. An der Arbeit im Viadrina Compliance Centre schätze ich auch den engen Bezug zur Praxis. Ich hatte die Möglichkeit, mich mit Praktiker*innen auszutauschen, an Konferenzen teilzunehmen und an eigenen Forschungsprojekten zu arbeiten. Diese Mischung aus akademischer Arbeit und Praxisbezug ist sehr bereichernd. Ich hatte auch das Glück, von Menschen beeinflusst zu werden, die sich in diesem Bereich stark engagieren, insbesondere Prof. Dr. Bartosz Makowicz und Dr. Bartosz Jagura.

Zwischen dem Senat, dem Rat, den Gremien und deinem Studium muss dein Terminkalender sehr voll gewesen sein. Was ist dein Geheimnis, um organisiert zu bleiben?
Wann immer die Dinge intensiv wurden, ging ich strukturierter vor. Ich habe To-Do-Listen erstellt, mich an Routinen gehalten und alles systematisch durchgearbeitet. Was mir am meisten geholfen hat, war, die schwierigsten Aufgaben immer zuerst anzugehen. Mein genereller Ansatz war immer derselbe: Nutze jede Gelegenheit, die sich dir bietet, und erledige alles mit hundertprozentigem Engagement.

Du bist auch aktiver Spieler der Fußballmannschaft des USC Viadrina. Hilft dir der Fußball, nach einem langen Tag der juristischen Analyse den Kopf frei zu bekommen?
Fußball hat mir sehr dabei geholfen, während meines Studiums ein Gefühl der Ausgeglichenheit zu bewahren. Nach stundenlanger juristischer Analyse bot das Training eine dringend benötigte mentale Pause, und ich habe oft festgestellt, dass ich danach mit viel größerer Konzentration an meine Arbeit zurückkehren konnte. Ich mag es, dass der Fußball viel direkter und unkomplizierter ist als die akademische Welt. Er gibt mir Energie und hilft mir, Stress abzubauen. Ich glaube auch, dass Fairplay über das Spielfeld hinaus wichtig ist – die Art und Weise, wie man sich in solchen Momenten verhält, sagt viel über seinen Charakter aus.

Wenn du Studienanfänger*innen, die in deine Fußstapfen treten und sich am Universitätsleben beteiligen möchten, einen Rat geben könntest, wie würde der lauten?
Nutzt jede Gelegenheit, die sich euch bietet, und wartet nicht auf den perfekten Moment! Einige der wertvollsten Erfahrungen an der Universität stehen nicht in einem Masterplan. Sie entstehen, wenn man neugierig ist, neue Erfahrungen macht und Gelegenheiten wahrnimmt. Ihr müsst nicht genau wissen, wohin alles führen wird. Manchmal merkt man erst später, wie viel man aus einer bestimmten Aufgabe, einem Projekt oder einer Erfahrung gelernt hat. Und wenn ihr euch für etwas entscheidet, dann tut es auch richtig. Engagement ist wichtig. Die Universität bietet viel mehr als nur Vorlesungen und Prüfungen, und einige der prägendsten Erfahrungen finden außerhalb des Seminarraums statt, zum Beispiel durch studentische Initiativen, Gremien, Sport oder die Übernahme von Verantwortung. Mein Rat: Bleibt offen und neugierig, und wenn ihr euch entscheiden, euch zu engagieren, gebt alles!

Das Interview mit Philip Panek ist Teil einer Serie, die von den ERUA Student Engagement Coaches initiiert wurde. Das Arbeitspaket „Studentisches Engagement" innerhalb der European Reform University Alliance (ERUA) spielt eine zentrale Rolle bei der Förderung einer aktiven und partizipativen Universitätskultur. Die Viadrina leitet dieses Arbeitspaket innerhalb der Allianz.

Die Student Engagement Coaches an der Viadrina werden durch das Programm "European University Networks (EUN) - Nationale Initiative" des DAAD gefördert.

Die folgenden Artikel sind bereits in dieser Reihe veröffentlicht worden:

Jakub Małolepszy

Mehr über ERUA an der Viadrina

Beitrag teilen:


Zurück zum Newsportal

Press and Communication