„Wir haben eine Gemeinschaft über Grenzen hinweg geschaffen“ – Interview mit Prof. Dagmara Jajeśniak-Quast

Frankfurt (Oder), 

Seit 2014 ist Prof. Dr. Dagmara Jajeśniak-Quast Professorin für Interdisziplinäre Polenstudien an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Viadrina. Außerdem ist sie Leiterin des Viadrina Center of Polish and Ukrainian Studies (VCPU). Ihre Verbindung zur Viadrina reicht jedoch bis zu deren Anfängen zurück: Sie gehörte zu den ersten Studierenden, die sich bei der Neugründung der Universität im Jahr 1992 einschrieben. In diesem Interview spricht sie über diese Pionierjahre, ihre persönliche Reise über die Grenzen hinweg und die Zukunft der Viadrina als eine der internationalsten Universitäten in Deutschland.

Dagmara Jajeśniak-Quast, Sie sind seit mehr als 30 Jahren mit der Viadrina verbunden – erst als Studentin, jetzt als Professorin. Was bedeutet diese Universität für Sie persönlich?
Die Viadrina ist ein Teil meiner Lebensgeschichte. Ich kam 1992 als eine der allerersten Studierenden hierher, und in vielerlei Hinsicht haben wir die Universität gemeinsam mit unseren Professor*innen aufgebaut. Wir haben nicht nur eine Ausbildung erhalten – wir haben eine Gemeinschaft über Grenzen hinweg geschaffen. Dieser Geist hat mich nie verlassen.

Wie kam es dazu, dass Sie hier studierten?
Es war fast ein Zufall. Ich hatte die juristische Aufnahmeprüfung an der Jagiellonen-Universität in Krakau bestanden und begann sogar dort zu studieren. Zur gleichen Zeit arbeitete ich im Sommer in England, um Geld zu verdienen. Meine Mutter sah im polnischen Fernsehen, dass in Frankfurt (Oder) gerade eine neue Universität eröffnet worden war und dass sie noch Studierende mit Deutschkenntnissen suchte. Sie erledigte den ganzen Papierkram, während ich im Ausland war, und am Ende bestand ich die Aufnahmeprüfung für Wirtschaftswissenschaften an der Viadrina. Ich musste mich schnell entscheiden: in Krakau bei der Rechtswissenschaft bleiben oder an dieser unbekannten Universität an der deutsch-polnischen Grenze einen völlig neuen Weg einschlagen. Ich habe mich für die Viadrina entschieden.

Prof. Dagmara Jajeśniak-Quast

Wie waren die ersten Semester?
Wir waren nur etwa 300 Studierende. Das Hauptgebäude befand sich noch im Bau, sodass einige Vorlesungen in Kinos oder örtlichen Schulen stattfanden. Wir mussten jeden Tag zu Fuß oder mit dem Fahrrad über die Grenze gehen – auch im Winter – weil es keine richtige Busverbindung gab. Das war nicht immer einfach, aber es schuf eine besondere Atmosphäre. Wir kannten alle unsere Professor*innen persönlich, die Seminare waren klein, und es gab das Gefühl, Teil von etwas Neuem zu sein, etwas, das wir gemeinsam gestalteten.

Wie kamen damals polnische und deutsche Studierende zusammen?
Zunächst lebten die polnischen Studierenden meist in Słubice, die deutschen in Frankfurt. Die finanziellen Unterschiede machten es schwierig. Aber sehr schnell haben wir gemerkt, dass wir zusammenkommen müssen. Gemeinsam mit einigen Freund*innen gründete ich den Krakauer Kreis, benannt nach meiner Heimatstadt. Wir organisierten Debatten, Ausflüge und kulturelle Veranstaltungen. Dank der Unterstützung durch deutsche Stiftungen reisten wir durch Polen und Deutschland, trafen Politiker*innen, besuchten Parlamente und lernten voneinander. Diese Erfahrungen brachten uns Netzwerke und Freundschaften, die bis heute lebendig sind.

Sie haben erwähnt, dass das Uni-Leben außerhalb der Vorlesungen sehr wichtig ist. Was genau meinen Sie damit?
Auf jeden Fall. Ich sage meinen Studierenden heute immer: Die eine Hälfte eurer Ausbildung findet im Klassenzimmer statt, die andere Hälfte draußen: in Initiativen, Projekten und den Dingen, die ihr selbst schafft. Damals mussten wir alles selbst erfinden: studentische Parteien, das Parlament, Organisationen. Es war eine Schule der Verantwortung und der Kreativität.

Sprachen spielten auch eine große Rolle in Ihrer Geschichte.
Ja. Ich kam mit Russisch und etwas Deutsch aus der Schule, aber ohne Englisch. Anfangs habe ich die Wirtschaftsvorlesungen überlebt, weil man für Zahlen nicht viele Worte braucht. Später merkte ich, dass ich Englisch für die Marketing- und Managementkurse brauchte. Polen war noch nicht in der EU, also konnte ich nicht mit Erasmus ins Ausland gehen. Stattdessen ging ich auf eigene Faust nach Chicago, arbeitete als Babysitterin und lernte abends Englisch. Das war hart, aber es hat mir eine ganz neue Welt eröffnet, auch für meine spätere akademische Arbeit.

Sie haben auch wichtige europäische Meilensteine direkt hier an der Grenze miterlebt. Welche Momente ragen heraus?
Polen ist 2004 der EU beigetreten, 2007 folgte der Schengen-Beitritt und schließlich 2011 die Öffnung des Arbeitsmarktes. Bei jedem dieser Ereignisse bin ich um Mitternacht auf die Brücke gegangen, um zu feiern, manchmal sogar mit meiner kleinen Tochter im Arm. Das waren Momente der Freude, der Hoffnung und des Glaubens an Europa. Deshalb schmerzt es so sehr, dass die Grenzkontrollen heute wieder eingeführt werden.

Wie sehen Sie die Rolle der Viadrina in der Zukunft?
Internationalität liegt in der DNA der Viadrina. Wir sind nach wie vor die einzige Universität in Europa mit einem Campus auf beiden Seiten einer Landesgrenze – in Deutschland und Polen. Das ist einzigartig und schützenswert. Gerade heute, in Zeiten von Kriegen und wachsendem Nationalismus, müssen wir eine Insel der Offenheit sein, auf der sich Studierende aus aller Welt treffen, lernen und gemeinsam eine Zukunft aufbauen. Das ist der Auftrag, den wir in den 1990er-Jahren begonnen haben – und der heute genauso wichtig ist.

Das Interview mit Dagmara Jajeśniak-Quast ist Teil einer Serie, die von den ERUA Student Engagement Coaches initiiert wurde. Das Arbeitspaket „Studentisches Engagement“ innerhalb der European Reform University Alliance (ERUA) spielt eine zentrale Rolle bei der Förderung einer aktiven und partizipativen Hochschulkultur. Die Viadrina leitet dieses Arbeitspaket innerhalb der Allianz.
Die Student Engagement Coaches an der Viadrina werden finanziert durch das Begleitprogramm „Europäische Hochschulnetzwerke (EUN) – nationale Initiative“ des DAAD.

Saliqa Parveen

Mehr über ERUA an der Viadrina

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