Drei Monate in Frieden arbeiten – Olena Chemodanova über ihren Aufenthalt an der Viadrina

Nicht nur Studierende und Forschende aus der Ukraine haben in den vergangenen Monaten eine Zuflucht an der Viadrina gefunden. Olena Chemodanova, die eigentlich Erasmus-Studierende an der Nationalen Universität Kyjiw-Mohyla-Akademie betreut, arbeitet seit einigen Wochen in der Abteilung International Affairs. Der Aufenthalt an der Viadrina im Rahmen des Erasmus-Beschäftigtenaustausches war für sie eine Möglichkeit, dem Grauen des Krieges in der Ukraine zu entkommen.

Waren Erasmus-Semester bisher eine willkommene Gelegenheit, andere Länder zu bereisen, Sprachen zu lernen und internationale Freundschaften zu knüpfen, sind sie für ukrainische Studierende seit dem Frühjahr dieses Jahres auch eine Möglichkeit, vor dem Krieg zu fliehen und in Sicherheit zu studieren. Was das bedeutet, weiß Olena Chemodanova. Seit 2020 ist sie an der Nationalen Universität Kyjiw-Mohyla-Akademie zuständig für Studierende, die für ein oder zwei Semester ins Ausland gehen. Derzeit arbeitet sie im Rahmen eines Erasmus-Programms in der Abteilung International Affairs an der Europa-Universität. „Wir haben mit vielen Universitäten Austauschbeziehungen, aber die zur Viadrina sind die wärmsten“, sagt sie. Das Angebot der Europa-Universität, zusätzliche Studierende aufzunehmen, haben auch an der Kyjiw-Mohyla-Akademie viele angenommen. Normalerweise vermittelt Olena Chemodanova pro Semestern zwei bis vier ihrer Studierenden nach Frankfurt (Oder) – im laufenden Sommersemester waren es 17, genauso viele werden es im Wintersemester sein. Insgesamt hat sich die Zahl der Studierenden ihrer Universität, die im Ausland studieren, verachtfacht.

DSC02147_600 ©Frauke Adesiyan

Angesichts dieser Zahlen schaut Olena Chemodanova auf arbeitsreiche Monate zurück. Vor allem aber geriet ihr persönliches Leben mit Beginn des Krieges aus den Fugen. Die Heimatstadt der 32-jährigen Historikerin ist Severodonetsk in der ostukrainischen Provinz Luhansk. Mit der Besetzung durch die russische Armee verlor die Familie ihr Zuhause. Auch der Kyjiwer Vorort, in dem Olena zu Kriegsausbruch wohnte, wurde von russischen Truppen besetzt. Sie sah aus ihrem Fenster Raketen fliegen, es gab keinen Strom und kein Internet, vor der Tür marschierten russischen Soldaten auf und ab. „Es war schrecklich, ich hätte auch getötet werden können“, sagt sie. Als Oleksii Isakov – ihr Ansprechpartner an der Viadrina – ihr in diesen ersten Kriegswochen im April vorschlug, im Rahmen eines Beschäftigten-Austauschprogramms für drei Monate an die Europa-Universität zu kommen, sagte sie schnell zu. Bis Mitte September wohnt sie nun mit ihrer Mutter in Słubice und arbeitet Tür an Tür mit Oleksii Isakov und Bernd Schünow, die sie vorher nur vom Telefon kannte.

Sie schätzt an der Viadrina die besondere interkulturelle Atmosphäre und interessiert sich dafür, wie die Abteilung für Internationales ihre Prozesse organisiert. Neben dem Kennenlernen der Gast-Uni arbeitet sie weiter aus der Ferne für ihre eigene Abteilung in Kyjiw. Zusätzlich entwickelt sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen an der Viadrina weitergehende Projekte zur Unterstützung ukrainischer Hochschulen. So ist es geplant, Beschäftigte und fortgeschrittene Studierende aus der Ukraine an der Viadrina aufzunehmen, die dann digital weiter an ihren ukrainischen Einrichtungen arbeiten.

Viel Zeit verbringt sie mit anderen Ukrainerinnen und Ukrainern. „Es ist schön, dass ich meine Studierenden hier treffen kann“, sagt sie. Viele seien mit ihren Müttern oder jüngeren Geschwistern angereist. Erfreut stellt sie fest, dass viele der ukrainischen Studierenden im Ausland optimistisch gestimmt seien. „Sie machen Pläne für die Zukunft, finden Arbeit, auch hier an der Viadrina, oder gehen anschließend in andere Länder“, sagt sie.

Auch Olena Chemodanova selbst genießt es, dass sie ihre Arbeit derzeit in Ruhe und Frieden erledigen kann. Und sie bestaunt Dinge, die vielen in der Doppelstadt längst selbstverständlich erscheinen. So beschreibt sie nach einem Besuch des Viaphoniker-Konzertes ihre Beobachtungen bei Facebook: „Das Konzert des Universitätsorchesters findet auf zwei Sprachen statt: Polnisch und Deutsch. Menschen leben ruhig, kommunizieren, heiraten und niemand hat Angst, dass jemand sagen könnte: Słubice ist deutsch.“ Sie habe bei diesem Konzert daran denken müssen, dass eine solche friedliche Koexistenz an der nördlichen und östlichen Grenze der Ukraine undenkbar sei.

Wie es für Olena nach ihrem Viadrina-Aufenthalt weitergeht, ist noch ungewiss. Derzeit bewirbt sie sich für ein PhD-Programm in Prag. Auch eine Rückkehr nach Kyjiw schließt sie nicht aus: „Ich mag meine Universität, ich würde gern ins normale Leben zurückkehren“, sagt sie und ist sich bewusst, wie ungewiss der Zeitrahmen für diesen Wunsch ist.

 (FA)

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