„Die Menschen aus der Ukraine brauchen nicht nur Mitleid, sondern vor allem einen Dialog auf Augenhöhe!“ – Gespräch mit Viadrina-Mitarbeiter Oleksii Isakov

Oleksii Isakov, geboren in Odesa, kam 2012 mit einem DAAD-Graduiertenstipendium an die Viadrina. Nachdem er seinen Master of Intercultural Communication Studies absolviert hat, begann er in der Abteilung Viadrina Internationale Angelegenheiten zu arbeiten. Dort koordiniert er seit sechs Jahren die Austausch- und Stipendienprogramme mit der Ukraine und anderen osteuropäischen Ländern. Seit 2021 arbeitet er zusätzlich an seiner Promotion am Lehrstuhl für Osteuropäische Literaturen. Im Interview schildert er seine Sicht auf Russlands Krieg gegen die Ukraine und warum er das Gefühl hat, dass sich Geschichte wiederholt.

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Nach dem Aufwachen liest Oleksii Isakov als erstes die Nachrichten, checkt Telegram-Kanäle, die über die Lage in der Ukraine und in seiner Heimat Odesa berichten. Immer mit der Sorge, dass in der Nacht etwas Schlimmes passiert sein könnte. „Ich versuche, nicht ständig von diesen Nachrichten überflutet zu werden“, sagt der 32-Jährige. Vor allem die ersten Wochen seit Kriegsbeginn seien aber sehr schwierig gewesen. „Am Anfang habe ich meine Eltern dringend gebeten, das Land zu verlassen“, erzählt er. Sie sind geblieben, wollten ihr Haus nicht aufgeben, die Stadt nicht verlassen, in der sie ihr ganzes Leben verbracht haben. „Ich habe dann verstanden, dass sich die Außen- von der Innenperspektive unterscheidet. Dass die Wahrnehmung von Gefahr und von den Kriegsumständen bei jeder Person anders ist“, sagt er. „Natürlich habe ich ‚Glück‘, dass meine Familie in Odesa wohnt, eine Stadt, die im Vergleich zu anderen Städten im Osten oder zu Kyjiw noch weitestgehend unbeschädigt geblieben ist“, fügt er hinzu. So konnte er die Entscheidung seiner Eltern schließlich akzeptieren. Aber viele seiner Freunde und Teile seiner Familie seien ausgereist, halten sich in Spanien, Italien, Deutschland, Polen oder in weniger vom Krieg betroffenen ukrainischen Städten auf.

„Ich bin froh darüber, dass ich hier arbeiten und forschen kann.“

Auch durch seine Arbeit, er koordiniert das Stipendienprogramm ERASMUS+, hat Isakov unmittelbar Teil am Schicksal vieler Studierender aus der Ukraine. „Als Übergangsoption beziehungsweise sicherer Ort fürs Studium ist es sehr wichtig, dass die Viadrina diese Stipendien anbieten kann“, betont er. „Ich treffe alle Austauschstudierenden persönlich. Die Geschichten, die sie erzählen, sind krass, je nachdem, aus welchem Teil der Ukraine sie kommen. Wir haben viele Studierende aus Charkiw, wo die Uni zerbombt wurde, Studierende aus Mariupol, die kein Zuhause mehr haben. Das trifft mich auch persönlich sehr und ich brauche dann wieder eine Weile, um runterzukommen“, stellt Isakov nüchtern fest. Vor Kriegsausbruch waren vier Stipendienplätze eingeplant, inzwischen betreut Oleksii Isakov 35 Austauschstudierende aus der Ukraine – die Viadrina hat die Kapazitäten dank EU-Mitteln drastisch erhöht. Ein schierer Kraftakt: In kürzester Zeit musste die Abteilung Viadrina Internationale Angelegenheiten Versorgung und Betreuung der Studierenden sicherstellen, alle Formalitäten klären. „Die komplette Vorbereitung für den Auslandsaufenthalt, also von der Auswahl der Studierenden bis zur Anreise, was normalerweise drei bis vier Monate dauert, haben wir jetzt in zwei bis drei Wochen durchgeführt“, so Isakov. Doch seine Arbeit gebe ihm auch ein gutes Gefühl. „Ich habe das Gefühl, dass ich auf diese Weise mehr für die Ukraine machen kann, als wenn ich vor Ort wäre.“ Er lobt das starke Engagement der Europa-Universität für die Ukraine: „Ich finde, die Viadrina macht – auch im Vergleich zu anderen Universitäten in Deutschland – sehr, sehr viel. Ich bin froh darüber, dass ich hier arbeiten und forschen kann.“

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Klares Statement gegen die imperiale Politik Wladimir Putins. - Fotos: Heide Fest


Inzwischen hat Isakov, der im Rahmen des Projekts „European Times (EUTIM)“ promoviert, auch wieder mehr Kraft, sich der Forschung zu widmen. Seine Doktorarbeit behandelt den Ukrainischen Poetischen Film der 1960/70er Jahre. Bei seinem Promotionsvorhaben ist ihm wichtig, das „speziell Ukrainische herauszukristallisieren, die Differenzierung zur großsowjetischen Kultur auszuarbeiten“. Dies fehle in der deutschsprachigen Forschung – und in der deutschen Gesellschaft. „In Deutschland sagt man oft ‚russisch‘, wenn man eigentlich ‚sowjetisch‘ meint“, stellt er fest. Auch dass die meisten deutschen Medien noch immer die russische Transliteration ukrainischer Städte benutzen, stört ihn. Mit seiner Doktorarbeit will er deshalb auch einen Beitrag dazu leisten, die Ukraine als eigenständigen Kulturraum darzustellen. „Besonders jetzt scheint mir das sehr wichtig, in einer Zeit, wo vor allem die staatliche Eigenständigkeit aber auch die ukrainische Authentizität von Putin und von Russland in Frage gestellt werden“, unterstreicht Isakov. Denn: „Die imperiale Rhetorik, die ich durch meine Forschung kenne, ist zurückgekommen! Narrative und Begriffe, welche die derzeitige russische Regierung benutzt, gehen auf die Zeit der Sowjetunion und des Russländischen Reichs zurück. Ich dachte, das kommt nie wieder, das sei Vergangenheit. Und jetzt lese ich Texte aus den 1960er-Jahren oder früher, die man 1:1 auf die jetzige Situation übertragen kann.“

Deshalb sei perspektivisch der EU-Beitritt wichtig. Menschen aus der Ukraine sollten sich dem gemeinsamen Europa zugehörig fühlen können. „Wir wollen behandelt werden wie andere Europäerinnen und Europäer auch.“ Die Menschen aus der Ukraine bräuchten nicht nur Mitleid, sondern vor allem einen Dialog auf Augenhöhe, sagt der Kulturwissenschaftler. „Insbesondere jetzt ist die Unterstützung von außen unglaublich wichtig, aber nach dem Sieg wollen wir das Land selbständig aufbauen können!“

Am 25. Juli präsentiert Oleksii Isakov sein Promotionsvorhaben im Osteuropa-Kolloquium: ‘Schatten vergessener Ahnen’ (1964): Ein Meisterwerk des Ukrainischen Poetischen Kinos im politischen und kulturellen Kontext der Tauwetter-Periode.

(YM)