Sprachwissenschaftler Vasyl Tkachivsky spricht zum Abschluss der Ringvorlesung „Inside/Outside Ukraine“

Seit einem Semester arbeiten ukrainische Forschende an der Viadrina, weil es ihnen in ihrer Heimat angesichts des Krieges nicht mehr möglich ist. Die Ringvorlesung „Inside/Outside Ukraine. Ukrainian Affairs and Research @Viadrina“ gab ihnen die Möglichkeit, ihre Perspektiven vorzustellen. Zum Abschluss sprach am 19. Juli 2022 der Sprachwissenschaftler Vasyl Tkachivsky von der Nationalen Wassyl-Stefanyk-Universität der Vorkarpaten. Er hat mit seiner Frau und seinen zwei erwachsenen Kindern in Frankfurt (Oder) eine vorübergehende Heimat gefunden.

Vasyl Tkachivsky hielt seinen Vortrag in geschliffenem Deutsch – eine Sprache, die ihn schon sein gesamtes Berufsleben begleitet. In Lwiw hat er einst Deutsch studiert, hat als Reiseführer gearbeitet, später im ukrainischen Werk einer deutschen Chemiefirma gedolmetscht. Heute ist das westukrainische Iwano-Frankiwsk sein Zuhause – die Stadt, die 1962 nach dem ukrainischen Schriftsteller Iwano Franko benannt wurde. Ihm widmet Vasyl Tkachivsky seine Forschung.

Auswahl_Tkachivsky_600 ©Frauke Adesiyan

Vasyl Tkachivsky (3.v.r.) mit Prof. Dr. Dagmara Jajeśniak-Quast, seiner Frau Maria, Tochter Iryna, Sohn Deniz, Mateusz Wojciechowski und Dr. Susann Worschech, Organisatorin der Ringvorlesung (von rechts nach links).


Für die Ringvorlesung „Inside/Outside Ukraine“ hatte er sich jedoch ein anderes Thema gewählt. Er beleuchtete verschiedene Aspekte der Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine in deutschen Medien. Er beklagte, wie wenig die Ukraine vor der Ausweitung des Krieges im Februar 2022 thematisiert worden war und äußerte sich verständnislos über das Ringen um den richtigen Begriff für den Krieg von „Ukraine-Konflikt“ über „Ukraine-Krise“ bis zu „Putins Krieg“. Er kritisierte auch die stets wiederholte Äußerung in deutschen Medien, man könne das Geschehen in der Ukraine nicht unabhängig prüfen, während man Äußerungen etwa der türkischen Staatsführung unreflektiert zitiere. Bei aller konkreter Kritik lobte er die deutschen Medien für ihre Unabhängigkeit. Er entgegnete einer Zuhörerin, die von viel Enttäuschung in der ukrainischen Community über die deutsche Berichterstattung erzählte, mit dem ukrainischen Sprichwort: „Der Satte kann den Hungrigen nicht verstehen.“ Was er meinte: „Die Deutschen unterschätzen ihr Land, sie haben wunderbare Medien, jede Seite wird gehört.“

Auch am ersten Tag des Krieges gegen sein Land schaltete Vasyl Tkachivsky in Iwano-Frankiwsk als erstes das deutsche Frühstücksfernsehen ein, wo bereits im Krisenmodus die Berichte aus der Ukraine liefen. Seine Tochter Iryna, die bereits seit 2018 an der Viadrina Interkulturelle Kommunikation studiert und am Zentrum für Interdisziplinäre Polenstudien als studentische Hilfskraft arbeitet, war damals in Frankfurt, genauso wie sein Sohn Deniz, der nach seinem Master-Abschluss in Kyjiw zu Besuch bei seiner Schwester war. Schnell steht für Vasyl Tkachivsky und seine ebenfalls an der Universität lehrende Frau Maria fest, dass auch sie nach Frankfurt gehen. Von der Volkswagenstiftung wird der Forschungsaufenthalt an der Viadrina finanziert. „Ich wurde von den Kolleginnen und Kollegen des Zentrums für Internationale Polenstudien herzlich empfangen; es ist eine wunderschöne Mannschaft und ich schätze den Austausch sehr“, sagt der Sprachwissenschaftler.

Er nutzt seinen Aufenthalt, um viele Veranstaltungen zu besuchen, Antrittsvorlesungen wie die von Dr. (habil.) Estela Schindel und Prof. Dr. Benjamin Lahusen, das Forschungskolloquium mit Basil Kerski, aber auch das Konzert „Von der Ukraine für die Ukraine“ Ende Juni in der Frankfurter Friedenskirche, das seine Tochter Iryna moderierte. Wenn das Semester nun zu Ende geht, wird er sich der Arbeit in Bibliotheken und in Archiven widmen. Gerade vertieft er sich in eine Übersetzung der Erzählung „Für den häuslichen Herd“ von Iwan Franko, die 1892 in der deutschen „Arbeiter-Zeitung“ erschienen ist. „Zuerst erschien sie auf Polnisch und Ukrainisch. Die Übersetzung fand ich im deutschen Zeitungsarchiv der Staatsbibliothek, einem ehemaligen Getreidespeicher am Westhafen in Berlin. Es gibt in den ukrainischen Quellen kaum Information über die Übersetzerin Felicia Pruchnikova. Ich hoffe etwas über sie in der Universitätsbibliothek der Viadrina und des Collegium Polonicum zu finden. Außerdem plane ich, die Übersetzung gründlich zu untersuchen“, beschreibt Tkachivsky sein Vorhaben.

Während er in Deutschland lebt und arbeitet, geht auch das Leben an seiner Heimatuniversität weiter. Nach einem Semester der Online-Lehre will man an der Vorkarpaten-Universität im Herbst wieder in Präsenz arbeiten. Tkachivsky und seine Frau wollen langfristig ebenfalls zurückkehren. Tkachivsky hofft für diese Zeit auf eine engere Zusammenarbeit seiner ukrainischen Universität mit der Viadrina. „Das wäre für uns von großer Bedeutung. Wir könnten zusammen Konferenzen veranstalten, verschiedene Projekte organisieren und unsere Studierenden in Kontakt bringen“, so Tkachivskys Vision.

Für Dr. Susann Worschech, die die Ringvorlesung organisiert hatte, ist genau diese langfristige Perspektive entscheidend. Die einzelnen Beiträge der Reihe „Inside/Outside Ukraine“ seien vor allem durch ihre Vielfalt besonders spannend gewesen, sagte sie zum Abschluss. Noch wichtiger sei aber die tagtägliche Zusammenarbeit von Forschenden der Viadrina mit den ukrainischen Kolleginnen und Kollegen und das starke Zeichen für die deutsch-ukrainische Wissenschaftszusammenarbeit, das von diesem Alltag ausgehe. Für das Wintersemester kündigte Susann Worschech eine fakultätsübergreifende Ringvorlesung an, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Begriff der „Zeitenwende“ auseinandersetzt.

(FA)