Studierende erkunden Spuren des „Holocaust durch Kugeln“ in der Region Lublin

Lublin / Frankfurt (Oder), 

Vom 15. bis 20. Juni 2026 besuchten 15 Studierende der Viadrina und der Touro University Orte ehemaligen jüdischen Lebens sowie des Holocausts in der Lubliner Region und sprachen mit Zeitzeug*innen. Die Exkursion wurde organisiert von der französischen gemeinnützigen Organisation Yahad In Unum. Sie war Teil eines Seminars über den sogenannten „Holocaust durch Kugeln“, das Dr. habil. Frank Grelka (Viadrina) und Prof. Dr. Stephan Lehnstaedt (Touro University) gemeinsam angeboten haben.

Während des Gesprächs mit den Studierenden fielen dem 98-jährigen Zeitzeugen Władysław M. plötzlich die Vornamen seiner ehemaligen jüdischen Mitschüler*innen ein. Diese lebten in der nahen Kleinstadt Szczebrzeszyn. Besonders mit einer jüdischen Familie war Władysławs Familie bekannt; die gleichaltrige Tochter Hania war eine Spielkameradin. Eindrucksvoll schildert er den 15 Studierenden aus Deutschland, Polen, der Ukraine, Frankreich, Russland, Israel und Japan seine Erinnerungen an die Zeit der deutschen Besatzung Polens.

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Insbesondere der Kriegsbeginn am 1. September 1939 ist noch sehr präsent: die Luftangriffe auf eine nahegelegene Fabrik sowie die erste Begegnung mit deutschen Soldaten. Auch von der Ermordung der jüdischen Nachbar*innen durch Erschießungen oder von ihrer Deportation in das Vernichtungslager Bełżec durch die Deutschen berichtete Władysław M. Diese Verbrechen blieben auch der nicht-jüdischen Bevölkerung nicht verborgen. Nach der Begegnung mit Władysław M. besuchten die Studierenden die ehemalige Synagoge des Städtchens, die heute ein Kulturzentrum ist, sowie den jüdischen Friedhof, auf dem die Erschießungen stattgefunden hatten.

„Ziel der Exkursion Holocaust durch Kugeln ist es, den Studierenden zu zeigen, dass der Holocaust nicht nur in den Konzentrationslagern stattgefunden hat, sondern ein ganzes Land, eine ganze Region betraf. Ein Viertel der sechs Millionen ermordeten Juden und Jüdinnen starb durch Massenerschießungen vor Ort, in den kleinen Ortschaften vor den Augen der nicht-jüdischen Bevölkerung“, sagt Stephan Lehnstaedt, Professor für Holocaust- und Jüdische Studien an der Touro University, der gemeinsam mit Dr. Frank Grelka vom Viadrina Center of Polish and Ukrainian Studies (VCPU) an der Viadrina diese Exkursion organisiert und im Rahmen von Lehrveranstaltungen vorbereitet hat.

Die Besuche der Gedenkstätten Majdanek und Bełżec vermitteln den Studierenden das Erinnern am authentischen Ort in seiner ganzen Bandbreite: wissenschaftliche Forschung, eine vielfältige Vermittlungsarbeit sowie das Gedenken durch eindrucksvolle Mahnmale. Dagegen sind die Spuren in dem kleinen Städtchen Trawniki nur mit Hilfe der Kolleg*innen von Yahad In Unum zu finden. Insbesondere das Gespräch mit Pani Zofia, einer weiteren Zeitzeugin, in ihrem Garten, vermittelt den Studierenden, was hier in der Zeit vor und während der deutschen Okkupation geschehen ist.

Wie das Gedenken an den Holocaust sich nach 1989 in Polen entwickelt hat, zeigt die Lubliner Geschichtsinitiative Teatr NN – Brama Grodzka. Jedes Haus und jede*r Bewohner*in des untergangenen jüdischen Lebens in der Stadt sind dokumentiert; Interviews ergänzen die Dokumente. Zu Fuß erkunden die Studierenden die Spuren der Vernichtung, die sich durch die gesamte Stadt ziehen, sowie das Gedenken an eben jene Vernichtung: eine Straßenlaterne, die ewig brennt, ein Gedicht an einer Hauswand, Stolpersteine, die den Umriss des ehemaligen Ghettos aufzeigen, sowie ein Mahnmal am sogenannten Umschlagplatz, von dem aus die Transporte in die Vernichtungslager gingen.

Durch die seltene Verbindung zwischen den Tatorten, den Zeitzeug*innen und dem Verbrechen vermittelt die Studienreise vor allem Eines: Authentizität: „Diese Orte mit eigenen Augen zu sehen, ordnet das Wissen aus unseren Lehrveranstaltungen an der Universität in eine ganz andere Dimension“, sagt eine Studentin auf der Rückfahrt nach Frankfurt (Oder).

Die Exkursion wurde von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, dem Förderkreis der Viadrina sowie der Kulturwissenschaftlichen Fakultät finanziell unterstützt. 

Susanne Orth

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