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Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Flucht und Vertreibung aus der Ukraine: Eine Podiumsdiskussion zu den Folgen eines Traumas

Millionen Menschen sind wegen des Krieges in der Ukraine auf der Flucht, darunter viele Kinder. Die Veranstaltungsreihe „Voices from Ukraine“ thematisierte am 31. März 2022 die Konsequenzen der Vertreibung. In der Online-Diskussion mit dem Titel „Russia’s War and Global Migration: (Un)intended consequences?“ ging es um adäquate Hilfe für die Betroffenen in den aufnehmenden Ländern, aber auch um die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Auswirkungen auf die Ukraine. Zu Gast waren Prof. Dr. Hanna Vakhitova, Juniorprofessorin an der Kyiv School of Economics, und die Soziologin und Viadrina-Alumna Dr. Marta Kindler.

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Diskutierten die Folgen des Krieges in der Ukraine: Prof. Dr. Hanna Vakhitova, Dr. Marta Kindler, Dr. Susann Worschech und Stefan Henkel. - Bildmontage: Yvonne Martin


Schon jetzt seien weit mehr als vier Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen, mehr als von der UN erwartet, betonte Hanna Vakhitova in ihrem Eingangsstatement. Aktuelle Schätzungen gingen zudem von mehr als 6,5 Millionen Binnenflüchtlingen aus. Dies habe Auswirkungen auf das Humankapital des Landes und das wissenschaftliche Potenzial, zumal eine beträchtliche Anzahl wissenschaftlicher Einrichtungen zerstört worden seien, so Vakhitova. Es seien gravierende Konsequenzen für die (Gas-)Preise, die Ernährungssicherheit und die globale Sicherheit zu erwarten. Man müsse sich klarmachen, dass die Hälfte der ukrainischen Kinder von Vertreibung betroffen seien, dass viele Menschen hungerten, so die Wirtschaftswissenschaftlerin.

Dr. Marta Kindler forscht am Centre of Migration Research der Universität Warschau. Sie beleuchtete in der Diskussion die polnische Perspektive; das Nachbarland der Ukraine hat inzwischen zwei Millionen Menschen aufgenommen. Dies sei eine Dynamik ohne Vergleich in der Geschichte, so die Soziologin, täglich träfen 30.000 Menschen in Polen ein. Somit hätten sich die Verhältnisse im EU-Vergleich umgekehrt: Vor dem Krieg habe es in Polen nur sehr wenig Ukrainerinnen und Ukrainer mit einer dauerhaften Aufenthaltserlaubnis gegeben, die meisten davon Arbeitsmigrantinnen und -migranten, inzwischen habe Polen EU-weit die meisten Menschen aufgenommen. Dies habe zu einer fundamentalen Veränderung des politischen Diskurses geführt. Von der PiS-Partei angeheizt, sei die Stimmung in der Bevölkerung bisher gegen Migrantinnen und Migranten eingestellt gewesen, vor allem gegen Menschen aus muslimischen Ländern. Jetzt erlebe man Solidarität und eine Willkommenskultur, die damit in starkem Kontrast stehe. Dies sei mit der geografischen und kulturellen Nähe zur Ukraine zu erklären. Der Angriffskrieg gebiete es, Hilfe zu leisten, zumal die meisten Geflüchteten Frauen und Kinder seien.

Doch Kindler bemerkt bereits erste Anzeichen von Müdigkeit und eine abnehmende Willkommens-Euphorie. Man trete in die „realistische Phase“ ein; nun müssten Lösungen für ganz konkrete Probleme gefunden werden, so die Soziologin. Das seien vor allem die Bedürfnisse des täglichen Lebens: Die Menschen benötigten eine dauerhafte Unterkunft, Kindergartenplätze, medizinische Versorgung. Und hier fehle eine koordinierte, nationale Strategie. Zwar sei ein Gesetz erlassen worden, das den Geflüchteten Zugang zum Gesundheitswesen, zum Arbeitsmarkt und öffentlichen Dienstleistungen ermögliche. Aber dies gelte nur für die Geflüchteten mit ukrainischer Staatsbürgerschaft, kritisierte Kindler diese „doppelten Standards“. Auch in der psychologischen Versorgung der traumatisierten Menschen fehle es an ukrainisch sprechenden Fachkräften, ebenso in den Schulen. Kindler warf außerdem die Frage auf, wie es nach dem Krieg weitergehen solle. „Viele Menschen werden in Polen bleiben wollen“, sagte sie. Das Center of Migration Research plane nun eine umfassende Datenerhebung, um die Bedürfnisse der Geflüchteten besser analysieren und darauf basierend einen politischen Lösungsansatz entwickeln zu können, berichtete Kindler abschließend.

Thema der „Voices from Ukraine“-Veranstaltung am 7. April:
„Under the Sound of Sirens. Research on the Impact of War on the Civilian Population“ mit: Dr. Valeria Lazarenko (Cedos, Leibniz-Institute for Research on Society and Space (IRS)) und Nataliia Lomonosova (Cedos, National University of Kyiv-Mohyla Academy) >>Weitere Infos

(YM)