Schreiben über Sprachgrenzen hinweg: Ein ERUA Travelling Seminar in Paris
Vom 19. bis 22. Januar 2026 kamen Studierende der Europa-Universität Viadrina, der Goethe-Universität Frankfurt, der Université Paris 8 und des C.E.R.P.E. (Centre d'Études et de Recherches pour la Petite Enfance) für das ERUA-Travelling Seminar „Life Writing – Writing in Life: Autobiographical Writing in Multilingual and Transcultural Settings" in Paris zusammen. Geleitet wurde das Seminar von PD Dr. Andrea Gremels (Viadrina), Prof. Delphine Leroy (Paris 8) und Alessandra Casigli (C.E.R.P.E.), die interdisziplinäre Perspektiven der Transkulturellen Literaturwissenschaft, Erziehungswissenschaft und der frühkindlichen Entwicklung zusammenführten. Theorie und Praxis standen dabei gleichermaßen im Mittelpunkt. Es ging um die Frage, in welchem Verhältnis mehrsprachig aufgewachsene Menschen zum Schreiben stehen — und darum, die Studierenden zu ermutigen, aus ihren eigenen mehrsprachigen oder von Migration geprägten Lebenswegen heraus eine sprachübergreifende Schreibpraxis zu entwickeln. Mbalou Savane, Studentin an der Europa-Universität Viadrina, war dabei. Hier erzählt sie, wie sie das Seminar erlebt hat.
Die Exkursion nach Paris gehört zweifellos zu den bereicherndsten akademischen und persönlichen Erfahrungen meines Studiums. Über das akademische Programm hinaus war sie vor allem ein gelungenes Beispiel für gelebten mehrsprachigen und transkulturellen Austausch.
Am 19. Januar an der Université Paris 8 angekommen, fanden Studierende der Viadrina und der Goethe-Universität sich zunächst zu einem kurzen Rückblick zusammen. Im Mittelpunkt stand der theoretische Rahmen des Kurses, vor allem die Konzepte der “Sprachenporträts” und des mehrsprachigen Life Writing. Uns vorzustellen, indem wir unsere sprachlichen Hintergründe miteinander teilten, schuf von Anfang an ein Gefühl von Offenheit, Neugier und Vielfalt.
Vier Tage in Paris
Kaum waren die Studierenden von Paris 8 dazugekommen, wurde die Mehrsprachigkeit zur gelebten Wirklichkeit. Wie von selbst bildeten sich kleine Übersetzungsgruppen. Dabei fühlte ich mich nicht wie ein Gast, sondern direkt in einen gemeinsamen intellektuellen Raum aufgenommen. Die Sprachenporträts und das autobiografische Schreiben in einer so diversen Gruppe zu diskutieren, machte die theoretischen Konzepte unmittelbar greifbar. Es ging nicht nur darum, Texte zu analysieren. Wir erkannten uns selbst darin wieder.
Am nächsten Tag, dem 20. Januar, besuchten wir das C.E.R.P.E. in Aubervilliers. In der Schreibwerkstatt und in der gemeinsamen Lektüre autobiografischer Auszüge konnten wir erfahren, wie Life Writing zugleich persönliches Zeugnis und Gesellschaftskritik sein kann. Wir sahen hier auch den Dokumentarfilm „Familles en errance” (Familien im Exil), vorgestellt von der Regisseurin und Ärztin Christine Davoudian. Der Film eröffnete eine Diskussion über Sprachbarrieren, denen migrantische Frauen in französischen Krankenhäusern begegnet sind, besonders rund um Schwangerschaft und Sorge für das Kind. Er machte Entwurzelung, Verletzlichkeit und die Suche nach Zugehörigkeit sichtbar und erinnerte mich an eigene Erfahrungen in der Bewegung zwischen verschiedenen Sprachen und wechselnden Orten.
Einer der eindrücklichsten Momente war der Besuch der Cité internationale de la langue française im Château de Villers-Cotterêts am 21. Januar. Die Führung bot ein Panorama der sprachlichen Geschichte und Vielfalt der französischen Sprache, mit besonderem Blick auf Frankreichs koloniale Vergangenheit in Afrika, Amerika und im Raum des Indischen Ozeans. Die Ausstellung präsentierte das Französische als „une invention continue" — eine fortwährende Erfindung — und zeigte, dass keine Sprache für sich allein besteht. Damit stellte sie die Vorstellung sprachlicher Reinheit in Frage und zelebrierte stattdessen ihre Hybridität und laufende Neuerfindung. Eine Sprache wie das Französische als dynamisch und relational zu verstehen, half mir, auch mein eigenes Verhältnis zu ihr neu zu fassen: nicht nur als koloniales Erbe, sondern auch als lebendige Sprache, die von ihren Sprecher*innen ständig weiterentwickelt wird.
Am 22. Januar las die kubanisch-französische Schriftstellerin Eyda Machín aus ihrer Autobiografie „Passerelles / Pasarelas" (2010). Darin geht es um ihre Exilerfahrung in Frankreich. Mit Machín diskutierten wir, wie sprachübergreifendes Life Writing untrennbar mit Erfahrungen von Exil, Migration und Verletzlichkeit verflochten ist. Ihre Einsichten gaben dem, was wir selbst erlebt hatten, noch einmal zusätzliche Tiefe: Identitäten durch Sprache hindurch zu navigieren, mehr als einen sprachlichen Raum zu bewohnen und die eigene Migration in literarischen Ausdruck zu verwandeln.
Eindrücke aus dem ERUA Traveling Seminar in Paris
Sprachen werden lebendig
Was mich während des Seminars am meisten berührte, war nicht nur das Programm selbst, sondern das, was ganz beiläufig zwischen uns Studierenden geschah:
Diejenigen von uns mit französischem Hintergrund, mich eingeschlossen, nahmen ganz selbstverständlich eine vermittelnde Rolle ein. Wir assistierten in Diskussionen, übersetzten Erklärungen und halfen anderen, dem Gespräch zu folgen. Dabei wechselten wir fortwährend zwischen Französisch, Englisch – und gelegentlich sogar anderen Sprachen wie Spanisch. Am meisten hat mich überrascht, wie organisch sich das nach einer Weile anfühlte. Das Miteinander war unmittelbar und ganz natürlich und es verkörperte perfekt die Idee des Translanguaging, wie wir es im Seminar besprochen hatten — Sprachen sind nicht voneinander getrennt, sondern in der Echtzeitkommunikation eng miteinander verflochten.
Mbalou Savanne
Ebenso wichtig waren die persönlichen Begegnungen. Jeden Abend zogen wir gemeinsam los, setzten unsere Gespräche informell fort, lachten, teilten Geschichten und kulturelle Erfahrungen.
Am letzten Tag trugen wir zusammen, was das Seminar in uns ausgelöst hatte. Immer wieder fielen dieselben Worte: Zugehörigkeit, Brücken, Bewegung, Identität. Für mich bestätigte sich, was ich die ganze Woche über gespürt hatte:
Sprachen sind keine getrennten Systeme, zwischen denen wir mechanisch hin- und her wechseln. Sie sind relationale Räume – durch sie bilden wir Gemeinschaften, verhandeln Identitäten und schaffen gemeinsam Bedeutung.
Mbalou Savanne
Mariam Umar Farooq, edited by Fritz Schlüter
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