„Kein Frieden ist für die Ewigkeit“ – Viadrina Debate zur Frage wie Gesellschaft durch Krisen wächst

Frankfurt (Oder), 

Die Viadrina Debate am 14. Oktober 2026 bot tiefe Einblicke aus journalistischer und sozialwissenschaftlicher Praxis in die aktuelle ukrainische Gesellschaft. „Wächst Gesellschaft durch Krisen? Über das Lernen von Osteuropa, Resilienz – und darüber, warum Ukrainer*innen den Begriff nicht mehr hören können“ lautete der Titel der dritten Ausgabe der Reihe. ARD-Korrespondent Vassili Golod und Viadrina-Sozialwissenschaftlerin Dr. Susann Worschech sprachen mit Moderator Mattia Nelles und dem Publikum auch darüber, wie Westeuropa krisenfester werden kann und warum dafür ein Blick in die Ukraine lohnt.

39 Raketen in der Nacht vor der Veranstaltung über Kyjiw, 120 Jet-Drohnen, drei getroffene Heizkraftwerke; ein Alarm, der erst losgeht, wenn die ersten Raketen schon eingeschlagen sind; ein nahender Winter, in dem einmal mehr ukrainische Familien bei Temperaturen nahe dem Nullpunkt in ihren Wohnungen ausharren, oft ohne Strom und warmes Wasser. Es waren nur Schlaglichter, die Moderator Mattia Nelles und Journalist Vassili Golod zu Beginn der Viadrina Debate auf den Kriegsalltag in der Ukraine warfen. Doch sie genügten, um dem Publikum im Audimax vor Augen zu führen, was das Wort „Resilienz“ im Alltag für Ukrainer*innen bedeutet. Nicht zuletzt, weil zu persönlichen Verlusten und Ängsten immer öfter eine politische Angst hinzukommt: „Oval-Office-Momente“, sagt Vassili Golod mit Blick auf Trumps Umgang mit Putin und Selenski dazu. Viadrina-Präsident Prof. Dr. Eduard Mühle spricht in seiner Begrüßung von „bedrohlichen Zeiten“, „in denen ein debiler amerikanischer Präsident und ein alternder deutscher Ex-Kanzler soeben auf so schockierende Weise die Ukraine einmal mehr für egoistisch-persönliche Vorteile im Stich lassen“.  Dass man gar nicht bis nach Washington oder Moskau schauen muss, beweisen zeitgleich zur Viadrina Debate im Landtag von Sachsen-Anhalt die Abgeordneten von BSW und AfD, die mit ihrer Mehrheit eine Forderung verabschieden, sämtliche Ukraine-Hilfen sofort einzustellen.

Bildergalerie

Resilienz – analytische Brille und ukrainischer Alltag

Angesichts dieser verzweifelten Lage könne die vielfach gepriesene Resilienz der ukrainischen Gesellschaft leicht zur Metapher werden für den Anspruch: „Ihr werdet schon irgendwie durchhalten“, warnte Mattia Nelles. Susann Worschech sieht aus sozialwissenschaftlicher, analytischer Perspektive dennoch eine Berechtigung, dem Begriff und seinen Inhalten nachzugehen. „Er bietet uns eine theoretische Brille, durch die wir Veränderungsprozesse besser verstehen können“, ist sie überzeugt. Für sie ist interessant zu hinterfragen: Worin besteht eine Krise, die Resilienz erfordert? Was wird von ihr im Kern bedroht und muss geschützt werden? Was kann oder soll sich auch ändern? Im Fall der ukrainischen Gesellschaft verweist sie darauf, dass diese durch die Revolutionen und besonders durch den 2014 von Russland begonnenen Krieg gezwungen war zu reflektieren, was ihre Identität eigentlich ausmacht, welche Sprache gesprochen wird, wie man sich Demokratisierung vorstellt, wie nah man sich an Europa sieht.

Wie diese Auseinandersetzung aussehen kann, davon berichten Vassili Golod und seine Kolleg*innen immer wieder aus der Ukraine, beispielsweise bei Protesten in Kyjiw gegen die Schwächung der Antikorruptionsbehörden oder die Umbildung der Regierung. „Die Menschen sind klug, sie wollen nicht den Präsidenten stürzen, aber sie wollen ihm sagen, wenn etwas nicht ihren Interessen entspricht“, beschreibt Golod die „bemerkenswerte Weise des Protestes für eine Gesellschaft im Krieg“. Er ist überzeugt: „Die ukrainische Zivilgesellschaft ist Antwort auf die Frage, warum die Ukraine eigentlich noch lebt“ – eine Zivilgesellschaft, die laut Susann Worschech auch so aktiv und stark ist, weil die staatlichen Institutionen und das Vertrauen in sie so schwach sind.

Was können und müssen wir von der Ukraine lernen?

Dieses besondere staatsbürgerschaftliche Verständnis findet die Sozialwissenschaftlerin insbesondere aus aktueller westeuropäischer Perspektive interessant. In Westeuropa habe man ein traditionell großes Vertrauen in die Institutionen und dementsprechend keine so große Notwendigkeit für eine starke Zivilgesellschaft. „Aber wenn unsere Institutionen nachlassen, wenn sie durch antidemokratische Kräfte gekapert werden, dann ist halt keine Zivilgesellschaft da, die sich so schnell, so anarchistisch und so siegesgewiss organisiert“, so Susann Worschech. Die größte Lehre, die man hierzulande aus dem Krieg in der Ukraine ziehen sollte, laute für sie: „Wir sehen in Mittel- und Osteuropa und gerade in der Ukraine eine ganz starke Sensibilität dafür, dass einem über Nacht der Boden unter den Füßen weggezogen werden kann und dass man trotzdem weitermacht und weiterlebt. Dieses Bewusstsein müssen wir uns deutlicher machen: Keine Demokratie, kein Frieden in Europa ist für die Ewigkeit. Wir haben das Wissen noch nicht internalisiert und in mögliche Praktiken überführt.“

In eine ähnliche Richtung geht das Plädoyer von Vassili Golod, Realitäten anzuerkennen: „Als Mensch, der im Frieden aufgewachsen ist und im Frieden sozialisiert wurde, kann man sich das nicht vorstellen, aber wir müssen endlich lernen, dass es Staaten gibt, für die Krieg und Gewalt ein ganz normales Mittel sind, um eigene Interessen durchzusetzen.“  

Debatte bis weit nach Veranstaltungsschluss

Diese Realität immer wieder zu erklären, wird Vassili Golod nicht müde – beruflich als Journalist und privat. Natürlich spreche auch er am liebsten mit gleichgesinnten Freund*innen. „Aber ist es nicht viel sinnvoller mit Menschen in ein respektvolles Gespräch zu gehen, die eine ganz andere Position haben?“, fragt er. Er ist überzeugt, dass es sich lohne, immer wieder Zusammenhänge zu erklären, sich Zeit zu nehmen und die ukrainische Gesellschaft in ihrer Komplexität darzustellen. Die zweite Hälfte der Viadrina Debate bietet sowohl ihm als auch Susann Worschech ausreichend Gelegenheit, genau in einen solchen respektvollen Austausch mit Andersgesinnten zu gehen. Neben Lehrenden und Studierenden der Viadrina waren auch zahlreiche Bürger*innen der Stadt in das Audimax gekommen. Sie nutzten die Gelegenheit, um ihre Überzeugungen mit den Einschätzungen der Expert*innen auf dem Podium abzugleichen.

So geht es unter anderem um Erdgas-Importe aus Russland, um mögliche Kompromisse auf dem Weg zum Frieden, um die historische Rolle der NATO und die russischen Scheinwahlen in den besetzten Gebieten. Bestimmt und faktenreich ordnen Susann Worschech und Vassili Golod die teilweise durch Fehlinformationen geprägten Fragen und Kommentare ein. Am Beispiel der Scheinwahlen – samt vorgehaltenen Waffen und durchsichtigen Wahlurnen – zur Duma im Sommer dieses Jahres verknüpft Susann Worschech ostdeutsche und ukrainische Erfahrungen: „Wir haben doch gerade in Ostdeutschland eigentlich ein Verständnis dafür, wie leicht man die demokratischen Prozesse und Institutionen ausbeuten, instrumentalisieren und zu einer Farce werden lassen kann. Ich frage mich, wo gerade in Ostdeutschland das Verständnis dafür und die Erinnerung daran geblieben ist – und auch eine Empathie für die Ukraine und die Situation in den besetzten Gebieten.“

Noch lange nach Veranstaltungsschluss diskutieren Gäste der Debate mit den Expert*innen. Viele nutzen den anschließenden Empfang, um darüber zu reden, was Vassili Golod in Sachen Krisenfestigkeit geraten hatte: „Gesellschaftlich können wir uns früher fragen: Was kann ich denn selbst tun?“. Statt über Social Media Friedrich Merz ein ums andere Mal zu kritisieren, könne man eine eigene Initiative gründen, Briefe an Abgeordnete schreiben oder einfach das Gespräch außerhalb der eigenen Blase suchen. „Die Antwort liegt auch bei jeder und jedem Einzelnen“, so Golod.

Frauke Adesiyan

Mehr zur Viadrina Debate

Beitrag teilen:


Zurück zum Newsportal

Abteilung für Hochschulkommunikation