„Unsere Aufgabe ist es, Selbstwirksamkeit herzustellen“ – Studentische Konferenz über Schreibberatung
40 Schreibberater*innen haben vom 14. bis 16. September 2026 bei der Studentischen Schreib-Peer-Tutor*innen-Konferenz (SPTK) an der Viadrina ihre Arbeit und aktuelle Herausforderungen diskutiert – von Künstlicher Intelligenz (KI) bis AD(H)S. Die Konferenz, die jährlich an verschiedenen deutschen Universitäten stattfindet, kehrte damit an die Viadrina zurück, wo sie 2008 erstmals von Studierenden für Studierende organisiert wurde.
Es ist bezeichnend, dass eine althergebrachte Feder auf dem Konferenz-Plakat symbolisch für das Schreiben steht. In den Workshops hier werden nicht – wie bei anderen Konferenzen üblich – automatisch die Laptops aufgeklappt; viele Teilnehmende schreiben mit Stiften in Hefte. In den Pausen tauschen sie sich angeregt im direkten Kontakt aus, gestalten zur Veranschaulichung mit Edding, Papier und Schere Schaubilder. Auch wenn viele der Programmpunkte der dreitägigen Konferenz die Schlagworte KI und Digitalisierung im Titel tragen – die Künstliche Intelligenz scheint im Kreis der Schreib-Tutor*innen (noch) nicht die Führung übernommen zu haben.
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In parallel stattfindenden Veranstaltungen tauschen sich die Schreib-Berater*innen über ihren Alltag aus, bilden sich fort, diskutieren einzelne Fälle und allgemeine Problemlagen. Es geht unter anderem um emotionale Ausnahmesituationen, in denen sich Studierende befinden, die mit ihren Schreibprojekten in die Beratung kommen, darum, wie Videospiele das akademische Schreiben revolutionieren und wie Schreibzentren der Zukunft aussehen sollten.
Am Dienstagmorgen startet in einem Seminarraum im Audimax eine Shared Human Experience zum Thema Künstliche Intelligenz und wie sie das akademische Schreiben verändert. Die Viadrina-Studierenden Michalina Lorych und Fakhar Hanif führen durch das von einem Studenten entwickelte Format, in dem sich die Teilnehmenden in immer wechselnden Konstellationen über ihre persönliche Sicht auf dringende Fragen austauschen: „Hilft dir das Prompten beim Sortieren der Gedanken?“, „Wie beeinflusst KI deine Kreativität?“, „Gibt es noch einen authentischen Schreibstil, wenn der von der KI imitiert werden kann?“. Viele hier im Raum schätzen vor allem das selbstständige, handwerkliche Schreiben, werden durch die Studierenden in den Beratungen aber auch mit einer anderen, einer KI-geprägten Schreib-Praxis konfrontiert. Eindeutige Meinungen und unumstößliche Überzeugungen gibt es hier wenig, dafür umso mehr Offenheit und Bereitschaft zum Austausch.
Im vollbesetzten Seminarraum nebenan liegen bunte beschriftete Kärtchen auf dem Boden. In kleinen Gruppen tauschen sich die Teilnehmenden über ihre Erfahrungen mit AD(H)S-Symptomatiken in der Schreibberatung aus. Das Thema haben Malte Nielsen und Pauline Teupke von der Goethe-Universität Frankfurt am Main mit zur Konferenz gebracht; das Interesse ist groß. Die Beobachtungen der Teilnehmenden decken sich: Studierende in der Beratung sind unruhig, wippen mit den Beinen, hüpfen von einem Thema zum anderen, schweifen ab, geraten in einen Redeschwall. „ADHS sprengt die Struktur, die uns als Peertutor*innen die Kontrolle gibt“, fasst Malte Nielsen zusammen, was die Berater*innen bei solchen Beratungen empfinden. Er rät: „Unsere Aufgabe ist es, wieder Selbstwirksamkeit herzustellen, den Menschen wieder Teilhabe an ihren eigenen Schreibprozessen zu geben“. Darüber, wie das konkret gelingen kann, gibt es so viel Redebedarf, dass die Gruppe die Workshop-Zeit weit überzieht.
Beide Beispiele zeigen, was der Kern der Konferenz ist, die vor fast 20 Jahren an der Viadrina entwickelt wurde: Studierende unterstützen Studierende in ihrer Rolle als Peer-Tutor*innen. „Ein gelungenes Beispiel für studentisches Engagement und ein Erfolgsmodell der Viadrina“, findet Franziska Liebetanz, Co-Leiterin des Zentrums für Lehre und Lernen an der Viadrina.

Tawhid Hasan, Universität Heidelberg
Ich mache Schreibberatung, weil ich anderen helfen möchte und das Schreiben für viele Studierende ein großes Problem ist. Viele lesen wahnsinnig viel und wissen dann nicht, wo sie anfangen sollen. Die Welt ist voller Fakten, aber die Auswahl fällt so schwer. Meiner Erfahrung nach wird das an deutschen Schulen nicht genug vermittelt. Da geht es viel um die Interpretation von Texten, aber wie wissenschaftliche Texte funktionieren, den Aufbau „Behauptung – Beleg – Begründung“ … – das kennen viele nicht.
Durch den Einsatz von KI verschwinden in Schreibberatungen Fragen dazu, wie man einen Satz am besten formuliert. Was bleibt, ist die Frage nach Unterstützung bei der Organisation von viel Text und Wissen. Ich bin vorsichtig optimistisch, was Künstliche Intelligenz angeht. Ich hoffe, dass wir merken, dass wir gar nicht so viel schreiben müssen. Wir können Argumente sehr viel kompakter und kürzer präsentieren und sollten nicht einfach nur schreiben, um unsere Stellung zu rechtfertigen.

Nele Cehak, Universität Bochum
Bei uns im Schreibcafé an der Uni Bochum bieten wir offene Beratungen an; eine Schicht geht immer von 10 bis 16 Uhr. Oft kommen Studierende mit Fragen zu ihrer Themenstellung oder ihnen fehlt der ‚roter Faden‘. Manchmal geht es auch um solche Kleinigkeiten wie die Formatierung der Seitenzahlen in Word.
KI spielt immer mehr eine Rolle in der Beratung. Ich sollte mir auch schon Texte anschauen, die mit ChatGPT geschrieben wurden. Es ist eine Herausforderung, dafür eine eigene Haltung zu entwickeln und die auch in Übereinstimmung mit der Haltung der Universität zu bringen. Ich verteufle KI nicht und denke, sie kann helfen zu strukturieren, Denkanstöße zu liefern und zum Beispiel Überschriften vorzuschlagen. Aber ich sehe auch das Risiko: Inwieweit bleibt es mein Text? Bei den Studierenden sehe ich vor allem die Angst, dass ihre Texte als Plagiat gewertet werden.

Joshua Lendel, Universität Bochum
In der Schreibberatung arbeiten wir nach dem Ansatz des minimalistic tutorings. Wir sind nicht die großen Experten, sondern nehmen uns zurück, fragen viel nach und regen die Ratsuchenden fast schon sokratisch dazu an, ihren Text weiterzuentwickeln. Mir macht das große Freude, weil es so abwechslungsreich und erfüllend ist. In den meisten Beratungen geht es darum, das Thema einzugrenzen, richtig zu zitieren oder wissenschaftlich zu formulieren – klassische Fragen eigentlich; daran hat KI gar nicht so viel geändert.

Pauline Teupke und Malte Nielsen, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Wir gehen davon aus, dass zehn Prozent der Studierenden ADHS haben und diese Herausforderung natürlich auch mit in die Schreibberatung bringen. Das führt in Beratungssituationen schnell zu Überforderungen. Manchmal schicken wir sie dann in die psychosoziale Beratung, aber das hilft ihnen nicht beim Schreiben. Als Unterstützungsstruktur wollen wir in der Schreibberatung Nachteile ausgleichen, aber über das Schreiben mit ADHS an Universitäten gibt es noch sehr wenig Wissen. Deshalb werden wir mit unserem Projekt ganz viel – auch international – eingeladen, um Erfahrungen weiterzugeben.
Wir sehen unseren Auftrag darin, zu schauen, wo Lücken in den Beratungsstrukturen auftauchen; wer nicht thematisiert wird. Studierende mit ADHS fallen oft im Hinblick auf mehrere Dimensionen durchs Raster.
Frauke Adesiyan
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