Zwischen Städtepartnerschaft und großer Politik – Deutsch-polnisches Forschungsprojekt untersucht Paradiplomatie in Kriegszeiten

Frankfurt (Oder) / Poznan, 

Städtepartnerschaften sind weit mehr als Chortreffen, Sammelaktionen für Hilfsgüter und Jugendaustausche. Welche Rolle sie in der internationalen Diplomatie spielen, untersuchen Dr. Susann Worschech von der Europa-Universität Viadrina und Prof. Dr. Jarosław Jańczak von der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań in ihrem Projekt „Paradiplomacy: Soft power in heavy shelling“. Im Fokus stehen Partnerschaften zwischen deutschen, polnischen und ukrainischen Städten und die Frage, wie sich die Beziehungen angesichts des andauernden Krieges Russlands gegen die Ukraine verändert haben.

„Wir wollen genauer fragen: Wie hat sich die Sicht auf den Osten verändert? Was hat die Vollinvasion mit der Zusammenarbeit zwischen den lokalen Akteuren gemacht?“, umschreibt die Sozialwissenschaftlerin Susann Worschech eine der Forschungsfragen. Sie beobachtet in den Städtepartnerschaften eine Wahrnehmungsveränderung weg von dem ursprünglichen Bedürfnis zu helfen auf der deutschen Seite hin zu einem Interesse daran, was deutsche Akteure von ukrainischen lernen können.

Darüber hinaus interessiert sich das Forschungsteam für die Wechselwirkungen zwischen den lokalen Verbindungen und der staatlichen Außenpolitik. Der Politikwissenschaftler Jarosław Jańczak verweist dabei auf das Prinzip der Multi Level Governance, also einer Aufteilung der Entscheidungsgewalt in Regierungsprozessen unter anderem zwischen regionalen, staatlichen und internationalen Ebenen. „Angesichts komplexer Probleme und dysfunktionaler Strukturen in der internationalen Politik, lässt es sich heutzutage nur schwer zentral regieren. Aufgaben müssen delegiert werden und Paradiplomatie ist ein Teil dieses Prozesses“, so Jańczak. Dabei seien die Ziele von staatlicher Außenpolitik und lokalen Partnerschaften bei Weitem nicht immer deckungsgleich. Inwieweit staatliche Vorgaben regionale Partnerschaften beeinflussen oder die Städtepartnerschaften auch die große Diplomatie verändern, ist ein weiteres Forschungsinteresse des Projektes.

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Das Paradiplomacy-Forschungsteam bei einem Treffen an der Viadrina Frankfurt (Oder), v.l.n.r.: Igor Ksenicz, Susann Worschech, Tomasz Branka, Mona Richter, Jarosław Jańczak

In einem ersten Schritt dokumentieren die Teams dafür bestehende Partnerschaften. Zwischen deutschen und ukrainischen Städten gebe es knapp 250 Partnerschaften, acht seien mit zusätzlichen polnischen Partnern trilateral angelegt, gibt Susann Worschech einen ersten Einblick in die aufwendige Dokumentation. Für das Forschungsprojekt konzentriert sich das Team auf 200 Partnerschaften zwischen deutschen und ukrainischen Städten mit mindestens 50.000 Einwohner*innen. Vor allem seit der Vollinvasion Russlands in die Ukraine seien zahlreiche Partnerschaften neu begründet oder wiederbelebt worden. Die große Menge der deutsch-polnischen Partnerschaften habe man eingegrenzt und konzentriere sich hier ebenfalls auf rund 200 Kooperationen, ergänzt Jarosław Jańczak.

Parallel werten die Forschenden aktuell offizielle Vorgaben und Papiere aus, die beschreiben, welchen Zweck man mit den Partnerschaften verfolgt. Hier beobachtet Susann Worschech einen Wandel vor allem auf der ukrainischen Seite: „In der Ukraine hat man Aspekte von Soft Power lange nicht ernst genommen; es gab dort nicht so recht eine Vorstellung von Kulturdiplomatie. Doch mit dem Krieg wurde klar: Um Unterstützung zu bekommen und das Überleben der Ukraine zu sichern, ist auch Paradiplomatie nötig.“ Dieser gezielte Einsatz von Partnerschaften auf kommunaler Ebene für nationale Zwecke sei ein Aspekt, den sie so in Deutschland und Polen nicht beobachtet.

Das Projekt „Paradiplomacy: Soft power in heavy shelling“ wird von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung seit Anfang 2026 für zwei Jahre gefördert. Das Vorhaben wurde als eines von drei Projekten im Rahmen des Programms „,Epochenwende‘? Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und seine Auswirkungen auf Polen und Deutschland“ ausgewählt. Mehr als 30 deutsch-polnische Forschungsprojekte hatten sich um die Förderung beworben.

Frauke Adesiyan

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