KIU-Gastprofessorin Oksana Mikheieva lehrt über Grenzpolitik und Alltag in den besetzten ukrainischen Gebieten
Stundenlanges Warten an Checkpoints, ständige Kontrolle der Papiere, Bangen um kranke Familienangehörige – wie der Alltag von Menschen in und aus den besetzten Gebieten in der Ukraine aussieht, erforscht die Soziologin Prof. Dr. Oksana Mikheieva seit vielen Jahren. Im Sommersemester 2026 unterrichtet sie an der Viadrina als Gastprofessorin am Kompetenzverbund Interdisziplinäre Ukrainestudien (KIU) unter anderem zu diesem Thema – und erreicht die Studierenden mit ihrer speziellen Lehre.
„Ich habe zu viel Material; es gibt Hunderte Geschichten“, sagt Oksana Mikheieva mit Blick auf ihre Uhr, als sie ihr Seminar schon um einige Minuten überzogen hat. Anderthalb Stunden hat die Soziologin mit ihren Studierenden darüber geredet, warum Menschen in den russisch besetzten Gebieten der Ukraine bleiben, warum andere weggehen, welche Unzumutbarkeiten sie ertragen. Seit 2013 führt sie Interviews mit Ukrainer*innen, die in ihrem eigenen Land zu Vertriebenen wurden – ungezählte Geschichten hat sie seitdem gesammelt.
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Sie kann dadurch mit den Studierenden darüber sprechen, dass Ukrainer*innen beispielsweise in der besetzten Ostukraine bleiben, um ihre kranken Familienmitglieder zu pflegen, weil ihnen von russischen Behörden nach pro-ukrainischen Äußerungen die Pässe abgenommen wurden oder weil sie mit Russen zusammengearbeitet haben. Sie berichtet auch davon, wie ältere Menschen beim Warten an Checkpoints ohne Schutz vor Hitze umfallen. Oder davon, dass ein Journalist nicht an der Beerdigung seiner Mutter teilnehmen kann, weil man ihn nicht in die von Russland besetzten Gebiete einreisen lässt. Was ihr bei all diesen Beschreibungen wichtig ist: einzelne, oft tragische Schicksale im Blick zu behalten und dennoch nicht in Momentaufnahmen zu verbleiben.
Theorie der kritischen Grenzstudien
Ihr theoretisches Konzept sind dabei die kritischen Grenzstudien. „Sie bringen die echten Menschen zurück in die Geopolitik. Wir schauen nicht nur auf die großen politischen Räume, sondern richten unsere Aufmerksamkeit auf den Alltag: Wie gehen Menschen mit den neuen Grenzen um, wie verändert sich ihr Leben, welchen Gewalt-Erfahrungen sind sie ausgesetzt?“, umreißt Oksana Mikheieva den theoretischen Zugang, den sie mit den Studierenden einübt. Die Grenze werde dabei nicht als Linie auf dem Boden zwischen zwei Ländern betrachtet, sondern als ein Raum mit Praktiken und Erfahrungen von Menschen. Ohne die theoretische Einbettung würden die Aussagen aus den Interviews nur tragische – oder unterhaltsame – Geschichten bleiben. Indem sie den Alltag betrachtet, der sich durch die gewalttätigen Grenzverschiebungen verändert, will Oksana Mikheieva verdeutlichen, „wie große politische Projekte unser Leben verändern“.
Wissen über die Ukraine wächst
Für Oksana Mikheieva ist die aktuelle Gastprofessur die Fortsetzung einer längeren Verbindung zur Viadrina. Zum ersten Mal unterrichtete sie 2017 im Rahmen der Sommerschule Viadrinicum an der Europa-Universität. 2020 kehrte sie für einen Forschungsaufenthalt zurück, der sich mehrfach verlängerte. Nun ist sie am Kompetenzverbund Interdisziplinäre Ukrainestudien angebunden und unterrichtet in diesem Rahmen zwei Seminare. In all den Jahren beobachtet sie große Veränderungen im Blick auf und das Wissen über die Ukraine. „2020 wurde ich hier gefragt, ob es einen Krieg in der Ukraine gibt. Etwas, das seit 2014 offensichtlich war“, erinnert sie sich noch immer etwas fassungslos. Schritt für Schritt habe sich die deutsche Öffentlichkeit aber von der russischen Version der Geschichte gelöst, so ihre Beobachtung. „Mittlerweile gibt es hier starke Stimmen, die sehr relevant sind im Diskurs darüber, was in der Ukraine passiert“, sagt Mikheieva über die gewachsene Ukrainekompetenz an der Viadrina. Dabei sei es unerlässlich, auch ukrainische Wissenschaftler*innen in die Wissensproduktion und -vermittlung einzubeziehen.
Wertvolle Zusammenarbeit mit Studierenden
Dabei sieht sie sich nicht rein als Wissensvermittlerin; sie lerne auch selbst viel in ihren Seminaren. „Die Arbeit mit Studierenden ist der schönste Teil meiner Arbeit“, findet sie. „Manchmal fragen sie mich etwas, woran ich noch nie gedacht habe“, so Mikheieva. Im aktuellen Seminar profitiere sie beispielsweise vom juristischen Wissen eines Studenten; ein anderer bringt seine regionale Kompetenz über Entwicklungen auf dem Balkan ein. „Ich habe nur meine eigene Perspektive. In Diskussionen neue Blickwinkel zu verstehen, ist sehr wertvoll für mich.“
Auch ihre Studierenden schätzen diesen Austausch sehr. Für Jeanne Lopata, die European Studies als deutsch-französischen Doppelmaster studiert, war die Wahl des Kurses von Oksana Mikheieva eine sehr bewusste Entscheidung. „Ich will an der Viadrina so viele Kurse mit Osteuropa-Bezug belegen, wie möglich. Eine Dozentin aus der Ukraine ermöglicht eine ganz andere Perspektive“, sagt sie und betont, wie wichtig es ihr sei, ihre eigene westliche Sichtweise zu erweitern. Am meisten schätzt sie die mikrosoziologische Perspektive von Oksana Mikheieva. „In Frankreich ist die Ukraine auch ein Thema, aber es wird entmenschlicht verhandelt; man vergisst, dass es Menschen sind, über die wir sprechen“, schaut sie kritisch auf die Diskurse in ihrer Heimat. Auch die ständige Aufforderung ihrer Dozentin, Kategorisierungen kritisch zu hinterfragen, mag sie.
Auch Said Sancakli, der an der Viadrina und der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań European Studies studiert, hat ein persönliches Interesse an Ukrainestudien. „Mir geht es hier eigentlich gar nicht um die Credits, sondern um die Erfahrungen und gute Gespräche“, sagt er. Er selbst habe verschiedene kulturelle Prägungen und wolle Menschen und deren Kulturen besser verstehen lernen. „Ich schätze an diesem Seminar die Kombination aus professionellen Einschätzungen und persönlichen Erfahrungen unserer Dozentin sehr“, so Said Sancakli. Mit Oksana Mikheieva spreche er oft bis weit über das Seminarende hinaus.
Fragen nach eigener traumatischer Vertreibung
Eine enge Beziehung zu Studierenden hatte Oksana Mikheieva auch schon bei ihren ersten Aufenthalten an der Viadrina. Sie waren es, die sie dazu brachten, ihre eigenen traumatischen Erfahrungen über ihre Vertreibung aufzuschreiben. „Während ich so viele sensible Interviews mit Menschen aus der Ostukraine geführt habe, hat mich nie jemand nach meinen Erfahrungen gefragt – bis es meine Studierenden taten“, erzählt die Soziologie-Professorin, die bis 2013 an der Donezker Staatlichen Universität für Management gelehrt und geforscht hatte. Das Interesse ihrer Studierenden führte zu dem Essay „Wie ich zur Vertriebenen wurde“, den sie 2020 auf dem Portal Ukraine verstehen veröffentlichte. Erst lange nach der Vertreibung hat sie ihr eigenes Trauma verstanden. Die Gewalt, die sie beobachtet hat, die Trennung von ihren Söhnen und ihrer kranken Mutter, all das hat Spuren hinterlassen. „Menschen versuchen in der ersten Zeit der Migration sehr stark zu sein; sie wollen alles um sich herum kontrollieren. Aber dann, wenn sich dein Leben ein bisschen stabilisiert, hast du Probleme, weil dein Körper reagiert“, berichtet sie in der Mischung aus persönlicher Offenheit und der Expertise der Forscherin, die ihre Studierenden so zu schätzen wissen.
Frauke Adesiyan
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