Mut und Zumutung – Karl-Dedecius-Preis 2026 für Olaf Kühl und Eliza Borg
Der Karl-Dedecius-Preis 2026 würdigt mit Olaf Kühl und Eliza Borg zwei Übersetzer*innen, die herausragende Werke der polnischen und deutschen Gegenwartsliteratur für ein neues Publikum erschlossen haben. Eindrücke von den Preisverleihungen in Darmstadt und Kraków.
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"Mut und Zumutung also." Mit diesen Worten schloss Prof. Dr. Renata Makarska ihre Laudatio auf Olaf Kühl. Es war mehr als eine Charakterisierung der ausgezeichneten Übersetzung – es war ein Leitgedanke für den Karl-Dedecius-Preis 2026. Bereits zu Beginn ihrer Rede betonte sie, dass die die Sprache und Literatur immer eine politische ist. Sie ist keine schöngeistige Beschäftigung, keine Stilübung, keine nette Freizeitbeschäftigung. Sie ist systemrelevant. Übersetzungen schaffen in diesem Sinne Verständigung zwischen Sprachen und Kulturen und eröffnen Perspektiven, die ohne sie verborgen blieben. Genau diesen Anspruch spiegeln die beiden diesjährigen Preisträger*innen wider.
Seit diesem Jahr wird der Karl-Dedecius-Preis für die jeweils beste Buchübersetzung der vergangenen zwei Jahre vergeben. Er zeichnet jeweils eine Übersetzung aus dem Polnischen ins Deutsche und aus dem Deutschen ins Polnische aus und ist mit jeweils 10.000 Euro dotiert. Verliehen wird der Preis vom Deutschen Polen-Institut und der Villa Decius in Kraków. Die Karl Dedecius Stiftung an der Europa-Universität Viadrina begleitet den Preis als Partnerin.
Den Preis für die Übersetzung aus dem Polnischen ins Deutsche erhielt Olaf Kühl für seine Übertragung von Szczepan Twardochs Roman "Die Nulllinie". Die Preisverleihung fand am 19. Juni 2026 im Theater Moller Haus in Darmstadt statt.
In ihrer Laudatio beschrieb Prof. Dr. Renata Makarska Twardochs Roman als einen Text, der sich einfachen Antworten entzieht. Er konfrontiere seine Lesenden mit den Erfahrungen des Krieges, ohne Distanz oder Trost anzubieten. Gerade deshalb brauche es Mut, sich auf dieses Buch einzulassen. Zugleich sei es die Aufgabe der Übersetzung, diese Zumutung nicht abzuschwächen, sondern sie sprachlich nachvollziehbar zu machen. Olaf Kühl sei dies gelungen, weil seine Übersetzung nicht nur den Sinn, sondern auch den Rhythmus, die Mehrstimmigkeit und die Wucht des Originals bewahre. "Mut und Zumutung also" wurde damit zu einer ebenso knappen wie treffenden Würdigung seiner Arbeit.
Olaf Kühl erinnerte in seiner Dankesrede daran, dass Übersetzen nie nur sprachliches Handwerk ist. Sein eigener Weg in die Slawistik und zur Literaturübersetzung sei von Begegnungen, Zufällen und Neugier geprägt gewesen. Im anschließenden Gespräch mit Wilhelm Trapp, Lektor bei Rowohlt Berlin, und Prof. Dr. Peter Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts, wurde deutlich, wie eng Autor, Übersetzer, Lektorat und Verlag bei der Entstehung einer literarischen Übersetzung zusammenarbeiten. Jede sprachliche Entscheidung ist Teil eines gemeinsamen Aushandlungsprozesses, der wesentlich zum Gelingen einer Übersetzung beiträgt.
Am 1. Juli 2026 wurde in der Villa Decius in Kraków der Preis für die Übersetzung aus dem Deutschen ins Polnische an Eliza Borg verliehen. Ausgezeichnet wurde ihre Übersetzung von Jenny Erpenbecks Roman "Kairos".
Der Laudator Prof. Dr. Paweł Zarychta würdigte Eliza Borg als eine Übersetzerin, die literarische Texte mit außergewöhnlicher sprachlicher Sensibilität und analytischer Präzision erschließt. Besonders eindrucksvoll bezeichnete er ihre Übersetzungen als "Kairos-Momente" – als Augenblicke, in denen Können, Erfahrung und der richtige Zeitpunkt zusammenfinden. Übersetzen erscheine hier als kreativer Akt, der nicht allein Wörter überträgt, sondern einen literarischen Text in einer neuen Sprache entstehen lässt.
Eliza Borg knüpfte in ihrer Dankesrede an diesen Gedanken an. Sie schilderte, wie sehr jede Übersetzung mit dem Lesen beginnt – mit einem geduldigen und wiederholten Annähern an den Text. Erst wenn man bereit sei, sich auf den Rhythmus, die Mehrdeutigkeit und die innere Logik eines Werkes einzulassen, könne daraus eine überzeugende Übersetzung entstehen. Das Übersetzen erscheine so als ein Prozess des aufmerksamen Zuhörens, bei dem das Original den Takt vorgibt.
Die beiden Preisverleihungen machten deutlich, wie unterschiedlich literarische Übersetzungen entstehen und welche Herausforderungen sie mit sich bringen. Ob Twardochs schonungslose Kriegsprosa oder Erpenbecks vielschichtiger Roman Kairos – ausgezeichnet wurden Übersetzungen, die den Eigenheiten ihrer Originale treu bleiben und gerade dadurch neue Zugänge für ihre Leserinnen und Leser eröffnen.
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