Studienreise nach Warszawa "35 Jahre Nachbarschaftsvertrag: Erinnerung – Dialog – Zukunft"

Bildergalerie der Studienreise

Deutsch-polnisches Bildungs- und Begegnungsseminar in Warschau: Erinnerung – Dialog – Zukunft

Vom 15. bis 20. September 2026 fand in Warschau ein deutsch-polnisches Bildungs- und Begegnungsseminar unter dem Motto „35 Jahre Nachbarschaftsvertrag: Erinnerung – Dialog – Zukunft“. Organisiert wurde die Reise von der Karl Dedecius Stiftung an der Europa-Universität Viadrina gemeinsam mit dem Oekumenischen Europa-Centrum Frankfurt (Oder) e. V. (OeC) und der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität Warschau. Als Veranstaltung zur kulturellen Weiterbildung war sie für den Zeitraum vom 15. bis 19. September 2026 gemäß § 32 BbgEBG als Bildungsurlaub anerkannt.

Sechs intensive Tage boten den Teilnehmenden ein dichtes und facettenreiches Programm mit Vorträgen, Führungen, Gesprächen und Begegnungen. Im Mittelpunkt standen die Geschichte und Gegenwart der deutsch-polnischen Beziehungen, Fragen der Erinnerungskultur sowie Perspektiven für die weitere gesellschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit in Europa.

Zum Auftakt der Reise erhielten die Teilnehmenden an der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität einen umfassenden Einblick in historische, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge Polens. Die Begegnung mit Vertretern der Universität (Prof. Irena Lipowicz, Prof. Natalia Kohtamäki, Prof. Waldemar Graczyk, Prof. Rafał Bednarczyk), mehrere landeskundliche Vorträge und die Führung über den Campus vermittelten eindrucksvoll, wie eng Geschichte, Gegenwart und Zukunft miteinander verwoben sind. Besonders in Erinnerung blieb vielen die engagierte und spontane Führung u. a. durch Pfarrer Wojciech Drozdowicz, der die Aufmerksamkeit der Gruppe auf nicht alltägliche Besonderheiten der Pfarrkirche in Warschau-Bielany lenkte. Die Gruppe erhielt ein wunderbares Beispiel, wie Wissenschaft, kirchliches Leben und persönliche Begegnung sich gegenseitig bereichern.

Einer der Schwerpunkte der Reise lag auf den politischen und gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen. In der Deutschen Botschaft erhielten die Teilnehmenden Einblicke in die diplomatische Arbeit und die aktuellen deutsch-polnische Beziehungen. Der von Offenheit geprägte Meinungsaustausch mit Dr. Sebastian Płóciennik, dem polnischen Co-Direktor der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, eröffnete weitere Perspektiven auf 35 Jahre Nachbarschaftsvertrag und auf unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen in beiden Ländern. Auch der Besuch im Sejm der Republik Polen mit einer Einführung in die Arbeitsweise des polnischen Parlaments vertiefte das Verständnis für politische Strukturen und gesellschaftliche Debatten in Polen. Mit dem Leiter des Wissenschaftlichen Dienstes des Sejms (Büro für Gutachten und Rechtsfolgenabschätzung), Dr. Ziemowit Cieślik), gab es eine sehr angeregte Diskussion.

Mehrere Teilnehmende hoben hervor, dass gerade diese Begegnungen mit Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern aus Universität, Diplomatie, Politik und Zivilgesellschaft ihren „Horizont geweitet“ hätten. Die politischen, gesellschaftlichen und historischen Perspektiven der polnischen Gesellschaft seien durch die sorgfältige Programmgestaltung unmittelbar erfahrbar geworden. Zugleich sei deutlich geworden, dass Deutschland und Polen trotz unterschiedlicher Erfahrungen und Ansätze vor ähnlichen Herausforderungen stehen und gerade deshalb voneinander lernen können.

Einen tiefen Eindruck hinterließen die thematischen Stadtführungen durch Warschau. Vom Kopernikus-Denkmal bis zum Königlichen Schloss, im Łazienki-Park und an weiteren historischen Orten wie dem Militärfriedhof Powązki vermittelte insbesondere Elżbieta Sobótka (ehemalige Diplomatin an den polnischen Generalkonsulaten in München und Köln) mit großer Begeisterung und persönlichem Engagement die Geschichte ihrer Stadt. Die Teilnehmenden erlebten Warschau dabei nicht nur als historischen Erinnerungsort, sondern zugleich als moderne, dynamische und boomende europäische Metropole. Der Blick von der Aussichtsplattform des Kultur- und Wissenschaftspalastes machte diese Entwicklung besonders sichtbar. Zugleich erinnerte das Bauwerk an eine sozialistische Vergangenheit, die Polen und Ostdeutschland in unterschiedlicher Weise miteinander verbindet. Die Studienreisenden zeigten sich zutiefst beeindruckt von der Entwicklung Warschaus und von den Wandlungsprozessen in der Metropole. Insbesondere die Leistung des Wiederaufbaus Warschaus hinterließ einen tiefen Eindruck: mit welcher Kraft und Beharrlichkeit die historische und kulturelle Identität nach der nahezu vollständigen Zerstörung der Stadt wiedergewonnen wurde.

Besonders bewegend waren die Orte, an denen die dramatische Geschichte Warschaus und Polens unmittelbar erfahrbar wurde. Im Museum des Warschauer Aufstands begegneten die Teilnehmenden der Geschichte des Widerstands gegen die deutsche Besatzung und den Schicksalen von Menschen, die für ihre Stadt und ihre Freiheit kämpften. Viele hatten zuvor bereits vom Warschauer Aufstand gehört – doch am Ort des Geschehens zu stehen, verlieh dem historischen Wissen eine neue, sehr persönliche Dimension.

Von besonderer Bedeutung war auch der Besuch des POLIN Museums der Geschichte der polnischen Juden. Die thematische Führung zur Geschichte und Kultur der polnischen Juden sowie der anschließende Themenpfad zum Martyrium der polnischen Juden und zur Geschichte des Holocaust wurden als besonders eindrucksvoll wahrgenommen. Die museale Aufbereitung historischer Ereignisse ermöglichte einen vielschichtigen Zugang zu einer jahrhundertelangen Geschichte jüdischen Lebens in Polen und zu dessen gewaltsamer Zerstörung. Der anschließende Besuch des Militärfriedhofs Powązki weitete den Blick auf die polnische Geschichte des 20. Jahrhunderts und auf die Biographien vieler hier ruhender Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kultur. Vermittelt wurde auch hier ein Einblick in die nationale Erinnerungskultur.

Das Museum für Moderne Kunst eröffnete wiederum einen anderen Zugang zu gesellschaftlichen Fragestellungen. Hier wurde deutlich, dass Erinnerung und Gegenwart nicht voneinander getrennt sind, sondern sich auch in Kunst und öffentlicher Debatte immer wieder neu begegnen. Eine besondere Ehre war für die Studienreisenden ein ausführliches Gespräch mit Dr. Ewa Łabno-Falęcka, die sich nicht nur als eine der Gründerinnen dieses neuen Kunstmuseums einen Namen gemacht hat, sondern auch Viadrina-Preisträgerin ist. Bereits im Vorfeld der Reise hatte sie in einer öffentlichen, sehr gut besuchten Veranstaltung an der Universität Viadrina ihr neues Buch über die Korrespondenz zwischen Marie Curie-Skłodowska und Albert Einstein präsentiert.

Zu den kulturellen Höhepunkten der Reise gehörte das Chopin-Konzert im Museum der Erzdiözese Warschau. Die Einführung in die musikalische Tradition des Museums und dann das Konzert selbst vermittelten einen unvergesslichen Eindruck von der kulturellen Bedeutung eines der berühmtesten Söhne Warschaus und bildete den eindrucksvollen Abschluss eines ereignisreichen Tages.

Auch der letzte Reisetag setzte noch einmal einen besonderen Akzent. Der Besuch des Festgottesdienstes in der evangelisch-augsburgischen Trinitatiskirche im Zentrum Warschaus wurde von Teilnehmenden als „krönender Abschluss“ der Reise beschrieben. Besonders positiv hervorgehoben wurde die von der Kirchengemeinde zur Verfügung gestellte, sehr gute Simultanübersetzung, durch die eine unmittelbare Teilnahme am Gottesdienst möglich wurde. Im anschließenden Kirchenkaffee im „Lutheraneum“ im Untergeschoss der Kirche bot sich noch einmal Gelegenheit zu Begegnung und Gespräch.

Die mehrstündige Rückreise nach Frankfurt (Oder) bot noch einmal reichlich Gelegenheit zu Reflexion und Auswertung der gemeinsamen Erfahrungen.

Neben den fachlichen Inhalten war es vor allem die menschliche Dimension, die diese Reise prägte. Mehrfach wurde die offene und interessierte Atmosphäre innerhalb der Reisegruppe hervorgehoben. Ebenso positiv wurden die Begegnungen mit den polnischen Partnerinnen und Partnern sowie den engagierten Reiseführerinnen und Referenten beschrieben. Die Reise habe nicht nur Wissen vermittelt, sondern Menschen einander nähergebracht.

Ein Teilnehmer fasste seinen Eindruck so zusammen, dass die Reise sowohl politisch als auch menschlich eine Annäherung ermöglicht habe. Andere betonten, dass sie ihr Wissen über Geschichte und Gegenwart Warschaus und Polens deutlich erweitern konnten. Viele Eindrücke würden noch lange nachwirken. Besonders die unmittelbare Erfahrung historischer Orte, persönliche Geschichten und Begegnungen mit Menschen hätten deutlich gemacht: Verständigung entsteht nicht allein durch Fakten, sondern durch Zuhören, gemeinsames Erinnern und persönliche Begegnung.

Die Studienreise machte nicht zuletzt auf eindrucksvolle Weise sichtbar, wie reich und vielfältig Europa ist. Sie zeigte zugleich, dass unterschiedliche historische Erfahrungen und gesellschaftliche Perspektiven nicht trennen müssen, sondern auch eine Grundlage für gemeinsames Lernen sein können. Gerade darin lag eine zentrale Erkenntnis dieser Tage: Die deutsch-polnische Nachbarschaft lebt von Neugier, Offenheit, gegenseitigem Respekt und der Bereitschaft, trotz oder gerade wegen unterschiedlicher Sichtweisen miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Reise hat gezeigt: Erinnerung kann Brücken bauen, Dialog kann Perspektiven verändern, und persönliche Begegnung bleibt eine der wichtigsten Grundlagen für eine gemeinsame europäische Zukunft.

Die Teilnehmenden dankten den Organisatoren (Dr. Ilona Czechowska und Dr. Gero Lietz, beide Beschäftigte der Viadrina und in der Dedecius-Stiftung und dem OeC engagiert), den beteiligten Institutionen, den Referentinnen und Referenten, den engagierten Stadtführerinnen sowie allen Unterstützern und Förderern für die sorgfältige Vorbereitung und Durchführung der Reise. Viele beschrieben die Woche als bereichernd, hervorragend organisiert und inhaltlich ausgesprochen vielfältig.

So bleibt von dieser Studienreise weit mehr als eine Vielzahl besuchter Orte. Sie bleibt als Erfahrung von Geschichte, Begegnung und europäischer Nachbarschaft in Erinnerung – und als Ermutigung, den deutsch-polnischen Dialog auch in Zukunft mit Offenheit und Engagement weiterzuführen.

Allen, die diese Reise möglich gemacht haben, sei herzlich gedankt. Dazu gehören die Karl Dedecius Stiftung, das Oekumenische Europa-Centrum Frankfurt (Oder), die Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität Warschau sowie alle Partner vor Ort in Warschau für die Vielfalt der Begegnungen und die große Offenheit auf beiden Seiten. Der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gebührt Dank für die finanzielle Unterstützung dieses Bildungs- und Begegnungsseminars, das für alle Beteiligten zu einer nachhaltigen Erfahrung und einer Inspiration wurde, die polnische Hauptstadt in Zukunft weiter zu ergründen und so Wege zu ebnen, weitere Brücken zu bauen in den deutsch-polnischen Beziehungen und der europäischen Einigung.

Karl Dedecius Stiftung

Dr. Ilona Czechowska

Dr. Małgorzata Szajbel-Keck
HG 262
☏ +49 335 5534 3214
✉ kds@europa-uni.de