„Europa ist nicht nur ein Ort, sondern ein Zuhause“ – ein Abend mit Europa-Enthusiastin Katja Sinko
Zum Semesterauftakt des Masterstudiengangs European Studies (MES) war am 20. Oktober 2026 die MES-Absolventin, Europa-Aktivistin und Autorin Katja Sinko zu Gast. Sie stellte das gemeinsam mit Peter Jelinek verfasste Buch „Das beste Europa aller Zeiten: Unerhörte Ideen für ein besseres Morgen“ vor und zeigte sich überzeugt: Jetzt ist die Zeit, Europa neu zu erfinden und mit unerhörten Ideen neu zu beleben.
Was als „interaktive Buchvorstellung“ angekündigt war, wurde eine zugleich lebhafte wie differenzierte Diskussion über unterschiedliche Vorstellungen vom gemeinsamen Europa. Engagiert und voller Begeisterung präsentierte Katja Sinko im Gespräch mit MES-Studiengangsleiter Prof. Dr. Timm Beichelt acht Ideen für Europa, die die gemeinsame Zukunft einfacher gestalten sollen, etwa eine „europäische Auszeit“ zum Abbau von Vorurteilen, eine EuropaCard für klimafreundliche Mobilität und ein Bürger*innenpostfach statt Bürokratiefrust. Diese Impulse wurden mit dem Publikum, bestehend vor allem aus den aktuellen MES-Studierenden, durchaus auch kritisch diskutiert. „Dieser direkte Austausch und das ständige Hinterfragen, vor allem hier im universitären Kontext, sind für mich besonders spannend während der Treffen rund um das Buch“, freute sich Sinko über den Austausch.
Wir haben Katja Sinko Fragen zur Zukunft Europas gestellt:
Sind wir als Gesellschaft in Europa zu bequem geworden? Wie viel sind wir tatsächlich bereit, für die Europäische Idee zu tun und auf welche Privilegien müssen wir dafür vielleicht verzichten?
Leider ja. Ich sprach früher immer von einer gewissen Selbstverständlichkeit, im Hinblick darauf, dass wir in Frieden aufgewachsen sind. Das, was wir als Europäer*innen heute haben, war und ist keine Selbstverständlichkeit. Realitäten können sich schnell ändern, wenn wir nicht etwas dagegen tun. Es liegt an uns, diese Errungenschaften zu verteidigen, denn wir verlieren sie – langsam, aber stetig. Spätestens seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sollte allen klar sein, dass wir nichts für selbstverständlich nehmen sollten. Gleichzeitig ist es unsere Pflicht, das Europa der Zukunft zu gestalten. Wir sind es, die Europa fit für den Klimaschutz machen und die ökologischen Grenzen einhalten müssen, die Europa gegen Autokrat*innen schützen und sich den neuen wirtschaftlichen Herausforderungen stellen müssen. Mit Blick auf diese vor uns liegenden Herausforderungen wird es umso wichtiger sein, dass wir uns wappnen, und das heißt auch, unbequeme Entscheidungen treffen und unser Verhalten ändern zu müssen. Alles andere wäre ein Verrat an den jungen und künftigen Generationen, die heute schon unter den zu spät getroffenen Entscheidungen leiden.
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Für manche bedeutet Europa gelebte Freiheit und grenzenlose Möglichkeiten, für andere ist es ein fernes politisches Projekt, das mit ihrem Alltag wenig zu tun hat. Hat die EU die Menschen abgehängt, die am wenigsten von der europäischen Integration profitieren?
Mir schwebt ein Europa vor, das für alle Menschen da ist und von den Schwächsten der Gesellschaft ausgeht. Vertrauen gewinnen wir nur zurück, wenn das Gemeinwohl über nationale Interessen gestellt wird. Es braucht eine verantwortungsvolle Politik für heutige und zukünftige Generationen. In der Vergangenheit haben egoistische Interessen aus Berlin, Budapest und vielen weiteren Hauptstädten Europas den großen europäischen Durchbruch blockiert. Der Traum von den Vereinigten Staaten Europas? Niemand wagte ihn. Wir sagen: Jetzt erst recht. Denn entweder packen wir es an und lösen das Versprechen an einer „ever closer union“ für die kommenden Generationen ein, oder wir versinken als Museum für die Welt in einer Klimakatastrophe und Industrieruine – eigentlich eine einfache Entscheidung, oder?
Ist die europäische Idee gescheitert, wenn Menschen wieder nationalistisch wählen?
Menschen haben schon immer nationalistisch gewählt. Neu ist, dass immer mehr Menschen nationalistisch wählen und die „europäische Idee“ nicht mehr verfängt. Was wir hierbei aber nicht vergessen dürfen: Es gibt immer noch eine Mehrheit, die proeuropäisch und demokratisch wählt. Die europäische Idee ist nicht gescheitert. Die EU in ihrer jetzigen Form – in der nationale Interessen weiterhin Blockaden auslösen können – ist das Problem. Reformen? Fehlanzeige. Seit dem Vertrag von Lissabon vor knapp 20 Jahren gab es keine größeren Reformen, die die EU in Krisen wirklich handlungsfähig machen und die Bürger*innen im Blick haben. In Zeiten der Polykrise aber braucht es mehr, nicht weniger gemeinsames europäisches Handeln. Kern des Problems: Die EU ist weiterhin nur so stark, wie die Mitgliedsstaaten es zulassen. Hier fehlt es leider an politischem Willen; leider auch zunehmend bei deutschen Regierungen, die längst kein Motor der europäischen Integration mehr sind.
Wie viel Idealismus verträgt die Realpolitik? Sie setzen sich seit Jahren für ein vereintes Europa ein. Gibt es politische Kompromisse, die Sie aus Überzeugung niemals eingehen würden – selbst, wenn dadurch europäische Fortschritte verhindert werden?
Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Realpolitik mehr Idealismus verträgt. Wofür ist Politik denn da? Um unsere Gesellschaft zu verhandeln und zu gestalten. Politik kann wahnsinnig kompliziert und frustrierend sein, aber das liegt an dem System, das wir selbst geschaffen haben. Und was wir geschaffen haben, das können wir auch ändern. In der Diskussion, was realistisch oder machbar ist, vergessen wir nicht selten, dass all die Systeme, die zuweilen unveränderbar scheinen, von Menschen geschaffen wurden. Es ist kein physikalisches Gesetz, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Wir machen die Regeln. Diese Erkenntnis sollten wir uns immer wieder bewusst machen. Die Brandmauer auf EU-Ebene einzureißen, wie Manfred Weber es von der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament derzeit praktiziert, ist für mich ein nicht tragbarer Kompromiss.
Was wäre, wenn wir die EU heute völlig neu gründen könnten? Welche drei Dinge würden Sie grundlegend anders machen und welche heute selbstverständliche Regel würden Sie abschaffen?
Die Liste wäre lang, aber ich versuche, mich auf drei Dinge zu beschränken.
Institutionell: Ich würde den Europäischen Rat abschaffen und stattdessen einen Europäischen Zukunftsrat schaffen, der sich aus gewählten Vertreter*innen der organisierten Jugendzivilgesellschaft zwischen 16 und 35 Jahren zusammensetzt und gleichberechtigt mit Parlament und Rat Gesetze verabschiedet.
Alltäglich: ein digitales E-Postfach einführen. Egal, in welchem europäischen Mitgliedsstaat wir uns aufhalten; das E-Postfach wird zur digitalen und unbürokratischen Inbox für unser Leben in Europa, über die wir mit allen Behörden in Kontakt treten, die für unser Leben relevant sind. Ein solches System, auf europäischer Ebene weiterentwickelt, würde Millionen Menschen den Alltag erleichtern; eine digitale Verwaltung, die europäisch funktioniert und nah am Leben ist.
Und schließlich, Vielfalt statt Nationalismus: Ich würde Erasmus weiterentwickeln und die persönliche Erkundung der europäischen Vielfalt für alle möglich machen. Erasmus für alle, egal welchen Alters, als berufliche Auszeit bis zu einem Jahr. Kultureller Austausch ist der beste Weg, um Vorurteile abzubauen und Verständnis zu schaffen. Lernen über Unterschiede hinweg macht uns stärker und offener, menschlicher – ein Schlüssel für eine offene, zukunftsfähige Gesellschaft.
Was war Ihr persönlicher „Europa-Moment“?
Es gibt drei: Einen positiven, der mich zur Europäerin hat werden lassen, einen negativen, der mich zur Europaaktivistin hat werden lassen, und einen zukünftigen.
Vor 20 Jahren war ich als Austauschschülerin ein Jahr in Schweden. Das hat mir die Augen geöffnet und mich nachhaltig geprägt. Auf eindrückliche Weise wurde mir eine Haltung vermittelt, die Offenheit und Freiheit im Miteinander verbindet – inmitten der Natur. Zehn Jahre später war es das Jahr 2016, eine Zäsur und ein politisches Erdbeben in der europäischen Integration: Brexit-Referendum, Donald Trumps Wahlsieg, das bundesweite Erstarken der AfD, Spaltung und Rechtsruck in Europa, wohin man blickte. Und heute 2026? Für mich persönlich ein dritter Moment, in dem wir mit unerhörten Ideen für eine gemeinsame Zukunft dazu einladen, eine Debatte zu führen, wie eine bessere Zukunft, ein besseres Morgen, das beste Europa aller Zeiten aussehen könnte. Ein Europa, das für alle da ist, das die Menschen in den Mittelpunkt stellt und das wir Schritt für Schritt gemeinsam gestalten.
Zur Person:
Katja Sinko hat in Schweden, Großbritannien und Belgien gelebt, studiert und gearbeitet. An der Viadrina hat sie 2019 ihren Masterabschluss in European Studies erworben. Derzeit arbeitet sie als Referentin für politische Bildung mit dem Themenschwerpunkt Europa bei planpolitik, einer Agentur für interaktive Bildungsformate, und setzt das Projekt „Europa im Kiez“ für die Berliner Senatskanzlei um. Sie ist zudem freiberufliche Trainerin in der politischen Bildung und Moderatorin. Sie war über viele Jahre stellvertretende Vorsitzende der Jungen Europäischen Föderalist:innen (JEF) Berlin-Brandenburg. Im Dezember 2016 initiierte sie die proeuropäische Kampagne THE EUROPEAN MOMENT und koordinierte 2019 die bundesweiten „Ein Europa Für Alle“-Großdemonstrationen im Vorfeld der Europawahl.
Zum Buch:
Katja Sinko und Peter Jelinek haben viel Zeit im EU-Parlament und beim Vermitteln der europäischen Idee verbracht und dadurch einen besonderen Blick auf Brüssel gewonnen. Sie sind sich sicher: Europa kann das Leben von Millionen Menschen besser, fairer und lebenswerter machen. Mit ihrem Buch „Das beste Europa aller Zeiten: Unerhörte Ideen für ein besseres Morgen“ legen sie eine mutige Vision der Neuerfindung Europas in Zeiten seiner größten Krise vor.
Agnieszka Lindner
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