„All das Reden über Werte ist ein Ausdruck der Legitimitätskrise in der EU“ – Abschlusskonferenz des Netzwerkes ValEUs

Frankfurt (Oder), 

Zu ihrer abschließenden Konferenz kamen vom 29. September bis 2. Oktober 2026 Mitglieder des Forschungs- und Bildungsnetzwerkes ValEUs an der Viadrina zusammen. Seit Anfang 2024 erforschen Vertreter*innen aus 20 Partnereinrichtungen von fünf Kontinenten europäische Grundwerte und deren Infragestellung. Zum Abschluss diskutierten sie in kontroversen Runden unter anderem über die Berechtigung europäischer Werte, über aktuelle Herausforderungen für die EU, Visa-Restriktionen für internationale Studierende und die Rolle von Universitäten bei der Verteidigung pluralistischer und humanitärer Werte.

Die Vielfalt der Themen und wie angeregt sie diskutiert wurden, lassen Netzwerkleiter und Viadrina-Politikwissenschaftler Prof. Dr. Timm Beichelt auf eines schließen: „Die Auseinandersetzung mit Werten benötigt viele unterschiedliche Perspektiven.“ Dass das nicht nur dahergesagt, sondern sehr ernst gemeint ist, bewies die Konferenz so eindrucksvoll wie aufwühlend schon zum Auftakt. Eingeladen war der britische Analyst und Autor Hans Kundnani, der in seiner Keynote „What Values Are European?“ schon in den ersten Minuten seine Auffassung klarstellte: „Europäische Werte existieren nicht. Diese Idee ist inkohärent, dehnbar und kann alles bedeuten.“

Galerie Abschlusskonferenz ValEUs

Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit seien weder originär europäische Erfindungen noch hielten sich europäische Staaten an diese Prinzipien, führte Kundnani weiter aus und sorgte für einige hörbar scharfe Atemzüge im Publikum. Habe Europa nicht mehr Faschismus als Demokratie in die Welt exportiert? Und sei die europäische Geschichte nicht mindestens genauso von Unrecht wie von Rechtsstaatlichkeit geprägt? Europäische Werte, so seine Zuspitzung, seien mehr Wunschdenken als Realität, auch weil die EU es nicht schaffe, diese Werte zu leben. Man pflege „sehr gemütliche Beziehungen zu Despoten“ außerhalb der EU, schaue beim Massensterben im Mittelmeer zu und messe Menschenrechtsverletzungen – in der Ukraine und in Gaza – mit unterschiedlichem, rassifiziertem Maß. Für Kundnani ist „all das Reden über Werte ein Ausdruck der Legitimitätskrise in der EU“.

Angela Bourne von der Universität Roskilde, die die furiose Rede von Kundnani kommentierte, entgegnete, dass es sehr wohl europäische Werte gebe. Diese müssten nicht originär europäisch sein und, ja, sie würden mitunter auch instrumentalisiert. Dennoch zeigte sie sich von der Existenz auch aufgrund ihrer eigenen Forschung überzeugt. „Es gibt etwas, das Europa zusammenhält. Menschen reagieren stark darauf, wenn Frauenrechte beschnitten werden oder Journalisten verfolgt. Wenn der Pluralismus bedroht ist, reagieren die Europäer*innen“, sagte die Professorin für Europäische Politik. Kundnani blieb auch in der Diskussion dabei: „Europäische Werte sind eine Erfindung der EU; es war schon immer ein Top-down-Projekt.“ Trotz aller Schärfe in der Diskussion kamen die beiden zu dem Schluss, dass es viel gebe, worin sie übereinstimmen. „Ich glaube, es geht nur darum, ob wir diese Werte europäisch nennen“, sagte Angela Bourne.

Universitäten als Orte des täglichen Kampfes für akademische Freiheit

Es war wohl eine bewusste Entscheidung, dass „europäisch“ im Titel der letzten Konferenz-Veranstaltung fehlte. Hier ging es um die „Rolle von Universitäten bei der Förderung pluralistischer und humanitärer Werte“. Die Runde mit Vertreter*innen aus der Türkei, den USA, Kasachstan und Frankreich verdeutlichte, unter welchem politischen und finanziellen Druck akademische Gemeinschaften in all diesen Ländern stehen und wie sie versuchen, Räume der Offenheit und Begegnung zu bleiben. „Universitäten sind Orte bürgerlicher Mobilisierung. Sie bringen Menschen zusammen, die sich sonst nicht treffen würden“, betonte Ayhan Kaya von der zuletzt kurzzeitig vom Staat geschlossenen Bilgi-Universität in Istanbul. Seiner Überzeugung nach sind Universitäten dadurch auch Orte, an denen Werte nicht nur behauptet, sondern auch reproduziert werden. Eine Eigenschaft, die er bedroht sieht, wenn wissenschaftliche Einrichtungen immer mehr an ihrem wirtschaftlichen Nutzen gemessen werden. „Wenn Marktrelevanz das wichtigste Merkmal für Wissen wird, geht etwas Fundamentales verloren“, warnte Kaya.

Wie schnell politischer Wandel sich auch auf Universitäten auswirkt, berichtete Allyson Delnore von der Universität Pittsburgh. „Eigentlich wussten wir, was im Playbook 2025 steht, aber wir konnten uns nicht vorstellen, wie schnell es wirkt“, sagte sie über die Vorhaben der Trump-Regierung. Sie sprach von einem immer stärker werdenden Antiintellektualismus, der sich vor allem auf die sogenannte Wokeness als Feindbild konzentriere. Als existenziell beschrieb sie das Bemühen ihrer Universität, „eine Version und eine Vision von Hochschule am Leben zu halten, die für soziale Mobilität und freie Meinungsäußerung steht und als Vorhut der liberalen Demokratie funktioniert.“ Ein täglicher Kampf um akademische Freiheit, den auch ihr Kollege Arnaud Regnauld von der Universität Paris 8 kennt – gegen finanzielle und ideologische Widerstände.

Von einem ambivalenten Arbeiten berichtete Alexei Trochev von der Nazarbayev-Universität, der laut Satzung seiner Universität eigentlich „kritische Denker“ unterrichten soll, in der Realität aber sehr genau abwägen muss, wie kritisch die Diskussionen in seinen Veranstaltungen werden dürfen. Auch scheinbar persönliche Anliegen seiner Studierenden – wie Queerness oder Outings – werden mitunter zum Tabu. Dennoch bezeichnet er den Seminarraum als einen vergleichsweise freien Ort innerhalb der kasachischen Gesellschaft.

Diese freien Orte des demokratischen Austausches, der Begegnung und der Freiheit zu bewahren, vereint die Teilnehmenden der Konferenz, unabhängig von verschiedenen – mitunter konträren – Standpunkten und egal, ob ihre Universitäten in EU-Ländern stehen oder nicht. „Vielleicht sind wir naiv, aber viele Mitglieder des Netzwerkes folgen der Überzeugung, dass Werte durch Austausch transportiert werden. Übrigens wird dadurch auch klar, auf welche Werte man sich nicht einigen kann“, sagt Projektleiter Timm Beichelt. In dieser Hinsicht sei die Konferenz alles andere als ein Schlussstrich.  

Rückblick auf drei Jahre ValEUs mit Prof. Dr. Timm Beichelt

20260929-valeus-abschlusskonferenz-0260Herr Beichelt, wie fassen Sie die Kernfrage des Projektes ValEUs zusammen?

Die Kernfrage bezieht sich auf eine Inkohärenz, die in den letzten Jahren immer offensichtlicher geworden ist. Einerseits betonen Akteure auf der EU-Ebene immer wieder, die EU sei ein normativer Akteur, der sich durch Werte wie Demokratie, Offenheit, Rechtsstaatlichkeit und so weiter auszeichne. Wir sehen allerdings an vielen Stellen, dass das offensichtlich nicht zutrifft. Die Frage des Konsortiums lautete, welche Konsequenzen es für die Legitimität eines politischen Gebildes hat, wenn es die von ihm selbst proklamierten Normen immer wieder verletzt. Besonders prekär erscheint uns das bei einem Akteur, der über wenige andere Legitimitätspfeiler als die Glaubwürdigkeit verfügt.

Zur Eröffnung der Abschlusskonferenz haben Sie Hans Kundnani für eine Keynote eingeladen, in der er europäische Werte – also den thematischen Kern Ihres Forschungsnetzwerkes – gänzlich infrage stellte. Gibt es denn nun so etwas wie europäische Werte?

Europäisch sind Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte oder Solidarität in dem Sinne, dass sie in verschiedenen Dokumenten rund um den Europarat oder die Europäische Union als Ziele festgehalten werden. Das Problem entsteht, wenn die rhetorische Formel als normativer Frame verwendet wird, so wie es beispielsweise Ursula von der Leyen häufig tut. Wenn „europäische Werte“ als etwas dargestellt werden, das auch für den Rest der Welt erstrebenswert sei, wird das als überheblich aufgefasst. Erstens, weil die genannten Werte nicht spezifisch europäisch sind; zweitens, weil sie auch in Europa gar nicht überall verwirklicht sind.

Inwieweit hat die sehr internationale Zusammensetzung des Projektes die Arbeit bereichert?

Im Gegensatz zu vielen anderen internationalen Aktivitäten gibt es ein wiederkehrendes Element, wenn sich Vertreter*innen aus unterschiedlichen Universitäten immer wieder treffen. Die Mitglieder lernen sich kennen; die professionelle Kooperation bekommt eine persönliche Komponente. Wenn man am Tag über die Werte gestritten hat, kann man sich am Abend rückversichern, wie das eine oder andere gemeint war. Dabei kommen häufig neue Aspekte ins Spiel, die man zunächst gar nicht bedacht hatte.

Gab es aus Ihrer Sicht überraschende Erkenntnisse oder Ergebnisse? Welche Fragen sind offengeblieben?

Besonders anfangs war ich schon überrascht, wie kritisch der externe Blick auf die Europäische Union häufig ausfällt. In gewisser Weise hat sich damit unser Ausgangsverdacht bestätigt: Je stärker die EU sich als positive politische Kraft darstellt, gleichzeitig aber vieles Positive vermissen lässt, desto stärker beschädigt es das europäische Ansehen. Die Flüchtlingspolitik rund um das Mittelmeer, das jahrzehntelange Hinhalten in der Erweiterungspolitik oder das ständige Aufstellen von Bedingungen sind Bereiche, die außerhalb der EU als Belege für ein scheinheiliges Auftreten der EU gelten.

Weiter nachgedacht werden muss darüber, wie die EU darauf reagieren soll, wenn der bisherige Ansatz nicht mehr greift. Eine Orientierung an Werten wie bisher ist kaum möglich, allein schon, weil innerhalb der EU häufig keine Einigkeit über sie besteht. Eine Umstellung auf rücksichtslose Machtpolitik à la Russland und USA kommt nicht infrage, das handelspolitische Gewicht der EU sinkt. Alternativen zur Normorientierung der EU-Außenpolitik drängen sich also gar nicht ohne Weiteres auf.

In dem Projekt ging es neben der Forschung auch um Lehre. Was waren für Sie die wirksamsten Formate und warum?

In den Europa-Studien sind Forschung und Lehre recht eng miteinander verzahnt. Und an vielen Universitäten, nicht nur an der Viadrina, vollzieht sich eine Internationalisierung der Studierendenschaft. Vor diesem Hintergrund waren die Formate, die sich direkt an Studierende und Promovierende gewendet haben, besonders erfolgreich. Es gab Sommerschulen, Workshops und eine studentische Schriftenreihe. Ausgerechnet in dem Feld wird es aber besonders schwierig, die Aktivitäten fortzuführen. Innerhalb des Europäischen Hochschulraums gibt es Mittel für Studierendenmobilität. Für Drittstaaten gilt das aber viel weniger, und selbst wenn Studierende sich ihre Reisen zu europäischen Universitäten leisten können, wissen sie häufig bis zur letzten Minute nicht, ob sie ein Visum bekommen.

Was bleibt von dem Projekt, wenn es Ende 2026 nach drei Jahren endet?

Wir haben verabredet, die Zusammenarbeit über das Ende der Förderdauer fortzuführen. Dafür können wir Erasmus+ nutzen, aber auch Konferenzen, auf denen sich Forscher*innen der Europa-Studien sowieso treffen. Insofern bewerte ich das ValEUs-Netzwerk als Erfolg, denn ein Ziel der Förderung bestand darin, nachhaltige Strukturen des Austausches zu schaffen.

Informationen über ValEUs

EN V Co-funded by_PANTONE

Das Forschungs- und Bildungsnetzwerk mit dem vollen Titel „ValEUs. Research & Education Network on Contestations to EU Foreign Policy” wird seit Januar 2024 für drei Jahre mit 1,2 Millionen Euro durch das EU-Programm Erasmus+ gefördert. Unter Leitung der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) verbindet es Forschung verschiedener Fachrichtungen, Lehre und öffentlichen Austausch. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Grundwerte der Europäischen Union zunehmend infrage gestellt werden und welche Folgen dies für die EU-Außenpolitik hat.

Gebildet wird das Netzwerk von 20 Partnereinrichtungen auf fünf Kontinenten. Zu den Partnern zählen mit der Université Paris 8 (Frankreich), der Roskilde Universitet (Dänemark) sowie der University of the Aegean (Griechenland) drei Hochschulen aus dem europäischen Hochschulverband ERUA (European Reform University Alliance). Auch zwei ukrainische Partneruniversitäten der Viadrina – die Karazin-Universität Charkiw sowie die Kyiv School of Economics – sind vertreten. Die europäische Perspektive wird durch Partner in den USA, Lateinamerika, Kasachstan und Japan ergänzt.

Frauke Adesiyan

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