„Die Statistik boomt“ – Prof. Dr. Wolfgang Schmid über seine Zeit an der Viadrina und die Zukunft seines Fachs
Vor rund 30 Jahren kam der Schwabe Prof. Dr. Wolfgang Schmid an die Viadrina und baute seine Professur für Quantitative Methoden, insbesondere Statistik auf. Zum Abschied spricht er über internationale Nachwuchsforschung, einen Geistesblitz im Zug und die Bedeutung der Statistik für künstliche Intelligenz. Ganz aus der Forschung zurückziehen will er sich im Ruhestand nicht.
Herr Schmid, woran denken Sie zuerst, wenn Sie auf Ihre Zeit an der Viadrina zurückblicken?
Zuerst fällt mir die Anfangszeit ein. Ich kam als Schwabe nach Brandenburg und wechselte von einer mathematischen an eine wirtschaftswissenschaftliche Fakultät – das waren gleich zwei Umstellungen. An der Viadrina gefiel mir, wie international sie damals schon war: Wir hatten viele polnische Studierende, und diese Sprachvielfalt in der Cafeteria mochte ich sehr. Ich war der Erste auf meinem Lehrstuhl, musste also alles neu aufbauen. Meine erste Tätigkeit war, eine Sekretärin einzustellen. Auch das hatte ich vorher noch nie gemacht. Zugleich konnten wir sehr viel selbst gestalten.
Fotografischer Rückblick
Sie wurden Gründungssprecher eines internationalen Graduiertenkollegs. Wie haben Sie damals Promovierende dafür gewonnen?
Das Kolleg zu Kapital- und Finanzmärkten im erweiterten Europa wurde von der Deutschen Bank finanziert. Wir haben eine große Werbeaktion gestartet und Plakate an andere Hochschulen verschickt; über das Internet lief das damals noch nicht. Eines dieser Plakate führte auch zu Bewerbungen aus der Ukraine. Daraus entwickelten sich Kontakte, die bis heute Bestand haben.
Was stand auf den Plakaten?
Wir haben mit den Themen geworben und mit der Chance, eine Doktorarbeit zu schreiben und dabei eine gute Ausbildung zu bekommen. Natürlich waren auch die Stipendien attraktiv. Das Graduiertenkolleg lief fast zehn Jahre, mit jungen Forschenden unter anderem aus der Ukraine, Bulgarien, Rumänien und Russland. Viele der Absolvent*innen sind später selbst an Hochschulen gegangen. Als die Mittel ausliefen, habe ich verstärkt Anträge bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft gestellt, damit ich weiterhin Promovierende beschäftigen konnte. Mit jungen Menschen zu arbeiten, hat mir immer großen Spaß gemacht.
Was war Ihr persönlich schönster Moment an der Viadrina?
Das größte Ereignis war, dass ich hier meine Frau kennengelernt habe. Sie arbeitete auf demselben Flur und kam aus Polen. Durch sie habe ich eine Kultur kennengelernt, die ich vorher gar nicht kannte. Wir haben uns entschlossen, nach Słubice zu ziehen. Für mich, der aus dem Westen kam, erschloss sich dadurch ein ganz neuer Kulturkreis. Auch wissenschaftlich führte mich diese Begegnung dann an Orte wie Krakau, Warschau oder Kyjiw, von denen ich früher nicht gedacht hätte, dass ich einmal dorthin reisen würde.
Und wie gut sprechen Sie inzwischen Polnisch?
Ich kann mich gut verständigen. Eine wissenschaftliche Arbeit würde ich auf Polnisch allerdings nicht schreiben wollen.
Was hat Sie in Ihrer Forschung angetrieben?
Neugierde ist für mich das Wichtigste, das ein Wissenschaftler haben sollte. Mein Ausgangspunkt war das Prozessmonitoring. Als ich an die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät wechselte, wollte ich wissen, wie sich das auf ökonomische Prozesse anwenden lässt, etwa im Finanzbereich. Später brachte mich ein italienischer Kollege zur Umweltstatistik. Wenn man sich beispielsweise Daten zur Luftverschmutzung anschaut, sind das räumliche Daten – und schon ist der Schritt zur räumlichen Statistik nicht mehr weit. So haben sich meine Themen nach und nach entwickelt, oft durch Zufall und im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen. Man muss neugierig bleiben und auch einmal über die Grenzen des eigenen Gebiets hinausschauen.
Gab es dabei einen besonderen Aha-Moment?
Ja, an einen erinnere ich mich ganz genau. Ich hatte einen Bewerbungsvortrag in Frankfurt am Main gehalten und saß auf der Rückfahrt im Zug, wo ich an einem mathematischen Problem weiterarbeitete. Wenn man mit Formeln hantiert, gucken die anderen schon mal schräg. Und plötzlich hatte ich die Eingebung, wie sich das Problem lösen lässt. Solche Momente sind sehr selten, aber für mich die schönsten in der Forschung. Die Lösung führte später zu einer Publikation in einer der besten Fachzeitschriften.
Statistik ist für viele Studierende ein Pflichtfach. Wie haben Sie versucht, sie dafür zu begeistern?
Statistik ist bei uns Pflicht, und ja, die meisten Studierenden mögen sie wohl nicht besonders. Deshalb haben wir in den Vertiefungsveranstaltungen immer wieder aktuelle Themen angeboten, von Computational Statistics bis zu statistischen Methoden in der künstlichen Intelligenz. Auch die Art, wie wir lehren, hat sich völlig verändert. In Ulm schrieb ich meine Vorlesung noch an die Tafel, an der Viadrina kam zunächst der Overheadprojektor, danach vorbereitete Folien und schließlich der Laptop. Heute bekommen die Studierenden die Materialien und können zusätzlich Lernprogramme und andere digitale Hilfen nutzen. Wir haben schon früh versucht, solche Programme einzuführen. Man sollte sie kritisch betrachten und ihre Möglichkeiten zugleich nutzen.
Sie haben viele Promovierende betreut. Was war Ihnen dabei wichtig?
29 haben bei mir promoviert, und eine weitere Doktorandin wird hoffentlich noch abschließen – dann wäre die 30 voll. Mir war wichtig, ihnen Freiheiten zu geben und sie nicht mit anderen Aufgaben am Lehrstuhl zu überlasten. Manche wollten ein konkretes Thema, andere haben ihre Fragestellung selbst gewählt; da muss man auf die Person schauen. Wer in der Wissenschaft bleiben möchte, sollte früh publizieren, die eigenen Ergebnisse auf Tagungen vorstellen und Kontakte knüpfen. Dabei konnte ich auch meine Kontakte aus der Deutschen Statistischen Gesellschaft nutzen, deren Vorsitzender ich einige Jahre war. Besonders freue ich mich, wenn ehemalige Mitarbeitende einen Ruf bekommen oder einen Forschungspreis gewinnen.
Prof. Dr. Wolfgang Schmid „in Zahlen“
Wer sein Berufsleben der Statistik widmet, verdient zum Abschied eine Statistik über sich selbst:
- mehr als 170 Veröffentlichungen in internationalen Fachzeitschriften
- 29 Dissertationen, die er als Erstbetreuer begleitet hat
- 12 ehemalige Doktorand*innen oder Mitarbeitende, die inzwischen selbst Professor*innen sind
- 5 Habilitationen an seinem Lehrstuhl
- 9 DFG-Projekte, für die er seit 2004 erfolgreich Fördermittel eingeworben hat
- rund 1,6 Mio. € Gesamtvolumen dieser DFG-Projekte
- 8 Jahre Vorsitz der Deutschen Statistischen Gesellschaft, von 2012 bis 2020
Die vielleicht schönste Kennzahl: Zwölf Menschen aus seinem wissenschaftlichen Umfeld haben mittlerweile selbst eine Professur – in Deutschland, England, den Niederlanden, Schweden, Schottland und der Ukraine.
Heike Stralau
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