Sprachkurs, Austausch, Fachwissen – Dritte KIU-Sommerschule bietet Teilnehmenden einmaliges Paket
25 Studierende, Forschende und Praktiker*innen kamen Anfang September 2026 an die Viadrina, um sich zwei Wochen lang intensiv mit der Ukraine auseinanderzusetzen. Im Mittelpunkt der dritten KIU-Sommerschule standen nationale Minderheiten, ukrainische Identität und die Frage, wie Ukrainestudien unterschiedliche wissenschaftliche und berufliche Perspektiven miteinander verbinden können.
Sie kommen aus Deutschland, der Schweiz, der Türkei und Kanada, studieren oder forschen zu Osteuropa, arbeiten im Kulturmanagement oder beschäftigen sich in ihrer beruflichen Praxis mit der Ukraine. Was sie verbindet, ist das Interesse an Ukrainestudien. Für zwei Wochen trafen sie sich an der Viadrina, um gemeinsam zu lernen, zu diskutieren und neue Perspektiven auf die Ukraine zu entwickeln.
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Die diesjährige Sommerschule des Kompetenzverbundes Interdisziplinäre Ukrainestudien (KIU) widmete sich insbesondere den nationalen Minderheiten in der Ukraine und Fragen ukrainischer Identität. Seminare über die Krimtatar*innen und die nordasowischen Griech*innen, Veranstaltungen zur Entwicklung nationaler und bürgerlicher Identitäten sowie ein Workshop zu möglichen Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland wurden mit täglichen Ukrainisch-Kursen und Exkursionen verbunden.
Dr. Susann Worschech, KIU-Koordinatorin und Organisatorin der Sommerschule, zeigt sich im Anschluss an die Sommerschule überwältigt: „Ich war zutiefst beeindruckt von der Begeisterung, der wissenschaftlichen Neugier und der Leidenschaft unserer Teilnehmenden, mehr über die Ukraine zu erfahren, Ukrainisch zu lernen und die Vielfalt des Landes zu entdecken. Für sie waren die zwei Wochen eine intensive Reise des Nachdenkens und Diskutierens. Das große Interesse unterstreicht zudem die wachsende internationale Sichtbarkeit der Viadrina in diesem Bereich – und zeigt, dass hier, an den Ufern der Oder, ein besonderer Ort ist, um die Zukunft Europas aus einer osteuropäischen Perspektive zu erforschen.“
Insgesamt hatten sich rund 120 Personen um einen Platz in der Sommerschule beworben. Schließlich konnte das KIU-Team 25 Teilnehmende begrüßen. Die Gruppe war bewusst vielfältig zusammengesetzt: Studierende aus Deutschland, der Ukraine, der Schweiz und der Türkei, die sich für Osteuropa und die Ukraine interessieren, trafen auf Doktorand*innen und Berufstätige, die Erfahrungen und Wissen über die Ukraine in ihre eigene Arbeit einbringen möchten.
Für Mitorganisator Kirill Repin wird die KIU-Sommerschule zu einem großen Teil von ihren Teilnehmenden und der Vielfalt ihrer Erfahrungen und Perspektiven geprägt: „In diesem Jahr war das besonders wichtig, da Fragen der Identität im Mittelpunkt des Programms standen. Ich bin froh, dass es der Summer School gelungen ist, genügend Raum zu schaffen, um theoretische Diskussionen, Fallstudien aus der Ukraine und Deutschland sowie persönliche Geschichten und Reflexionen auf bereichernde Weise miteinander zu verbinden, ohne kritischen Fragen aus dem Weg zu gehen und dabei zugleich sensibel für die Realitäten des Krieges zu bleiben, mit denen die ukrainische Gesellschaft konfrontiert ist.“

Raus aus dem Gefühl, der „Osteuropa-Freak“ zu sein
Gerade diese Mischung unterschiedlicher akademischer und beruflicher Hintergründe wurde von den Teilnehmenden als besondere Stärke der Sommerschule wahrgenommen. Paul Schönbein, Student an der Universität Basel, beschreibt die Erfahrung so: „Was ich speziell hier toll fand, war, dass es einen Mix in der Gruppe gab: Wir hatten Leute, die waren erst im Bachelor, vielleicht im dritten Semester jetzt, aber auch Leute, die schon in der Forschung waren und ihre Doktorarbeit schreiben. Das war für mich sehr interessant, weil es natürlich dann auch zu Diskussionen führt, die man sonst vielleicht im Alltag nicht hat. Man ist manchmal im eigenen Uni-Umfeld dieser ‚Osteuropa-Freak‘ und hier kommt man an einen Ort, wo man Leute trifft, die genauso interessiert sind an dem Thema und wo man sich sehr schön austauschen kann.“

Ukrainian Studies sind in Deutschland und Europa ein vergleichsweise junges, zugleich dynamisches Forschungsfeld. Für die Teilnehmenden bedeutet das auch, aktuelle Entwicklungen mit historischen Zusammenhängen zu verbinden. Liam McArdle, ein Student aus Kanada, der derzeit in Potsdam studiert und regelmäßig in die Ukraine fährt, beschreibt, was Ukrainian Studies für ihn heute bedeuten: „Ukrainestudien bedeuten für mich, zu verstehen, was gerade passiert und potenziell einen Leitfaden für die Zukunft bereitzustellen. Was es bedeutet, in harten Zeiten zu leben, das kann man – leider – sehr genau lernen, wenn man die Ukraine studiert. Es stellt Werkzeuge bereit, um zu verstehen, wie man sich in solchen herausfordernden Momenten verhält.“
Die Verbindung von akademischem Wissen und beruflicher Praxis spielte für die Teilnehmenden eine wichtige Rolle. Durch die Anerkennung der Sommerschule als Bildungsurlaub eröffnete sich die Möglichkeit, die Inhalte der Sommerschule unmittelbar mit der eigenen beruflichen Tätigkeit zu verbinden.

Ukrainisch lernen als besonders wertvoller Teil des Programms
Für Nathalie Isaak, die an der Universität Cottbus über Kulturmanagement promoviert und lehrt, war insbesondere die Verbindung von ukrainischem Kontext und Sprachkursen relevant: „In meinem Dissertationsprojekt interessiert mich, wie Kulturmanagement in besonderen oder fragilen Kontexten passiert und was wir konkret lernen können von Menschen, die in ukrainischen Museen arbeiten und dort Heritage und Objekte verwalten. Daher habe ich mich für diese Sommerschule mit diesem speziellen ukrainischen Kontext beworben, wo ich Ukrainisch lernen kann und auch so viel über die Kulturen der Minderheiten.“
Neben den fachlichen Seminaren waren die täglichen Ukrainisch-Kurse ein zentraler Bestandteil der Sommerschule. Die Möglichkeit, die Sprache über zwei Wochen hinweg intensiv und interaktiv zu lernen, wurde von mehreren Besucher*innen der Sommerschule als besonderer Höhepunkt hervorgehoben. „Mein persönliches Highlight waren auf jeden Fall die Sprachkurse. Ich habe schon sehr lange versucht, Ukrainisch über verschiedene Wege zu lernen. Diese zwei Wochen hier haben richtig geholfen“, sagt Jasper Medenwand, der seine Bachelorarbeit über den russischen Imperialismus anhand des russisch-ukrainischen Krieges schreibt. Für ihn war auch die Auseinandersetzung mit den nationalen Minderheiten in der Ukraine besonders prägend. Das Thema, das in Deutschland bislang weniger präsent ist, eröffnete dabei neue Perspektiven auf den Krieg und seine historischen Dimensionen: „Was ich besonders mitnehme, ist, dass in der Ukraine viele Minderheiten auf unterschiedliche Weise auch historisch von russischer Seite unterdrückt wurden und dass das in Deutschland immer noch sehr ignoriert wird. In Deutschland wird der Krieg in der Ukraine immer noch irgendwie sehr als reines Europa-Russland-Ding wahrgenommen und gar nicht gesehen, wie viel historische Unterdrückung seitens Russlands gegen die Ukraine da mitreinspielt.“
Elmira Muratova vom European Centre for Minority Issues in Flensburg gab ein Seminar über die Geschichte und aktuelle Lage der Krimtatar*innen in der Ukraine. Dr. Oksana Mikheieva, die im vergangenen Semester als Gastdozentin an der Viadrina tätig war, sprach über die Entwicklung nationaler und bürgerlicher Identitäten. Die Aktivistin Olga Tsuprykova widmete sich der Bewahrung der Identität der nordasowischen Griech*innen, die früher in den Regionen Mariupol und Donezk lebten, unter den Bedingungen der Besetzung.
Mehr als Geschichte und Kultur der Ukraine
Ergänzt wurden die thematischen Seminare durch einen Workshop zu Konflikten und Friedensprozessen. Prof. Dr. Lars Kirchhoff vom Institut für Konfliktmanagement leitete eine Simulation möglicher Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland. Die Teilnehmenden setzten sich dabei mit den Interessen und Strategien der beiden Seiten auseinander und versuchten, diese in einem simulierten Verhandlungsprozess zu bestimmen und zu erklären. Was die verschiedenen Veranstaltungen und Perspektiven miteinander verband, war die Überzeugung, dass Ukrainian Studies weit über die Beschäftigung mit Geschichte und Kultur hinausgehen.

Für Yuliya Biletska, die seit vielen Jahren zu Minderheiten forscht und aktuell Ukrainian Studies in der Türkei entwickeln möchte, war genau dieser Austausch ein wichtiger Teil ihrer Erfahrung an der Viadrina: „Ich kam hierher vor allem als Forscherin und Wissenschaftlerin, die ihr ganzes Leben über Minderheiten forscht und aktuell Ukrainian Studies in der Türkei entwickeln will. Bald werde ich an der Ankara-Universität lehren, und für mich war es sehr wertvoll zu sehen, wie es das KIU macht und mich mit den Kolleg*innen hier an der Viadrina auszutauschen.“
Mariya Zoryk
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