Von der zweiwöchigen Sommerschule zur weltumspannenden Community
Studierende, Forschende, Aktivist*innen und Künstler*innen aus 16 Ländern haben vom 16. bis 30. August 2026 bei der zwölften Ausgabe der Viadrinicum-Sommerschule miteinander gearbeitet. Unter dem Titel „Practicing Urban Junctures. Cooperative City and Its Social Bearings“ haben sie unter anderem solidarische Wohnformen kennengelernt, stadtplanerische Zukunftsentwürfe ausprobiert und – ganz praktisch und nachhaltig – Stadtmöbel gebaut.
Zur Abschlusspräsentation der Sommerschul-Ergebnisse schwimmt es tatsächlich still und leuchtend auf der dunklen Oder: ein Floß samt Teppich, Lichterketten und Sitzgelegenheiten, gebaut von Amira Mikhod und Mohamed Amine Khadiri. Die beiden haben gerade ihr Architekturstudium in Marrakesch abgeschlossen und wollten bei der Sommerschule etwas aus ihrer marokkanischen Heimat beisteuern. „Im Atlasgebirge kann man auf solchen Flößen fahren und Tee trinken. Als wir hier hinter der Mensa auf der Brücke über den Fluss gingen, mussten wir daran denken“, erklärt Amira Mikhod, wie sie auf die Idee kam. Mehrere Tage sägten und schraubten sie auf dem Campus, um Holz und Rohre so zu verbinden, dass ein funktionierendes Floß entsteht.
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Nach vielen Sommerschulen in Marokko und zuletzt in Antwerpen haben die beiden Studierenden gezielt nach einer Sommerschule in Deutschland gesucht. Besonders finden Amira Mikhod und Mohamed Amine Khadiri die Interdisziplinarität und die Internationalität: Zwei Wochen arbeiteten sie mit Teilnehmenden unter anderem aus Brasilien, Indien und China, die wiederum ihre Ideen aus Sozialwissenschaften, Kunst, Aktivismus und anderen Bereichen mitbrachten. Neben der praktischen Arbeit lernten sie gemeinsam von lokalen Akteur*innen mehr über städtische Projekte in Frankfurt (Oder), über die Zusammenarbeit von Verwaltung und Zivilgesellschaft und über Techniken der Verständigung. „So ein Konzept wie dieses gibt es in Marokko nicht“, sagt Mohammed Khadiri über das Viadrinicum. Auf die Frage, was er mit nach Marokko nehme, sagt er daher auch entschieden: „Diese Sommerschule. Wir würden gern so etwas in Marrakesch etablieren und dann die Teilnehmenden zu uns einladen.“
Neben dem Floß sind auf der Wiese zwischen Audimax und Hauptgebäude noch viele andere Möbel entstanden: mehrere helle Stühle mit breiter, gekippter Lehne stehen kurz vor Ende der Sommerschule in einem Halbkreis im Gras; auf einem bananenförmigen Schaukelstuhl trocknet die gelbe Farbe; in den Bäumen hängt eine große Schaukel. Im wenige hundert Meter entfernten Club Stuck wurde im Rahmen der Sommerschule ein neuer Tresen gebaut. „Wir hinterlassen hier etwas in der Stadt“, sagt Vincent Dino Zimmer vom Kollektiv Plus X zufrieden. Seit fünf Jahren ist er schon Teil der Sommerschule, erst im Rahmen einer urbanen Intervention auf dem Zukunftsplatz, in diesem Jahr als Facilitator im Makers Lab. „Das Herstellen ist eigentlich egal; es passiert nebenbei“, sagt er über seine Arbeitsphilosophie. „Mir geht es ums Empowern, um die Arbeit mit Werkzeugen; da muss man manchmal auch kulturelle oder geschlechtsspezifische Grenzen überwinden“, so Vincent Dino Zimmer. Letztlich sei jedes selbst erschaffene Möbelstück auch eine kleine Weltveränderung. Das Format Viadrinicum schätzt er vor allem als Ort des Austausches: „Hier kommt ein wahnsinniges Wissen zusammen. Das Schönste ist die Internationalität. Die Themen, die wir hier verhandeln, werden in all den Herkunftsländern so unterschiedlich diskutiert.“ Die Sommerschule sei für ihn inzwischen eine weltumspannende Familie.
Diese Beobachtung können die Viadrinicum-Organisatoren Stefan Henkel und Kirill Repin bestätigen. Ehemalige Teilnehmende schicken inzwischen als Professor*innen ihre Studierenden zum Viadrinicum, andere zeigen ihre Filme im Rahmenprogramm oder geben ihr Wissen und Können in den verschiedenen Labs weiter. „Die Sommerschule ist größer als diese zwei Wochen, es ist eine Community, in die die Menschen in verschiedenen Funktionen immer wiederkommen“, sagt Kirill Repin. Für das Team ist es jedes Jahr eine große Herausforderung, aus hunderten Bewerbungen die Teilnehmenden auszuwählen. Eine weitere schwierige Aufgabe ist die Finanzierung; dieses Jahr konnten die Handwerkskammer, das Stuck und das Studierendenwerk als neue Partner gewonnen werden. Neu ist auch der Ort: Nach mehreren Jahren auf dem Zukunftsplatz in der Nähe der Oderbrücke findet das Viadrinicum auf dem Campus statt. „Hier sind wir sichtbarer für die Uni und machen deutlich, wie es aussehen kann, etwas außerhalb von Seminarräumen zu lehren“, sagt Stefan Henkel. Das Publikum sei ganz klar ein anderes. „Ich habe hier nicht wirklich das Gefühl, Teil der Stadt zu sein“, gibt Kirill Repin zu bedenken. Für die Anbindung der Sommerschule an die Stadt ist an anderer Stelle aber gesorgt: sei es in Austauschrunden mit städtischen Aktivist*innen, durch die Möbel, die von verschiedenen Initiativen genutzt werden oder bei öffentlichen Filmabenden, die allen offenstehen.
Mit dem besonderen Ort der Sommerschule hat sich Gabriela Duarte da Silva Bittencourt näher beschäftigt, die im brasilianischen São Paulo Architektur und Urbanismus studiert. Ob unten auf der Wiese oder aus dem Seminarraum im Audimax-Gebäude, ihr Forschungsinteresse hat sie immer vor Augen: das Campus-Areal vom Spielplatz, über die Wiesen bis zur Fläche vor dem Wohnheim. „Wir haben uns angeschaut, wer das hier nutzt und die Menschen befragt, was sie sich wünschen“, erzählt Gabriela Bittencourt von ihrem Projekt im Planners Lab. Gemeinsam mit weiteren Teilnehmenden arbeitet sie an einer Planung für den Platz, die einen generationenübergreifenden Ort schafft. „Wir wollen etwas schaffen, um die Leute zum Bleiben zu bewegen“, sagt sie. Die interdisziplinäre Arbeitsweise beim Viadrinicum, die Freiheit bei der Feldarbeit und dass es hier nicht um „abgehobene Theorie“ geht, überzeugen sie sehr. „Letztendlich sind Städte bei aller Planung in allererster Linie die Menschen, die sich in ihnen aufhalten“, erzählt sie von ihrer Haupterkenntnis bei der Sommerschule.
Ein Gedanke, an den Boitshoko Molefhi, den alle nur Mo nennen, anschließen kann. Der Doktorand in Geschichte ist aus Ohio in den USA nach Frankfurt gereist, um die Sommerschule zu besuchen. Ein deutscher Geschichtsdozent hatte ihm davon erzählt. Im DocLab kreisen Boitshoko Molefhis Gedanken um die Frage, wie Menschen in der Doppelstadt mit der komplizierten Geschichte, den Brüchen und Traumata umgehen, gemeinsam in einer europäischen Doppelstadt leben und gleichzeitig eine Zukunft planen. Er ist fasziniert von dem nahen Beieinander von Gebäuden aus verschiedenen Epochen, wie der ehemaligen Bezirksparteischule (heute Audimax) und der ehemaligen Exerzierhalle gegenüber. „Wir reden oft oberflächlich und in groben Zügen von Städten oder Regionen. Aber wenn man den Alltag erlebt, ändert das das Bild“, ist er überzeugt. Die Sommerschule habe ihm eine Möglichkeit gegeben, mit der Realität in Kontakt zu kommen und das Alltagsleben im östlichen Europa kennenzulernen. Der größte Gewinn seien die vielen verschiedenen Kulturen und Denkschulen, die beim Viadrinicum zusammenkommen. Sein Fazit: „Das hier ist ein großartiger Ort des Lernens und des Austausches.“
Frauke Adesiyan; Translated by Deepl and edited
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