„Wir sind der Ukraine verpflichtet“: Karl Schlögel und Gerd Koenen über die Ukraine, Russland und Europas Verantwortung

Frankfurt (Oder), 

Atemlos habe das Publikum zugehört, sagte Viadrina-Professorin Dr. Annette Werberger am Ende des Abends – und fasste damit die Stimmung im voll besetzten Senatssaal treffend zusammen. Am 22. Juni 2026 sprachen Prof. Dr. Karl Schlögel und Dr. Gerd Koenen im Rahmen des Jerzy Giedroyc Forschungskolloquiums über die Ukraine, Russland und die Verantwortung Europas.

Ausgehend von ihrem gemeinsamen F.A.Z.-Gastbeitrag „Kriegswinter – Jetzt entscheidet sich das Schicksal der Ukraine“ entfalteten der ehemalige Viadrina-Professor und Friedenspreisträger Karl Schlögel sowie der Historiker und Publizist Gerd Koenen ein eindringliches Gespräch über Krieg, Erschütterung und demokratische Standhaftigkeit. Deutlich wurde: Für beide ist der russische Angriffskrieg nicht nur eine ukrainische Tragödie, sondern eine Prüfung für die europäischen Gesellschaften.

Karl Schlögel und Gerd Koenen: Nachdenken über die Ukraine - und über Russland

„Wir führen dieses Gespräch sonst unter uns, am Telefon oder am Küchentisch“, sagte Karl Schlögel zu Beginn. Nun saß er gemeinsam mit Gerd Koenen vor Publikum im Senatssaal der Viadrina – an einem Ort, an den Schlögel sichtbar gern zurückkehrte.

Der Abend trug den Titel „Nachdenken über die Ukraine – und über Russland“ und nahm dieses Nachdenken ernst. Es ging nicht um schnelle Antworten, sondern um ein tastendes, manchmal schonungsloses Ringen um Worte für eine Gegenwart, die vertraute Kategorien erschüttert hat. Schlögel beschrieb, dass er und Koenen sich seit Jahren in einer Art „Situation Room“ austauschten und sich gegenseitig Halt gäben. Nun öffneten sie diesen Denkraum für das Publikum.

Ein Krieg gegen die Lebensgrundlagen

Schlögel schilderte, wie sehr ihn die Gewöhnung an die Eskalation des Krieges beunruhige. Man habe sich daran gewöhnt, dass mit Raketen auf Städte geschossen werde, dass Stromversorgung, Wasser, Kanalisation und Heizsysteme zerstört würden. Es gehe um Angriffe auf die Überlebensstruktur einer Gesellschaft, sagte er – auf Städte, Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser und den Alltag der Menschen.

Koenen griff diesen Gedanken auf und fragte, wie Menschen es überhaupt aushalten könnten, in ausgekühlten Häusern, ohne Heizung, Strom oder funktionierende Aufzüge den Winter zu überstehen. „Die Rechnung für das, was diese barbarische Kriegsführung anrichtet, die ist noch nicht gemacht“, sagte er. Man wisse bis heute nicht, wie viele alte Menschen in Hochhäusern zugrunde gegangen seien, weil sie im Winter ihre Wohnungen nicht mehr verlassen konnten.

Für Schlögel sei der gemeinsame F.A.Z.-Aufruf deshalb weiter aktuell. Es gehe nicht um pathetische Solidaritätsbekundungen, sondern um die physische Frage, wie eine Gesellschaft überleben könne, wenn hunderttausende Menschen bei Minusgraden in beschädigten Wohnungen ausharren müssten.

Koenen verwies auf die vielen zivilgesellschaftlichen Netzwerke, die das Durchhalten ermöglichten. Hilfsaktionen, Überlebenskits, Powerbanks, Heizdecken und unzählige persönliche Verbindungen zwischen ukrainischer und westlicher Gesellschaft hätten gezeigt, dass Unterstützung oft auf einer mikroskopischen, aber sehr wirkungsvollen Ebene stattfinde.

Die Front, die auch Europa betrifft

Besonders eindringlich wurde das Gespräch, als es um diejenigen ging, die an der Front kämpfen. Schlögel berichtete von schwer verwundeten Menschen, die aus den Kämpfen zurückgekehrt waren. Das habe ihm vor Augen geführt, dass „da vorne“ konkrete Menschen stünden.

Koenen betonte, dass die Kämpfenden häufig nicht die ganz jungen Menschen seien, sondern Männer Ende zwanzig oder in den Dreißigern, oft Familienväter. Die Ukraine schütze junge Menschen unter 25 Jahren weiterhin vor der Einberufung. Diejenigen aber, die kämpften, hielten eine Stellung, „letztlich auch für uns“, sagte Koenen. Ohne diese Front wäre die Lage in Europa eine andere.

Schlögel beschrieb zugleich die Schwierigkeit, über diese Situation zu sprechen, ohne in heroische Rede zu verfallen. Es fehle an Sprache für Erfahrungen, die viele im Publikum, auch er selbst, nicht gemacht hätten. „Man muss noch mal auf die Schulbank“, sagte er. Gerade deshalb müsse man genauer hinsehen, berichten und versuchen, verständlich zu machen, was dieser Krieg bedeute.

Gleichzeitig hob Schlögel die Stärke der ukrainischen Gesellschaft hervor. Er berichtete von pünktlich fahrenden Zügen trotz Beschuss, von Kindern, die im Keller online lernten und Prüfungen ablegten, und von der Buchmesse in Kyjiw. In den Städten gebe es einen regelrechten Veranstaltungsboom. Für ihn sei das ein Zeichen dafür, dass diese Gesellschaft sehr genau wisse, was sie zu verlieren habe.

Russland und der Schein der Normalität

Immer wieder wandte sich das Gespräch auch Russland zu. Schlögel fragte, was mit einer Gesellschaft los sei, die Krieg mit massenhaften Toten gegen ein anderes Land führe und zugleich der Alltag scheinbar weiterlaufe. Er berichtete von einem Aufenthalt in Tiflis, wo viele russische Tourist*innen unterwegs gewesen seien, ohne dass der Krieg oder die russische Besetzung georgischer Gebiete sichtbar eine Rolle gespielt hätten. Diese Gleichzeitigkeit von Massaker und Normalität sei ungeheuerlich, sagte er.

Schlögel sieht in Wladimir Putins Herrschaft auch deshalb ein historisches Verbrechen, weil sie Russland daran gehindert habe, sich über die eigene Geschichte zu verständigen. Neben den Kriegsverbrechen bestehe Putins weitere Schuld darin, „dass er den Raum, in dem sich Russland über sich selbst klar werden konnte“, zerstört habe. Die große Aufgabe, dieses Riesenland mit seinen ungeheuren Ressourcen in Form zu bringen, das habe dieser „kleine, lächerliche, boshafte und todbringende Kerl“ nicht vermocht.

Nach den schwierigen 1990er-Jahren habe das Land große Chancen gehabt, auch durch enorme Einnahmen aus dem Weltmarkt. Putin aber habe keine Modernisierungsperspektive entwickelt. „Er hat den Krieg nach Europa zurückgebracht. Seine Politik lebt von der Bewirtschaftung der Komplexe und einer Bewirtschaftung der Angst“, so Schlögel.

Was Europa tun muss

Am Ende rückte die Frage nach Europas Verantwortung in den Mittelpunkt. Schlögel sprach davon, dass lange Friedenszeiten auch denkfaul machen könnten. Der Horizont, in dem seine Generation aufgewachsen sei, löse sich auf. Die heutigen Studierenden wüchsen in andere Verhältnisse hinein.

Was also tun? Schlögel nannte zunächst die Aufgabe der Wissenschaft: akademische Beziehungen stärken, berichten, das Wort erheben – auch zum zweiten, dritten oder zehnten Mal. Nicht immer gebe es neue Einsichten. Aber es sei notwendig, weiter zu sprechen und Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Politisch formulierte Schlögel seine Erwartung unmissverständlich. Europa brauche Regierungen, die standhaft bleiben und sagen, dass die ukrainische Sache gerecht sei. Es gehe darum, die Ukraine dabei zu unterstützen, ihre Städte vor Vernichtung und Zerstörung zu bewahren. „Wir sind eigentlich der Ukraine verpflichtet. Wir müssen uns bei ihr bedanken“, sagte Schlögel.

Koenen stimmte zu: „Europa muss sich um die eigene Stabilität kümmern; schon das wäre viel. Russland sollte auf eine halbwegs geeinte Europäische Union treffen.“

Schlögel schloss mit einem Gedanken, der die politische und gesellschaftliche Dimension des Abends zusammenführte. Verteidigung bedeute nicht nur Drohnen und Militär. Sie bedeute auch die Bereitschaft, das eigene Land und die Demokratie zu verteidigen. Die Ukraine könne darin ein ermutigendes Beispiel sein: ein von Haus aus viel schwächeres Land, das unter schrecklichen Kosten standhalte.

Heike Stralau

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