„Das ist Linguistik live“ – Seminar über Jubelgesten im Fußball
Fußballgucken als Seminar-Aufgabe – das ist für Studierende von Prof. Dr. Cornelia Müller gerade Alltag. Anlässlich der laufenden Fußball-Weltmeisterschaft der Männer analysieren sie Körpergesten im internationalen Fußball und fragen sich: Was ist hier authentisch, was inszeniert? Die Erkenntnisse der Studierenden geben Einblick in eine Welt zwischen höchstprofessioneller Markenbildung und privaten Gefühlsausbrüchen. An den Interessen und Lebenswelten der Studierenden anzuknüpfen, ist von Cornelia Müller ein Grundprinzip ihrer Lehre.
Nico Schlotterbeck lässt seinen nackten Oberarmmuskel spielen, Deniz Undav zeigt ein paar Schritte eines jesidischen Tanzes, Felix Nmecha kniet nieder und legt symbolisch seine Krone auf den Rasen, um den sportlichen Erfolg Gott zu widmen. Allein die Torjubel-Gesten der deutschen Nationalspieler am ersten Spieltag der laufenden Weltmeisterschaft böten Prof. Dr. Cornelia Müller und ihren Studierenden viel neuen Stoff für Analysen. Dabei ist der Fundus an Jubelgesten von Fußballer*innen ohnehin unüberschaubar groß – und aus kulturwissenschaftlicher Sicht überaus spannend.
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„Was uns interessiert ist: Wo kommen diese Gesten her, wie entstehen sie, wie werden sie aufgegriffen und verändert?“, erläutert Cornelia Müller ihr Interesse an dem Jubel der Fußballer*innen. Schon lange beschäftigt sich die Expertin für Sprachgebrauch mit dem Einsatz von Gesten – beispielsweise beim Tanz, in der Politik und auf Social Media-Kanälen. Das Besondere an den Fußballmomenten: „Hier sind wir ganz nah dran an der Entstehung, das ist Linguistik live.“ Gesten an sich sind für sie ein Ausdruck des Menschen als „Zeichentier“. „Wir haben Freude an Zeichen, wir spielen damit und verändern sie. Das dient einer Gemeinschaftsbildung“, erklärt sie den Sinn von Gesten. Wenn Fußballer*innen Jubelgesten neu etablieren, routiniert immer wieder vorführen oder aufgreifen und verändern, schaue das Publikum dabei zu, wie Sprache entsteht.
Bebetos Baby, Ronaldos Bekreuzigung und Gyökeres‘ Maske
Was sie damit meint, zeigen die Studierenden in einer Seminarsitzung, in der sie Videos von Jubel-Szenen vorführen und erklären. Methodisch aufwendig – in einer 20-sekündigen Videosequenz stecken oft mehr als 20 einzelne Gesten – verdeutlichen sie, welche komplexen Abläufe hinter dem stecken, was im Anschluss oft zum zusammengeschnittenen Video auf TikTok oder in der Sportschau wird. Einen Klassiker hat sich dafür die PhD-Studentin Bruna Louzada ausgesucht. Sie zeigt eine Szene aus dem Viertelfinale der Weltmeisterschaft 1994 in Dallas, als der Brasilianer Bebeto in der 62. Minute das 2:0 schießt. Wenige Tage zuvor war er Vater geworden, was er mit seinem Torjubel feiert. Während er zur Eckfahne rennt, führt er mit ausgestreckten Unterarmen die Hände vor dem Körper zusammen und schwenkt sie hin und her. Zwei Mitspieler stellen sich dazu und gestikulieren ganz ähnlich, die Bewegung wird immer mehr zum Wiegen eines Babys, das Köpfchen in den Händen. „Eigentlich wiegt man auch in brasilianischen Gesten ein Baby eher seitlich mit dem Kopf in der Armbeuge“, betont Bruna Louzada, die selbst aus Brasilien kommt und das Tor damals live gesehen hat. Bebetos Geste sei dadurch etwas ganz Eigenes, zuvor Ungesehenes und sei als „Bebetos Baby“ in die Fußball-Geschichte eingegangen. Ihr Beispiel verdeutlicht auch die Bedeutung der Fernseh-Inszenierung für die Deutung und Weiterverbreitung von Jubelgesten. Der Kommentator deutet die Bewegungen der drei Spieler nämlich zunächst falsch und sagt, ganz dem Klischee entsprechend: „Es ist Samba-Zeit.“
Silvia Otto wirft in ihrer Analyse einen Blick auf die Rolle von Kameraeinstellungen und Zusammenschnitt durch Fernsehübertragungen. Sie schaute genauer auf Christiano Ronaldos Selbst-Feier nach einem Tor für den Al-Nassr FC im Jahr 2023. Das Besondere an diesem Jubel: Bevor Ronaldo zu seiner typischen Tor-Geste samt Sprung, halber Drehung und „Siuuuuu“-Schrei ansetzt, bekreuzigt er sich. Ein katholisches Symbol vor dem arabischen Publikum – das fand der übertragende Sender offensichtlich unpassend und schnitt es in Wiederholungen der Torszene raus.
So bekannt wie Ronaldos Jubel ist sie zwar noch nicht, aber schon eine eingetragene Marke: die Masken-Geste des schwedischen Nationalspielers Viktor Gyökeres. Die Daumen in Richtung Ohren verschränkt er die restlichen Finger vor Mund und Nase. Es ist ein Verweis auf Batman und seine Aussage, dass ihn niemand ernstnahm, bevor er eine Maske trug. Gyökeres hat damit, wie Student Jasper Lemmerz eindrücklich an Beispielen zeigt, eine emblematische Geste mit fester Bedeutung geschaffen, die er Tor für Tor wiederholt – außer, es wird zu emotional. Als er dieses Jahr bei der WM-Qualifikation gegen Polen in der 88. Minute den entscheidenden Ausgleich schießt, streckt er den Finger gen Himmel, rennt, jubelt mit seinen Mitspielern, aber die Maske bleibt aus. Vor Erlösung vergisst er offensichtlich sein Markenzeichen – und holt es nach dem Spiel Social Media-tauglich mit den Fans auf der Tribüne nach.
Wissenschaft als Entdeckung von Alltagswelten
Während ihre Studierenden ihre Analysen vorstellen, fragt Cornelia Müller immer wieder nach. Was genau sagt Christiano Ronaldo da eigentlich bei seiner ikonischen SIU-Geste? Was bedeutet das Rühren im Topf von Serge Gnabry? Welche Codes werden wie in TikTok-Videos aufgegriffen? Es ist keine Prüfung, sondern ernsthaftes Interesse an dem, was die Studierenden in das Seminar einbringen. „Es ist für mich eine unglaubliche Freude, an ihren Erfahrungen und ihrem Wissen teilzuhaben“, sagt die Professorin. Ganz bewusst plane sie ihre Seminarthemen immer so, dass sie an der Lebensrealität der Studierenden ansetzen. Dass sie als Professorin dann in Lehrveranstaltungen mitunter auch die Rolle der Lernenden einnimmt, ist für sie selbstverständlicher Teil ihres Wissenschaftsverständnisses: „Wissenschaft ist für mich ein evidenzbasierter Entdeckungsprozess von Alltagswelten – und zwar nicht nur von meiner eigenen.“ Dieses Grundverständnis präge das Department für Language and Media Studies, dem sie angehört, genauso wie das neue gleichnamige Masterprogramm, das erstmals ab dem Wintersemester 2026/27 angeboten wird.
Frauke Adesiyan
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