Manager in Tarnanzügen – Online-Diskussion zur Rolle der Sozialen Medien in Kriegszeiten

Ob für Propaganda, Spendenaufrufe oder Mobilisierung – im russischen Krieg gegen die Ukraine zeigt sich, welche Bedeutung den Sozialen Medien im öffentlichen Diskurs zukommt. Die achte Veranstaltung der Reihe „Voices from Ukraine“ vom 19. Mai 2022 fokussierte die Frage, wie die ukrainische Zivilgesellschaft Soziale Medien nutzt und wie sich die Alltagskommunikation dadurch verändert.

„Die Ukraine ist eine Facebook-Republik; Facebook ist hier sehr wichtig für das Framing des öffentlichen Diskurses“, sagte Anna Kokoba, Leiterin der Marketing- und Kommunikationsabteilung der Kyiv School of Economics. In ihrem Kurzvortrag stellte sie, jedoch ohne zu werten, Entwicklungstendenzen vor, die sie seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine in den Sozialen Medien beobachtet. Ihre Timeline sei voll mit Spendenaufrufen und Aufrufen für Freiwilligeneinsätze zur Unterstützung von Armee und Zivilschutz, so Kokoba. Auch ihr Arbeitgeber, die Kyiv School of Economics, habe eine Fundraising-Kampagne für das ukrainische Militär durchgeführt. „Spenden und Freiwilligendienste sind deshalb so populär, weil sie ein verbindendes Moment in der ukrainischen Gesellschaft darstellen, eine Möglichkeit, sich in diesen Zeiten nützlich zu machen“, so Kokoba.

vfu8_gross ©Montage: Yvonne Martin

Die Medienexpertinnen Kateryna Iakovlenko und Anna Kokoba waren zu Gast bei „Voices from Ukraine".  – Bild: Yvonne Martin


Ein weiteres Phänomen sei die plötzliche Popularität von Armee und Militarismus. Man erlebe die „Geburt einer neuen Ästhetik des Militarismus“, unterstrich die Medienwissenschaftlerin. Es sei verbreitet, Teil einer Armee-Einheit oder im Heimatschutz aktiv zu sein; Menschen des öffentlichen Lebens, Schriftsteller, Musikerinnen, riefen zur Unterstützung auf. Eine ukrainische Bank mache gar Werbung mit Fotos ihrer in Camouflage gekleideten Manager mit automatischen Waffen vor der Brust. Vermehrt würden auch in der Armee kämpfende Frauen und Menschen aus der LGBT-Community abgebildet. Dies könne dazu führen, dass sich in der ukrainischen Gesellschaft tradierte Rollenmuster änderten, so Kokoba, vor allem hinsichtlich Frauen und nicht-heterosexuellen Menschen.

In den Sozialen Medien sei außerdem eine starke „Cancel-Culture“ gegenüber der russischen Kultur und Sprache zu beobachten. Sie äußere sich etwa in der Forderung, Straßen und Plätze umzubenennen, aber auch in der Diskussion um die Schriftsteller Michail Bulgakov und Nikolai Gogol: Dass sie ihre Werke in russischer Sprache verfassten, werde als Unterstützung der imperialen Vorstellungen Russlands wahrgenommen. Man kritisiere sie nun dafür, keine ukrainischen Patrioten gewesen zu sein. Dieser Trend weise darauf hin, analysierte Kokoba, dass sich viele Ukrainerinnen und Ukrainer inzwischen stärker der europäischen Kultur zugehörig fühlten.

In Anlehnung an George Orwells „Newspeak“ ging Kokoba dann auf das Phänomen des „Warspeak“ ein. Der Krieg schaffe eine neue linguistische Realität, neue linguistische Normen, und erreiche die Verschiebung von Tabus, so die Medienexpertin. Offizielle Kanäle schrieben Wörter wie „Putin“ oder „Kreml“ in Kleinbuchstaben; der Gebrauch von Schimpfwörtern sei nicht länger sanktioniert. Beides sei vor dem Krieg undenkbar gewesen. Wortneuschöpfungen wie Rashism, ein Amalgam aus den englischen Wörtern „russia“ und „fascism“, habe Eingang in den Sprachgebrauch gefunden, nicht nur in der Ukraine, auch in westlichen Medien. Zu beobachten sei außerdem, dass Menschen, die Gewalt und Verletzungen erlitten hätten, in den Sozialen Medien ganz offen ihrem Hass und dem Wunsch zu töten, Ausdruck verliehen.

Die Frage nach der Ethik

Kateryna Iakovlenko, die derzeit Stipendiatin am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen ist, warf die Frage nach den Beweggründen und Verantwortlichkeiten für diese neuen Kommunikationstrends auf. „Wir erleben eine sehr emotionale Episode“, sagte sie. „Jeder will sich ausdrücken, nicht nur verbal, sondern auch durch Bilder.“ Sie berichtete von ihren Gesprächen mit Fotografen, die Bilder von toten Menschen, Opfer des Massakers von Butscha, in den Sozialen Medien veröffentlichten. „Sie sagten mir, es sei eine Form des Selbstschutzes, weil der Schmerz und die Ohnmacht, die Situation nicht ändern zu können, so groß seien“, erklärte Iakovlenko.

Außerdem verknüpfe sich mit der Veröffentlichung der Bilder die Hoffnung, Menschen, die nicht vom Krieg betroffen sind, begreiflich zu machen, welches Leid die Menschen in der Ukraine zu erdulden hätten. Die Sozialen Medien hätten allerdings die meisten Bilder aus Butscha gesperrt. Man müsse sich fragen, ob dies aus ethischen Gründen geschehe oder eine Form der Zensur darstelle, so Iakovlenko. „Wollen wir die Wirklichkeit nicht sehen und so der Verantwortung entgehen, die aus der Zeugenschaft resultiert?“ Die Fragen nach Ethik und Datenschutz stellten sich aber auch, wenn, wie jüngst geschehen, ukrainische Medienschaffende Details aus dem Privatleben russischer Soldaten veröffentlichten, die sie aus deren Handys entnommen hatten.

Die in der Diskussionsveranstaltung vorgestellten Beispiele zeigten, dass jeder, der die Sozialen Medien auf diese Weise nutze, Teil des Informationskrieges sei. Dies habe die Alltagskommunikation verändert, sagte Iakovlenko. „Jeder will mitmachen, denn es geht dabei nicht um den Kampf der russischen Armee gegen die ukrainische, sondern um Freiheit und um die Zukunft unseres Landes." Ihre Hoffnung sei, so die Medienexpertin, dass die Social Media-Nutzung nach dem Krieg überdacht und neu gestaltet werde.

Die Podiumsdiskussion ist bei Youtube abrufbar.

(YM)