Erst Euphorie, dann Bürokratie – AStA lädt zum Austausch über Ukraine-Hilfe ein

Im Rahmen der Europawoche hatte der Allgemeine Studentische Ausschuss (AStA) am 12. Mai 2022 zu einem Ukraine-Gesprächsnachmittag eingeladen. Zu Wort kamen Frankfurter Helfer und ukrainische Studierende. Sie verdeutlichten, dass Helfende nach anfänglicher Tatkraft und dem Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu tun, nun mit den Mühen der Bürokratie zu kämpfen haben.

Viadrina-Absolvent Mario Mische, der für die Caritas die Freiwilligenarbeit koordiniert, beschreibt verschiedene Phasen des ehrenamtlichen Engagements für Geflüchtete aus der Ukraine in den vergangenen Monaten. „Nach der akuten Hilfe, die physisch anstrengend war, aber auch unmittelbar ihren Sinn zeigte, geht es jetzt um den mühsamen Existenzaufbau“, beschreibt er den Wandel. Vieles werde durch Bürokratie erschwert; hinzu komme das Gefühl vieler Helfender, nicht genug gehört zu werden. „In den Netzwerkrunden, bei denen ich dabei bin, wird deutlich, dass offizielle Stellen sich anfangs auf die Zivilgesellschaft verlassen haben, diese nun aber nicht in Entscheidungen einbindet“, begründet er die Ernüchterung. Umso mehr sei es sein Anliegen, den ehrenamtlich Engagierten zu danken: „Sie haben sehr viel geleistet, während die großen Player noch darüber nachgedacht haben, welche Regeln jetzt eigentlich gelten.“

20220512_161613_resized_20220512_111614586_600 ©Frauke Adesiyan

Viel geleistet haben in den vergangenen Monaten alle, die an diesem Nachmittag im Gespräch mit den AStA-Referentinnen Liubov Checherenkova und Alina Bernhardt im BLOK O zu Wort kommen. Da ist Viadrina-Absolventin Katharina Scheffler, die zunächst mit einem Freund Spenden sammelte und inzwischen für das Onlinemagazin Handbook Germany Informationen für ukrainische Geflüchtete zusammenträgt. Oder Promotionsstudent Juri Boiko, der ein Sprachcafé im verbuendungshaus fforst aufbaut, bei dem alle Interessierte die ukrainische Sprache und Kultur kennenlernen können.

Die Grenzen zwischen professionellem Engagement und persönlichem Einsatz verschwimmen bei vielen der Gäste. So zum Beispiel bei René Pachmann, der als katholischer Seelsorger unter anderem an der Viadrina arbeitet. Er erinnert sich an kräftezehrende Einsätze am Bahnhof, wo er vor allem mit seinen Ukrainisch-Kenntnissen geholfen hat. „Ich habe dort bewegende Szenen gesehen, Menschen die mit ganz wenig kamen, viele, die orientierungslos waren“, erinnert er sich. In den vergangenen zwei Monaten hat er eine Frau und ihren Sohn aus Dnipro bei sich aufgenommen und mit ihnen erlebt, welchen Aufwand es bedeutet, anzukommen. Gerade hilft er ihr beim Umzug in eine eigene Wohnung. Neben diesem persönlichen Engagement organisiert er Schulunterricht für ukrainische Kinder, hat eine kleine Bibliothek mit ukrainischer Literatur zusammengestellt und lädt wöchentlich zum Gebet für die Ukraine an der Friedensglocke. Viele Fäden, die zwischen den in der Ukraine-Hilfe Engagierten in Frankfurt unter anderem in Telegram-Kanälen und Whats-App-Gruppen geknüpft wurden, laufen bei ihm zusammen.

20220512_174055_resized_20220512_111615658_600 ©Frauke Adesiyan

Auch Hanna Herych gehört zu diesen „Knotenpunkten“ im Frankfurter Freiwilligen-Netz. Im sechsten Semester studiert die Ukrainerin European Studies. Sie koordiniert Hilfsprojekte der Jungen Union Frankfurt (Oder), die das Netzwerk „FF hilft“ aufgebaut hat, und arbeitet als studentische Hilfskraft im städtischen Integrationszentrum. „Wir dolmetschen, übersetzen Urkunden und sind für viele Fragen der Ukrainerinnen und Ukrainer Ansprechpersonen“, beschreibt sie ihre Arbeit. In den ersten Wochen des Krieges sei sie privat „total verloren“ gewesen, habe sich um ihre Familie in der Ukraine gesorgt, durchgehend Nachrichten gelesen und mit ihren Schuldgefühlen gekämpft, in Sicherheit zu sein. „Doch dann habe ich mir gesagt: Ich mache das, was ich kann – die Ukraine braucht jetzt jeden, auch uns im Ausland.“ Neben all der praktischen Hilfe, die sie vor Ort in Frankfurt, aber auch mit Hilfstransporten in die Ukraine leistet, sieht sie es als ihre Aufgabe, zu reden, zu überzeugen, zu erklären. „Wir verändern die Wahrnehmung der Ukraine in Deutschland“, ist sie überzeugt.
(FA)