‘68 NOW. Europäische Verflechtungen

Über die Veranstaltungsreihe

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Während das Erbe des Mai 1968 in Westeuropa ein Symbol der Befreiung und der Rebellion gegen starre Machtstrukturen darstellt, dreht sich in Mittel- und Osteuropa die Erinnerung ganz klar um den Prager Frühling und die sowjetische Invasion in der Tschechoslowakei. Damit werden politische und kulturelle Trennlinien in Europa sichtbar, die aus transnationaler Perspektive produktiv diskutiert werden können.

Die Distanz von einem halben Jahrhundert erlaubt es, besser zu verstehen, inwiefern die unterschiedlichen Ereignisse des Jahres ‘68 in verschiedenen Teilen Europas eine Diskrepanz in Bezug auf Europa als ein internationalistisches Projekt gebildet haben. Die Idee der Internationalität taucht hier als ein ambivalentes Phänomen auf, das einerseits mit der Einforderung von demokratischer Mitbestimmung und größerer persönlicher Freiheit ein emanzipatorisches Potenzial trägt, andererseits aber als ein ideologisches Konstrukt instrumentalisiert wurde, das die Unterdrückung von abweichender Subjektivität legitimierte und schließlich in der Breschnew-Doktrin gipfelte.

Die Ambivalenz des Jahres ‘68 als Symbol eines politischen Ereignisses spiegelt sich in der Entgegensetzung von individueller und kollektiver Emanzipation wider, die die Diskussionen über das Geschehen bis heute sehr stark prägt. Der 68er-Bewegung im Westen wird oft vorgeworfen, dass sie den Fokus des politischen Kampfes vorwiegend auf Identitätspolitik gelegt habe, wobei die Aufmerksamkeit vom Universalistischen auf das Partikularistische verschoben wurde. Zugleich sind die Versuche in Mittel- und Osteuropa, einen dritten Weg zwischen sowjetischer Diktatur und den kapitalistischen Marktwirtschaften - einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" - zu entwickeln, unter dem ideologischen Gewicht des sozialistischen Internationalismus sowjetischer Prägung gescheitert.

In der Veranstaltungsreihe soll der Versuch unternommen werden, die einzelnen Ereignisse des Jahres nicht bloß nebeneinander zu stellen, sondern mit Hilfe eines beziehungsgeschichtlichen Ansatzes ihre Verflechtung in den Blick zu nehmen. Denn auch die Revolte der 68er-Bewegung selbst ist eng mit einer internationalistischen Perspektive verbunden.

Die öffentlichen Diskussionen in Berlin und Frankfurt (Oder) werden die Ereignisse von ‘68 aus transnationaler Perspektive aufgreifen und die Aktualität der 68er-Bewegung für die heutige politische Konstellation in Europa und die verschiedenen globalen emanzipatorischen Strategien thematisieren. Einen Hauptaspekt, der sich durch die Veranstaltungsreihe zieht, bilden somit Fragen nach dem Erbe von 1968 heute: Wie wird auf die Ereignisse von 1968 Bezug genommen? Was ist aus den emanzipatorischen Forderungen nach mehr Freiheit, Mitbestimmung und Demokratie aus einer transnationalen Perspektive geworden? Wie lassen sich z.B. die Ereignisse auf dem Maidan in Bezug auf die europäischen Erfahrungen von ‘68 lesen?

Gerade in Zeiten eines anwachsenden Populismus und Politikverdrossenheit, der Ausgrenzung des Anderen und sozialer Desintegration von Gesellschaften bietet ‘68 einen Anknüpfungspunkt, um diese auch für unsere Zeit aktuellen Fragestellungen der demokratischen, europäischen Werte und des politischen Engagements zu diskutieren. Dieser Blick zurück ist auch ein Blick nach vorn, indem er die Frage aufwirft, in welcher Gesellschaft wir gerne leben wollen und dabei das Verhältnis zwischen "Individuellem und Sozialem, Wirtschaftlichem und Politischem, Freizeit und Arbeit, Utopie und Realität, Vernunft und Emotion"[1] als einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess begreift.

Die Veranstaltungsreihe "‘68 NOW. Europäische Verflechtungen" ist eine Kooperation zwischen der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) und der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder). Sie knüpft an das Programm der Kyïver Biennale an, die im April-Mai 2018 in Kyïv stattgefunden hat (http://vcrc.org.ua/en/68-now).


[1] Ludivine Bantigny, Die Zeit des Möglichen. Die Erfahrungen von 1968 oder eine anthropologische Revolution, in: Lettre International, Heft 120, Frühjahr 2018, S. 35.

► Zur Audioaufzeichnung der Podiumsdiskussion

Zeit: 24. September 2018, 19.00 Uhr

Ort: Bundeszentrale für politische Bildung, Friedrichstraße 50, 10117 Berlin

Auftaktveranstaltung zur Reihe "`68 NOW. Europäische Verflechtungen"

Es diskutieren:

Dr. Silja Behre, Historikerin, Autorin der Monographie "Bewegte Erinnerung. Deutungskämpfe um "1968" in deutsch-französischer Perspektive", Tübingen 2016.

Dr. Marie Černá, Historikerin, Institut für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik

Dr. Vasyl Cherepanyn, Kulturwissenschaftler, Leiter des Visual Culture Research Centers, Kyïv (Ukraine)

Moderation: Markus Nesselrodt, Historiker, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)

Während das Erbe von 1968 in Westeuropa ein Symbol der Befreiung und der Rebellion gegen starre Machtstrukturen darstellt, dreht sich in Mittel- und Osteuropa die Erinnerung ganz klar um den Prager Frühling und die sowjetische Invasion in der Tschechoslowakei. Damit werden politische und kulturelle Trennlinien in Europa sichtbar, die aus transnationaler Perspektive produktiv diskutiert werden können.

Die Distanz von einem halben Jahrhundert erlaubt es, besser zu verstehen, inwiefern die unterschiedlichen Ereignisse des Jahres '68 in verschiedenen Teilen Europas eine Diskrepanz in Bezug auf Europa als ein internationalistisches Projekt gebildet haben. Die Idee der Internationalität taucht hier als ein ambivalentes Phänomen auf, das einerseits mit der Einforderung von demokratischer Mitbestimmung und größerer persönlicher Freiheit ein emanzipatorisches Potenzial trägt, andererseits aber als ein ideologisches Konstrukt instrumentalisiert wurde, das die Unterdrückung von abweichender Subjektivität legitimierte und schließlich in der Breschnew-Doktrin gipfelte.

Die Ambivalenz des Jahres '68 als Symbol eines politischen Ereignisses spiegelt sich in der Entgegensetzung von individueller und kollektiver Emanzipation wider, die die Diskussionen über das Geschehen bis heute sehr stark prägt. Ausgehend von den verschiedenen '68ern', soll beim checkpoint-Gespräch am 24. September 2018 diskutiert werden, was die einzelnen Fälle verbindet und welche Beziehungen zwischen ihnen bestehen. Durch eine breite regionale Fächerung werden nationale Verkürzungen des Phänomens 1968 überwunden, seine Verflechtungen fokussiert und Dissidententum, Emanzipation, Proteste und deren Unterdrückung aus vergleichender Perspektive betrachtet.

Die Veranstaltung ist bei facebook hier zu finden.

Die Podiumsdiskussion bildet den Auftakt zur Veranstaltungsreihe "'68 NOW. Europäische Verflechtungen" - eine Kooperation zwischen der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) mit der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder), und in Zusammenarbeit mit dem Visual Culture Research Center (VCRC), Kyïv.

Die Reihe ist eine Anknüpfung an das Kiewer Projekt THE KYIV INTERNATIONAL - '68 NOW des VCRC: http://vcrc.org.ua/en/68-now/

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Ort: Europa-Universität Viadrina, Große Scharrnstr. 59, 15230 Frankfurt (Oder), HG 109

Zeit: 18.15 Uhr

Es diskutieren:


Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB)

Detlef W. Stein, Sprecher am Runden Tisch Berlin für das NEUE FORUM und Leiter des Osteuropa-Zentrums Berlin

Dr. Stefan Wolle, wissenschaftlicher Leiter des DDR Museums Berlin

Moderation: Markus Nesselrodt (Frankfurt/Oder)


Während '68 in der Bundesrepublik immer wieder diskutiert wurde und wird, wird der Blick auf das Geschehen in der DDR zu dieser Zeit kaum besprochen. Der Versuch eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" im Prager Frühling in der Tschechoslowakei und dessen Niederschlagung mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes überdeckt meist den Blick auf antiautoritäre Haltungen, die es selbstverständlich auch in der DDR gegeben hat. Welchen Widerhall fand das '68 in der BRD und der Tschechoslowakei in der DDR? Wie reagierten die Bürger und wie die Staatsmacht? Inwiefern war der linke Antiautoritarismus, z.B. eines Herbert Marcuse, problematisch für die Selbstbeschreibung der DDR als Arbeiter- und Bauernstaat?

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Ort: Europa-Universität Viadrina, Große Scharrnstr. 59, 15230 Frankfurt (Oder), HG 109

Zeit: 18.15 Uhr

Es diskutieren u.a.:

Prof. Dr. María do Mar Castro Varela (Berlin)

Dr. Krystian Szadkowski (Poznan)

Moderation: Prof. Dr. Melanie Sehgal (Frankfurt/Oder)

Während des Jahres 1968 wurde die Universität zum Hauptort des politischen Protests, der die universitären Grenzen selbst in Frage stellte. Der Ruf nach einer "Dekolonialisierung" des Wissens als Machtinstrument und die damit verbundene Kritik an den Institutionen der Wissensproduktion ist gerade im Kontext der postkolonialen Theoriebildung zu vernehmen. Doch ist dieser antiautoritäre Gestus nicht nur im Bereich der Theorie zu beobachten, sondern auch ganz praktisch an vielen Bildungsinstitutionen, in denen gerade darüber verhandelt wird, welches Wissen über den Aspekt der reinen Berufsqualifizierung hinaus für die Studierenden von Bedeutung ist. Damit einher gehen Fragen nach der gesellschaftlichen Verantwortung und der (Selbst-)Verortung der Universität, die in der Podiumsdiskussion thematisiert werden sollen.

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Ort: Jüdisches Museum Berlin / W. M. Blumenthal Akademie, Saal, Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz 1, 10969 Berlin

Zeit: 19.00 Uhr

Es diskutieren u.a.:

Lidia Drozdzynski, Autorin und Regisseurin (u.a. Dokumentarfilm "Unsere Vertreibung 1968", 2008)

Dr. David Kowalski, Historiker (Berlin)

Prof. Dariusz Stola, Direktor des Polin Museums der Geschichte der polnischen Juden (Warschau)

Michał Zadara, Theaterregisseur (Warschau)

Moderation: Katarzyna Wielga-Skolimowska (München)


Die sogenannten Märzunruhen in Polen des Jahres 1968 vereinten verschiedene Aspekte des Jahres 1968 miteinander: Ähnlich wie in Frankreich, der BRD und später auch in der Tschechoslowakei entwickelte sich ein studentisch-gesellschaftlicher Protest gegen staatliche Autoritäten und eine starre Ordnung. Die bestreikte Universität war auch hier ein zentraler Ort. Besonders ist der polnische Fall dadurch gekennzeichnet, dass die öffentlich gegen Zensurmaßnahmen ("Wir wollen Kultur ohne Zensur!") und die Absetzung einer Theaterinszenierung ("Totenfeier", Regie: "Kazimierz Dejmek") demonstrierenden Student*innen sich einer antisemitisch geprägten Kampagne gegenübersahen, die in der Folge große Teile der polnischen Gesellschaft erfasste und mehrere Tausend polnische Juden ins Exil zwang.

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Inputs und Podiumsdiskussion

Das Lokale und Kosmopolitsche verbinden: Die Idee der Solidarität in Europa heute

Datum und Zeit: 31. Januar 2019, 18.00 ct
Ort: Europa Universität Viadrina, Gräfin-Dönhoff-Gebäude, GD 102, Europaplatz 1, 15230 Frankfurt (Oder)

Das Projekt eines gemeinsamen kosmopolitischen Europas scheint heutzutage an mehreren Widersprüchen zu leiden, die sich im Antagonismus zwischen universellen Ansprüchen und partikularen Interessen zusammenfassen lassen. Unter den Bedingungen einer wachsenden politischen, ökonomischen und sozialen Ungerechtigkeit, struktureller Schwäche von internationalen Institutionen und sich rasch ausbreitenden (ultra-) konservativen und illiberalen Tendenzen, wird die Logik des Nationalstaats immer häufiger im Kampf für eine illusorische Rückeroberung der nationalen Souveränität überall in Europa wiedererweckt.

Die antagonistische Spannung zwischen universalistischen Ansprüchen und partikularen Interessen scheint das Projekt eines gemeinsamen kosmopolitischen Europas mit seinen Grundwerten der (lokalen und transnationalen) Demokratie, der (intersektionalen und internationalen) Solidarität sowie des zivilgesellschaftlichen und politischen Engagements zu unterwandern.

In einem wahrhaft internationalistischen Sinne wird die Diskussion darauf abzielen, nicht nur diese Kategorien im institutionellen Kontext der EU zu thematisieren, sondern darüber hinaus Vorstellungen von einem kosmopolitischen Europa zu entwickeln - ein Europa, das vereint ist als gemeinsamer politischer Raum mit vielfältigen Möglichkeiten für emanzipatorisches Handeln, aktive Bürgerschaft sowie Sensibilität für in sich bestehende Unterschiede.

 

Diskutant*innen:

Daphne Büllesbach (Berlin), Gründerin und Leiterin des Berliner Büros von European Alternatives und Mitglied des Instituts für Solidarische Moderne

Dr. Vasyl Cherepanyn (Kyïv), Leiter des Visual Culture Research Center (VCRC) und Herausgeber der Zeitschrift Political Critique (ukrainische Ausgabe)

Moderation: Dr. des. Clara Frysztacka (Frankfurt/Oder)


Auf Facebook ist die Veranstaltung hier zu finden.

Die Podiumsdiskussion ist Teil der Veranstaltungsreihe "'68 NOW. Europäische Verflechtungen" - eine Kooperation zwischen der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) mit der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder), und in Zusammenarbeit mit dem Visual Culture Research Center (VCRC), Kyïv.

Die Reihe bildet eine Anknüpfung an das Kiewer Projekt THE KYIV INTERNATIONAL - '68 NOW des VCRC: http://vcrc.org.ua/en/68-now/

Prof. Donatella della Porta (Florenz)

Jenseits der Barrikaden: Zeitgenössische soziale Bewegungen im Prisma der ’68er-Kämpfe

Moderation: Jennifer Ramme (Frankfurt/Oder)

Ort: Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder), Senatssaal, HG 109, Große Scharrnstr. 59
Zeit: 30. April 2019, 18.15 Uhr

Die gegenwärtige politische Situation lässt sich kaum angemessen analysieren, ohne die Protest- und Aktivismuskulturen zu berücksichtigen, die sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten herausgebildet haben. Ein reflektierter Blick zurück auf die Ereignisse von 1968, die vielfach als Ausgangspunkt neuer sozialer Bewegungen gelten, kann als produktiver Ausgangspunkt dienen, um die Entwicklung nicht-institutionalisierter politischer Partizipation und kollektiven Handelns vom Übergang zur postindustriellen Gesellschaft bis in das Zeitalter fortschreitender Digitalisierung nachzuzeichnen. Diese Perspektive ermöglicht es, die Nachwirkungen sowohl der Forderung nach dem „langen Marsch durch die Institutionen“ als auch der Dynamiken von Straßenprotesten in den Strategien jüngerer sozio-politischer Bewegungen in verschiedenen Teilen der Welt zu erkennen. Auch wenn umstritten bleibt, inwieweit zeitgenössische soziale Bewegungen als Träger gesellschaftlichen Wandels und als Vorboten einer globalen demokratischen Öffentlichkeit verstanden werden können, bleibt ihr Potenzial zur Übernahme dieser Rollen hochaktuell und bedarf daher einer vertieften Auseinandersetzung.

Prof. Donatella della Porta (Florenz) ist Soziologin und Politikwissenschaftlerin sowie Leiterin des Center on Social Movement Studies (Cosmos) an der Scuola Normale Superiore in Florenz.

Der Vortrag ist Teil der Veranstaltungsreihe „’68 NOW. Europäische Verflechtungen“ – eine Kooperation zwischen der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder), in Zusammenarbeit mit dem Visual Culture Research Center (VCRC), Kyïv.

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Warum das stilistisch passt

Öffentliche Diskussion

Ästhetiken des Politischen. Die Kontingenzen der Gegenwart sichtbar machen

Ilya Budraitskis (Moskau), Politischer Theoretiker und Dozent an der Moscow School of Social and Economic Sciences

Dr. Ulrike Kremeier (Cottbus/Frankfurt (Oder)), Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst (BLMK)

Moderation: Kirill Repin (Frankfurt/Oder)

Ort: Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder), AM 03, Logenstraße 4
Zeit: 04. Dezember 2019, 18.15 Uhr

Wann begegnen sich Kunst und Politik? Vielleicht in dem Moment, in dem sie nicht mehr klar voneinander zu unterscheiden sind? Gerade durch die Destabilisierung der (imaginären) Grenze zwischen beiden entfaltet sich die Begegnung des Ästhetischen und des Politischen in besonderer Intensität. Diese wechselseitige Durchdringung kann jedoch unterschiedliche Formen annehmen – von der Malerei bis hin zu performativen Praktiken. Indem (politische) Kunst und künstlerische Praktiken die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten und Vorstellbaren fortwährend erproben, verschieben und verwischen, erweitern sie die Semantik politischer (Schönheits-)Sprache und eröffnen alternative Vorstellungen der Organisation unseres kollektiven Zusammenlebens, die ansonsten unter der Vielzahl von Bildern und routinisierten (Re-)Inszenierungen des Alltäglichen verborgen bleiben. In diesen Momenten ästhetischer Auseinandersetzung beginnt das Politische hinter jeder Vorstellung von Gegenwärtigkeit aufzuleuchten und erinnert an das, was (noch) nicht vollständig präsent ist.

Die Diskussion ist Teil der Veranstaltungsreihe „’68 NOW. Europäische Verflechtungen“ – eine Kooperation zwischen der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder), in Zusammenarbeit mit dem Visual Culture Research Center (VCRC), Kyïv.

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Dr. Karsten Krampitz (Klagenfurt/Berlin), Historiker und Autor
Luise Meier (Berlin), Autorin
Peggy Piesche (Berlin), Forscherin und Aktivistin

Moderation: Lars Dreiucker (Berlin), Philosoph

Die Feierlichkeiten zu 30 Jahren Mauerfall sind vorbei. Im Zentrum des offiziellen Gedenkens stand das Narrativ der friedlichen Revolution: Symbolische Mauern wurden eingerissen und der Schritte zur (nationalen) Einheit gedacht. Welche Aspekte der Erinnerung an die DDR werden durch wirkungsmächtige Schemata wie "Unrechtsstaat" oder "zweite Diktatur" verdeckt und auch in einem Prozess der Musealisierung von '89 marginalisiert? Inwiefern (re-)konstruieren dieser selektive Blick und die Imaginationen von '89 ein heteronormatives "Wir" als Selbstbestätigung einer unkritischen Mehrheitsgesellschaft?
Eine Dekonstruktion des '89-Textes würde Leerstellen im gängigen Erinnerungsdiskurs und damit Möglichkeiten aufzeigen, produktiv an die "Wende" anzuknüpfen - wenn "Demokratie als unvollendeter Prozess" (Okwui Enwezor) verstanden wird, der sich, wie '89 insgesamt als emanzipatorische Bewegung, einer vereinfachenden Musealisierung widersetzt. Wie könnten wir "Erinnerung intersektional denken" (Peggy Piesche) und was wäre aus den so entstandenen '89ern im Plural zu lernen?

Die Veranstaltung ist bei facebook hier zu finden.

Die Podiumsdiskussion ist Teil der Veranstaltungsreihe "'68 NOW. Europäische Verflechtungen" - eine Kooperation zwischen der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) mit der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder), und in Zusammenarbeit mit dem Visual Culture Research Center (VCRC), Kyïv.

Die Reihe knüpft an das Kiewer Projekt THE KYIV INTERNATIONAL - '68 NOW des VCRC an: http://vcrc.org.ua/en/68-now/

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Plakat__68NOW_Politics-of-Trans_re_lation_Theorizing-_Ways-out-of_-PostsocialismPodiumsdiskussion

Datum & Zeit: 18. Dezember 2019, 18.15 Uhr
Ort: Sprechsaal Galerie, Marienstraße 26, 10117 Berlin

Politics of Trans(re)lation. (Aus-)Wege aus dem Postsozialismus theoretisieren

Prof. Dr. Martin Müller (Lausanne), Wissenschaftler an der Universität Lausanne, Institut für Geographie und Nachhaltigkeit

Prof. Dr. Michał Buchowski (Poznań/Frankfurt (Oder)), Direktor des Instituts für Anthropologie und Ethnologie

Dr. Marina Simić (Belgrad), Wissenschaftlerin an der Universität Belgrad, Institut für Politikwissenschaft

Moderation: Dr. des. Clara Frysztacka (Frankfurt/Oder)

Das Leben (nach) der sozialistischen Vergangenheit(en) stellt einen hybriden Zustand dar, der sich in einer Grauzone zwischen bedrohlicher Unsichtbarkeit und lähmender Essentialisierung bewegt. Auf der Suche nach einem Orientierungspunkt in diesem scheinbar temporären Zustand bleibt stets ungewiss, ob die Stimme, die man sich anzueignen versucht, nicht die eines Bauchredners ist, der verspricht, uns aus einer liminalen Sprachlosigkeit zu befreien. Vielleicht lässt sich das „Post“ im Postsozialismus gerade durch eine skeptische Haltung gegenüber der Möglichkeit einer vollständigen Übersetzung in andernorts entwickelte Theorien (etwa den Postkolonialismus) entschlüsseln. Wenn dem so ist, was kann der Postsozialismus dann über unsere eigenen Zukunft(en) aussagen? Ist er Teil einer gegenwärtigen globalen Konstellation oder vielmehr ein Platzhalter für das Übergangsschicksal einer Region, die sich mit ihrer eigenen konflikthaften Vergangenheit auseinandersetzt? Oder handelt es sich lediglich um ein Gespenst aus dem Bereich der Hauntologie?

Die Podiumsdiskussion ist Teil der Veranstaltungsreihe „’68 NOW. Europäische Verflechtungen“ – eine Kooperation zwischen der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und der Europa-Universität Viadrina in Zusammenarbeit mit dem Visual Culture Research Center (VCRC), Kyïv.

Kirill Repin

Projektkoordinator

Stefan Henkel

Projektleiter