DDR-Aufarbeitung: Zwischen wachsendem Interesse und blinden Flecken

Frankfurt (Oder), 

Wie gut ist die Geschichte der DDR erforscht? Was fehlt bei ihrer Aufarbeitung? Darüber diskutierten am 5. November 2026 Fachleute und Publikum im vollbesetzten Senatssaal der Viadrina. Dabei wurden auch deutliche Differenzen sichtbar. Zu dem Podiumsgespräch im Rahmen des Europa-Forums hatte die Viadrina-Historikerin Prof. Dr. Claudia Weber in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung eingeladen.

Die provokante These, die DDR sei nur eine Fußnote der Geschichte, diente Claudia Weber als Einstieg in die Diskussion. Denn: „Die Beschäftigung mit der DDR-Geschichte ist gerade en vogue und offenbar ein gutes Verkaufsmodell, wenn man sich die Publikationen dazu in den Buchhandlungen und die Dokumentationen in den Mediatheken so anschaut“, sagte sie. Mehr noch, erklärte Dr. Kathrin Zehender, Leiterin des Politischen Bildungsforums Brandenburg bei der Konrad-Adenauer-Stiftung: „Die DDR dient immer mehr einer politischen Instrumentalisierung durch extremistische Kräfte.“ Sie spielte damit auf die Verklärung der DDR-Zeit durch die AfD im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt an. Dies dürfe in der Betrachtung der Geschichte genauso wenig geschehen wie eine pauschale Verurteilung derjenigen, die dort lebten.

Die DDR dient immer mehr einer politischen Instrumentalisierung durch extremistische Kräfte.

Dr. Kathrin Zehender, Politisches Bildungsforum Brandenburg

Bildergalerie vom Europa-Forum

Dass die Existenz der DDR, die nur gut 40 Jahre dauerte, eine Fußnote sei, wiesen alle drei Gäste auf dem Podium einhellig zurück, darunter Prof. Dr. Rita Aldenhoff-Hübinger (Viadrina), Dr. Maria Nooke, Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur und ihre Nachfolgerin im Amt ab Anfang 2027, Linda Teuteberg, stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP.

Dennoch, so stellte Maria Nooke fest, gebe es noch viele recht unerforschte Flecken in der Geschichte der DDR. Die Wissenschaft habe sich nach der Wende schnell auf die wirtschaftliche Transformation konzentriert. Politisches Unrecht und dessen Aufarbeitung seien dagegen eher vernachlässigt worden. Seit den frühen 2000er-Jahren werde in der Geschichtswissenschaft zudem immer wieder darüber diskutiert, ob die DDR bereits ‚ausgeforscht‘ sei. „Das verhindert auch einen inner-ostdeutschen Diskurs darüber“, erklärte sie. Auch Wortmeldungen aus dem Publikum betonten diese Schwachstellen in der Forschung zur DDR: etwa, die häufige Vernachlässigung der gewaltsamen Gründung des autoritären Systems der DDR in den 1950er-Jahren, Erschießungen politischer Gegner und der blutig niedergeschlagene Volksaufstand am 17. Juni 1953, dem schließlich umfangreiche verdeckte Überwachungs- und Repressionsmethoden folgten.

Den Umstand der blinden Flecken in der Forschung griff auch Dr. Karl-Konrad Tschäpe, Viadrina-Absolvent und Leiter der Gedenk- und Dokumentationsstätte „Opfer politischer Gewaltherrschaft“ in Frankfurt (Oder) im Publikum auf. „Ich wäre froh, wenn die Geschichte der DDR wenigstens eine Fußnote im Schulunterricht wäre“, berichtete er. Er könne sich nicht erklären, wie das Podium darauf komme, dass aus der DDR-Geschichte ein „Bestseller“ geworden sei, zugleich aber kaum ein junger Mensch den Namen Erich Honecker kenne oder etwas mit dem Begriff der Diktatur anfangen könne. „Wer ist denn da die Zielgruppe?“, so seine offen gebliebene Frage.

Man kann das politische System objektiv beschreiben und als Diktatur bewerten, ohne die Menschen, die dort gelebt haben, zu beurteilen.

Linda Teuteberg

Linda Teuteberg betonte, dass die Beschäftigung mit der DDR genau deshalb auch als Teil der gesamtdeutschen Geschichtsschreibung gesehen werden müsse, weil sie in die Gegenwart hineinwirke. Auch sprach sie sich dagegen aus, jungen Menschen die Kompetenz abzusprechen, sich über die DDR zu äußern, die sie nicht lange oder nie erlebt hätten. „Man kann das politische System objektiv beschreiben und als Diktatur bewerten, ohne die Menschen, die dort gelebt haben, zu beurteilen.“ Extremistische Kräfte von links und rechts versuchten nämlich derzeit, Unklarheiten über diese Tatsachen zu schaffen, weil sie insgeheim ein autoritäres System favorisieren, warnte Teuteberg. Eine Methode sei nun auch, über Social Media eine Art ostdeutsche Identität zu erschaffen, die jedoch allein der Instrumentalisierung junger Menschen diene.

Das Europa-Forum bewies: Das öffentliche Interesse an der DDR ist groß, zugleich bestehen erhebliche Wissenslücken. „Wir stellen fest: Es ist noch gar nichts ausgeforscht!“, erklärte Claudia Weber abschließend.

Heike Stralau

Beitrag teilen:


Zurück zum Newsportal

Abteilung für Hochschulkommunikation