Von „Welfare Queens“ bis Remigration – ERUA-Stipendiatin Laura Padrón Brito untersucht politisches Dogwhistling
Laura Padrón Brito von der Universität Las Palmas de Gran Canaria ist bis Ende Oktober 2026 als ERUA-Stipendiatin zu Gast an der Viadrina. Die Linguistin untersucht für ihre Doktorarbeit, wie deutsche, spanische und britische Politiker*innen in der politischen Kommunikation sogenannte Dogwhistles einsetzen, um versteckte Botschaften zu übermitteln. Die Doktorandin hat im Rahmen ihres einmonatigen Aufenthalts unter anderem an der ERUA-Forschungswoche teilgenommen. In diesem Interview spricht sie darüber, wie Dogwhistling funktioniert, warum es vor allem von rechten Parteien genutzt wird und ob es eine Gefahr für die Demokratie darstellt.
Frau Padrón, warum haben Sie sich für das Stipendium im Rahmen des ERUA-Gastforschungsprogramms für Nachwuchswissenschaftler*innen beworben?
Ich dachte, ein einmonatiger Forschungsaufenthalt wäre die perfekte Gelegenheit, eine der ERUA-Universitäten kennenzulernen und auch zu sehen, wie die ERUA hier funktioniert. Das Beste daran ist, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, die sich vielleicht für dieselben Themen interessieren wie ich, sodass sie mir Anregungen zu meiner Forschung geben können, an die ich vorher nicht gedacht habe. Normalerweise erhalte ich Feedback von meinem Betreuer und meinen eigenen Kolleg*innen, aber wenn jemand deine Arbeit aus einer Außenperspektive betrachtet, erhältst du ein breiteres Spektrum an Ideen, mit denen du arbeiten kannst.
Heide Fest
Worauf möchten Sie sich während Ihres Aufenthalts hier an der Viadrina konzentrieren?
Mein konkretes Ziel für diesen Monat ist es, den analytischen Teil meiner Abschlussarbeit wirklich voranzutreiben. Außerdem hatte ich die Gelegenheit, an der ERUA Research Week teilzunehmen und Kontakte zu Menschen von anderen Universitäten zu knüpfen. Zudem nehme ich an Seminaren meines Hosts Prof. Dr. Miglė Bareikytė und von Prof. Dr. Václav Štětka von der European New School of Digital Studies teil.
Können Sie mir mehr über Ihre Forschung über Dogwhistling erzählen? Was genau ist das, ein Dogwhistle?
Ein Dogwhistle ist ein spezifisches sprachliches Mittel, das vor allem von politischen Akteur*innen genutzt wird, um mit denselben Worten unterschiedliche Botschaften zu vermitteln. Das bedeutet, dass ich innerhalb derselben Äußerung unterschiedliche Bedeutungen vermitteln kann, je nachdem, wer diesen Satz hört. Das hängt mit der Gruppenkultur und dem gemeinsamen Wissen dieser Gruppen zusammen. Der Ursprung des Wortes sind echte Pfeifen, die einen sehr hochfrequenten Ton erzeugen, den nur bestimmte Tiere hören können. Diese Metapher wurde in die Sprachwissenschaft übernommen, um eine Botschaft zu beschreiben, die manche hören können und andere nicht.
Können Sie mir ein Beispiel für einen Dogwhistle nennen?
Es gibt einen sehr bekannten Ausdruck, der in den USA vor allem während Ronald Reagans Wahlkampf in den 1970er- und 1980er-Jahren verwendet wurde, nämlich „Welfare Queen“. Dieser Begriff wurde von Reagan verwendet, um über afroamerikanische Frauen zu sprechen, ohne tatsächlich „afroamerikanische Frauen“ zu sagen. Es herrschte die Vorstellung, dass afroamerikanische Menschen das Sozialhilfesystem nicht nur in Anspruch nahmen, sondern es auch missbrauchten – auf Kosten der „hart arbeitenden amerikanischen Bevölkerung“, die ihre Rechnungen und Steuern bezahlte. Er erwähnte also die ethnische Zugehörigkeit nicht ausdrücklich, aber da er wusste, dass die Menschen diese „Welfare Queens“ als afroamerikanische Frauen erkennen würden, verwendete er diesen Begriff, um widersprüchliche Botschaften oder Aussagen zu vermeiden, die zu jener Zeit als rassistisch interpretiert werden könnten.
Womit genau beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung?
Ich untersuche insbesondere, wie Politiker in verschiedenen europäischen Ländern Dogwhistles in ihrer Rhetorik einsetzen. Ich betrachte Spanien, das Vereinigte Königreich und Deutschland im Zeitraum von 2020 bis 2024. Die verfügbare Forschung zu Dogwhistles konzentriert sich hauptsächlich auf die Vereinigten Staaten; es gibt nicht viele Studien, die sich mit dieser Praxis in Europa befassen. Daher interessierte es mich, ob diese Praxis Auswirkungen auf die europäische Politik hat und ob Politiker sie aufgegriffen und begonnen haben, sie zu nutzen.
Es gibt einige Begriffe, die in der Fachliteratur bereits als Dogwhistles identifiziert wurden, und ich suche nach europäischen Beispielen dafür. Zudem versuche ich, neuere Dogwhistles auszumachen, was sich als der schwierigste Teil erwiesen hat, denn obwohl Dogwhistles bestimmten Kriterien folgen, ist es sehr schwer zu beurteilen, ob bestimmte Fälle absichtlich sind oder nicht, wenn man keinen vollständigen Zugang zum gemeinsamen Wissen der Gruppen hat, an die sie sich möglicherweise heimlich richten. Man kennt vielleicht ihre ideologische Positionierung, aber man kennt andere Variablen nicht, die möglicherweise eine Rolle spielen.
Zunächst dachte ich, ich würde konkrete Beispiele für Dogwhistles in bestimmten Kulturen finden, da ein Dogwhistle ein sehr kulturspezifisches Phänomen sein kann. Zu meiner Überraschung habe ich jedoch bisher festgestellt, dass einige davon tatsächlich in alle analysierten Länder vorgedrungen sind.
Gibt es ein konkretes Beispiel, das dies verdeutlicht?
Ja, da ist der Begriff „Remigration“, der hier in Deutschland sehr häufig verwendet wurde. Wir sehen nun erste Beispiele für diesen spezifischen Begriff beispielsweise in Spanien. Auch wenn diese Entwicklungen nicht zeitgleich stattfinden, lässt sich dennoch erkennen, dass eine bestimmte Partei diese Rhetorik von einer deutschen Partei übernommen hat, die ihr ideologisch sehr nahesteht.
„Remigration“ war ursprünglich ein Begriff aus der Soziologie, der sich auf Menschen bezog, die aus eigenem Antrieb in ihr Herkunftsland zurückkehren. Dieser Begriff hat sich zu einem impliziten Verweis auf die zwangsweise Abschiebung entwickelt. Anstatt also von „massiver Abschiebung“ zu sprechen, was undemokratisch ist, oder von „Rückführung“, was bereits auf die gewaltsame Ausweisung von Migranten anspielt, deren Frist zur freiwilligen Ausreise abgelaufen ist, verwendet man diesen neuen Begriff, um zu signalisieren, dass man Teil einer bestimmten Gruppe ist, die höchstwahrscheinlich Ansichten zur massiven Abschiebung teilt. Wenn man sieht, dass andere diesen Begriff verwenden, um über dasselbe zu sprechen, weiß man, dass diese Menschen ideologisch wahrscheinlich auf gleicher Linie liegen.
Wie entsteht ein solcher Dogwhistle und wie lange funktioniert er?
Es gibt eine ganz aktuelle Studie, die den prototypischen Lebenszyklus eines Dogwhistles nachzeichnet. Zunächst handelt es sich um einen Begriff, der nur von sehr wenigen Menschen verwendet wird, und Menschen außerhalb dieser Blase können ihn nicht erkennen. Doch wenn immer mehr Menschen diesen Begriff verwenden, wird er der breiteren Öffentlichkeit bekannt, und es kommt ein Punkt, an dem der Nutzen dieses Dogwhistles nachlässt. Man kann ihn zwar weiterhin verwenden, aber er ist nicht mehr so wirksam.
Dennoch hat die Verwendung dieses spezifischen Begriffs nach wie vor einen Vorteil, denn man kann sich stets auf die „plausible Abstreitbarkeit“ verlassen – also im Grunde die Möglichkeit, das Gesagte zurückzuweisen.
Was ist der Hauptzweck eines Dogwhistles?
Es gibt „identifying dogwhistles“ und „enriching dogwhistles“. Die erste Kategorie dient lediglich dem Zweck der Identifikation. Man verwendet einen speziellen Begriff, damit andere wissen, dass man auf ihrer Seite steht. Dieser Begriff muss nicht unbedingt eine versteckte Bedeutung haben. Die zweite Kategorie dient ebenfalls der Identifikation, hat jedoch die Fähigkeit, verschiedenen Zielgruppen unterschiedliche Botschaften zu vermitteln.
Dogwhistling mindert die Glaubwürdigkeit von Politiker*innen, da sie ihre Absichten nicht vollständig offenlegen und Sprache gezielt einsetzen, um einen Großteil der Bevölkerung zu täuschen und undemokratische Werte zu vermitteln, ohne dies ausdrücklich zu sagen. Ich denke, wir sollten nicht nur darauf achten, was wir hören, sondern auch darauf, was wir nicht hören.
Laura Padrón Brito
Sind Dogwhitles Teil der normalen Politik? Oder stellen sie Ihrer Ansicht nach auch eine Gefahr für die demokratische Kommunikation dar?
Es gibt aktuell eine wissenschaftliche Debatte darüber, ob Dogwhistles eine Bedrohung für die Demokratie darstellen oder vielmehr ein legitimes rhetorisches Mittel sind. Ich persönlich würde sagen, dass sie die Glaubwürdigkeit von Politiker*innen mindern, da diese ihre Absichten nicht vollständig offenlegen und Sprache gezielt einsetzen, um einen großen Teil der Bevölkerung zu täuschen und undemokratische Werte zu vermitteln, ohne dies ausdrücklich zu sagen. Ich denke, wir sollten nicht nur darauf achten, was wir hören, sondern auch darauf, was wir nicht hören.
Wer nutzt „Dog Whistles“ am häufigsten?
Es scheint eine Strategie zu sein, die vor allem von rechten und rechtsextremen Parteien genutzt wird, da diese am meisten daran interessiert sind, undemokratischen Werte zu vermitteln oder Werte, die unserer Vorstellung von sozialem Wohlergehen entgegenstehen. Es gibt jedoch auch Werbung, die Dogwhistles nutzen, um gesellschaftliche Botschaften zu vermitteln, ohne andere Gruppen zu verärgern, und diese müssen nicht unbedingt negative Konnotationen haben. So führte beispielsweise die Automarke Subaru eine Kampagne mit dem Slogan „Get Out and Stay Out“ durch, den viele Menschen als „Get Out of the Closet and Stay Out of the Closet“ interpretierten. Damit drückten sie implizit ihre Unterstützung für die LGBTQ+-Community aus, ohne andere konservative Käufer*innen ihrer Marke zu verärgern.
Wenn wir an die besprochenen Beispiele der „Welfare Queens“ unter Reagan und der heutigen Remigration denken – hat sich durch soziale Medien im Hinblick auf Dogwhistles viel verändert?
Ich würde sagen ja, denn wir haben sehr einfachen Zugang zu sozialen Medien und Beiträge lassen sich sehr leicht verbreiten. Wir alle können Opfer von Dogwhistles werden. Es gibt auch keine Vermittlung der politischen Botschaft über Journalist*innen in Social Media. Es ist eine bewusste Entscheidung der Politiker*innen, genau diese Worte zu verwenden – und niemand wird sie umformulieren. Sie haben die volle Kontrolle darüber, was sie sagen.
In Social Media funktioniert die Kommunikation ja mitunter ohne Worte über Symbole. Können diese ebenfalls als Dogwhistles eingesetzt werden?
Ja, ein Beispiel ist die Wassermelone als Symbol für Palästina. Es gab Social-Media-Plattformen, die Inhalte mit Bezug zu Palästina gelöscht haben. Wenn man sich in der Wortwahl sehr konkret ausdrückte, konnte der Beitrag potenziell von Instagram oder X (ehemals Twitter) markiert und gesperrt werden. Also begannen die Menschen, das Wassermelonen-Emoji zu verwenden, da es den Farben der palästinensischen Flagge ähnelte. Auf diese Weise konnten sie über das Thema sprechen, ohne offen und explizit zu werden. Wer jedoch den Kontext kannte, konnte diesen Zusammenhang herstellen. Dieses spezielle Dogwhistle enthielt keine undemokratische versteckte Botschaft. Es wurde jedoch als Mechanismus genutzt, um der algorithmischen Erkennung und der Zensur zu entgehen.
„Meet the Researchers“ bei der ERUA Research Week
Vom 5. bis 9. Oktober 2026 fand die ERUA Research Week an der Viadrina statt. 19 Forschende von sechs Universitäten aus dem ERUA-Verbund kamen zu zahlreichen Workshops zusammen. Auf dem Programm stand unter anderem das „Meet the Researchers“ mit den Viadrina-Wissenschaftler*innen Prof. Dr. Timm Beichelt, Prof. Dr. Daniel Illger, PD Dr. Andrea Gremels, Prof. Dr. Georg Stadtmann und Dr. Rita Valentin.
Frauke Adesiyan
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