„Ich gehe mit großer Dankbarkeit“ – Prof. Dr. Stephan Kudert im Interview über 32 Jahre an der Viadrina

Frankfurt (Oder), 

1994 kam Prof. Dr. Stephan Kudert an die frisch eröffnete Viadrina; ein Jahr später war er Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Steuerlehre und Wirtschaftsprüfung. Nach 32 Jahren hat er am 15. September 2026 nun seine Ruhestandsurkunde überreicht bekommen. Aus diesem Anlass spricht er hier über seine Begeisterung für Steuern und die Lehre, legendäre Ski-Exkursionen, schwierige Kämpfe in seiner kurzen Zeit als Präsident der Viadrina und Veränderungen an der Europa-Universität.

Herr Kudert, woher kommt Ihre Faszination für Steuern?

Meine Studierenden kennen den Satz: „Steuern sind eine modellhafte Abbildung der Realität!“. Ich wollte immer etwas Greifbares und zugleich Anspruchsvolles studieren. Dabei interessierte und interessiert mich das nationale Steuerrecht nur bedingt. Aber das Zusammenspiel von deutschem und ausländischem Recht, völkerrechtlichen Verträgen und Europarecht ist wahnsinnig komplex. Und wenn diese Bereiche noch mit konkreten wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Fragestellungen verknüpft werden, ergibt sich eine spannende Mischung.

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Was sind die größten Entwicklungen in Ihrem Fachgebiet? Und was raten Sie angesichts dieser Veränderungen Studierenden, die sich aktuell für das Berufsfeld interessieren?

Inhaltlich gibt es wenig disruptive Veränderungen. Aber wenn man allein die neuen steuerlichen Entwicklungen bei Remote Work, Wegzügen von Influencern oder Krypto-Mining ansieht, ergeben sich immer wieder sehr spannende und praxisnahe neue Betätigungsfelder. Das wird sich auch nicht ändern. Ich kann Studierenden nur raten, für Neues offen zu sein und ein Fach zu finden, das sie wirklich begeistert. Es muss nicht Steuern sein. Insofern kann ich Konfuzius nachdrücklich beipflichten, der gesagt hat: „Wähle einen Beruf, den Du liebst, und Du wirst keinen einzigen Tag in Deinem Leben arbeiten müssen.“

Methodisch wird sich natürlich aufgrund der KI-Entwicklung sehr viel ändern. Das sehe ich aber positiv. Viele – langweilige – Aufgaben sollte bald die KI erledigen, damit wir mehr Zeit für die Herausforderungen haben, deren Lösungen Kreativität und Methodenkenntnis voraussetzen.

 

Als Sie kurz nach der Gründung der Viadrina herkamen: Wie haben Sie die Universität, die Studierenden und die Region damals erlebt? Welche Veränderungen waren seitdem die einschneidendsten?

Die Anfangsjahre waren eine aufregende Zeit. Wir haben praktisch bei null angefangen, ohne Hörsäle, ohne Bibliothek, kaum Büros, aber mit unglaublich motivierten Studierenden. Auch Frankfurt sah damals noch deutlich anders aus als heute. Wir hatten dadurch auch die Chance, sehr viel selbst zu gestalten und zu entwickeln. Die Zusammenarbeit innerhalb der Universität, aber auch mit den städtischen Akteuren, war sehr intensiv. Dies hat sich im Laufe der Zeit geändert. Es war aber ein schleichender Prozess von einer neuen Reformuniversität zu einer „normalen“ Hochschule.

Besonders einschneidend war die Corona-Zeit. Wir haben es zwar geschafft, in unglaublich kurzer Zeit auf digitale Lehre umzuschalten; aus heutiger Perspektive war das eine bemerkenswerte Leistung. Der Charakter der Viadrina hat sich aber deutlich geändert, und dies wohl nachhaltig.

 

Worauf schauen Sie besonders zufrieden zurück in Ihren Berufsjahren?  

An zahlreiche Ereignisse erinnere ich mich mit Freude, an manche mit Stolz zurück. Ich war zum Beispiel Darsteller im Theaterstück „Der Steuervermeider“, das ich mit meinen Steuerstudis aufgeführt habe und das mehrmals vor ausverkauftem Haus im Theater des Lachens lief. Ich hatte eine Nebenrolle in unserem unglaublichen Uni-Musical „BRATS“ und durfte im „Polizeiruf 110“ mitspielen, der zum Teil an der Viadrina gedreht wurde. Und auf fünfzehn Ski-Exkursionen nach Polen und Tschechien konnte ich manche Studierende für das internationale Steuerrecht sowie für das „Schifoarn“ oder das Snowboarden begeistern.

Das waren tolle Erfahrungen, aber auch nur Beiwerk zu einem Berufsleben, in dem ich immer mit Begeisterung Lehrender war. Daher war ich auch stolz auf meine vielen Prof-Awards, die ich im Laufe der Jahre erhalten habe. Wissenschaftlich war die Zeit ebenfalls nicht ganz erfolglos. Im I CEE Tax haben 50 Doktorandinnen und Doktoranden mit meiner Unterstützung ihre Promotion geschafft. Ich habe mehr als 260 Aufsätze publiziert, davon 15 mit A* sowie 13 mit A gerankt. Und wenn man die Neuauflagen mitzählt, sind auch mehr als 50 Bücher entstanden. Ich habe die gemeinsamen Doktorandenseminare genossen, insbesondere wenn ich sehen konnte, wie sich die Doktorandinnen und Doktoranden fachlich und methodisch weiterentwickelt haben.

Und natürlich denke ich besonders gerne an unser so erfolgreiches Patenschaftsprogramm „FF – Fremde werden Freunde“. Das Programm habe ich in den Baseballschlägerjahren mit Simone Brandt entwickelt. Es wurde sogar von anderen Hochschulen, ebenfalls mit großem Erfolg, kopiert.

 

Sie waren Professor, Vorsitzender der Senatskommission für Planung und Finanzen, Prodekan und Dekan, Senatsvorsitzender, Vizepräsident und Präsident an der Viadrina, haben geforscht, gelehrt und waren Chef – was haben Sie besonders gern gemacht und was war die größte Herausforderung?

Am herausforderndsten war die Zeit als Präsident. Ich habe ja zeitgleich meinen Lehrstuhl am Laufen gehalten. Es war eine kurze und sehr intensive Zeit, die im Ergebnis auch erfolgreich war. Gemeinsam mit Janine Nuyken habe ich für den Coworking Space und die European New School of Digital Studies gekämpft und beide gegen erhebliche Widerstände, die in einem hier nicht benannten brandenburgischen Ministerium existierten, durchgesetzt.

Ich habe meinen Beruf geliebt und es als Ehre empfunden, Teil unserer Viadrina zu sein. Natürlich war nicht jeder Tag schön. Auf das Korrigieren von Klausuren und Lesen plagiierter Bachelorarbeiten hätte ich ebenso gut verzichten können wie auf manche Gremiensitzung. Insofern hat Konfuzius vielleicht doch ein klein wenig geirrt. Das waren aber Petitessen.

 

Was für ein Ruhestand-Typ sind Sie? Werden Sie einen klaren Schnitt machen oder auch noch ein bisschen weiterarbeiten? 

Natürlich werde ich weiterhin forschen und lehren. Aber deutlich weniger als bisher. Insgesamt waren es wunderbare und auch erfolgreiche zweiunddreißig Jahre. Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Ich werde mehr Zeit für meine Familie haben, und darauf freue ich mich sehr. Daher gehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Aber vor allem gehe ich mit großer Dankbarkeit für zweiunddreißig Jahre Viadrina. Mein besonderer Dank gilt dabei Simone Brandt, meiner guten Lehrstuhlseele, und meinen zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mich auf diesem Weg begleitet haben.

Frauke Adesiyan

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