Spagat zwischen schnellen Klicks und wissenschaftlicher Tiefe – Studierende erstellen Social Media Videos zum Umgang mit Rechtsextremismus
Was können Social-Media-Clips beim Umgang mit rechtsextremen Inhalten leisten? Um diese Frage drehte sich das Seminar „Wie umgehen mit dem Rechtsextremismus (2): Gegenstrategien in Theorie und Praxis“ von Prof. Dr. Timm Beichelt im Sommersemester 2026. Entstanden sind Videos, die wissenschaftliche Tiefe und Faktentreue mit der schnelllebigen und aufmerksamkeitsorientierten Social-Media-Logik verbinden.
Eine Bedrohung aufbauen, die persönliche Betroffenheit betonen, einfache Lösungen anbieten. So funktioniert die Kommunikation rechtsextremer Akteure – ob bei der Erzählung vom sogenannten Bevölkerungsaustausch oder der von der Einwanderung in die Sozialsysteme. Diesen vereinfachenden und Feindbilder erzeugenden Narrativen etwas entgegenzusetzen, ist das Anliegen von Skarla Diers, Elias Wolski und Maria Emilia Zehrer mit ihren im Seminar entstandenen Social-Media-Videos. „Wir wollen Erklärungen anbieten für populistische und rechte Aussagen, sie einordnen und eine Gegendarstellung zu rassistischen und sexistischen Inhalten liefern“, sagt Maria Emilia Zehrer. Was am Ende nicht fehlen darf ist ein Call to Action, also der Aufruf, etwas zu tun. Anders als bei üblichen Social-Media-Videos wird hier nicht um „Kommis“ oder Herzchen gebeten, sondern appelliert: „Schaut nicht weg, informiert euch, solidarisiert euch“.
Für Maria Emilia Zehrer sind politische Inhalte auf Social-Media-Kanälen Alltag. Neben ihrem Bachelorstudium Politik und Recht arbeitet sie in der Öffentlichkeitsarbeit für eine Politikerin im Berliner Abgeordnetenhaus. Was das Seminar ihr deutlich vor Augen geführt hat: „Es gibt keinen ultimativen Guide für den Umgang mit Rechtsextremismus auf Social Media.“ Die Art, wie man wissenschaftliche Inhalte zu politischen Themen gut und verständlich über Social Media vermitteln kann, sei für sie ein kontinuierlicher Lernprozess. „Wissenschaft ist einfach super elitär und für viele Menschen unverständlich. Bei Social Media geht es hingegen um Aufmerksamkeit; Inhalte und Aufmachung sind schnelllebig, leben von Trends, Schnitten und Musik“, beschreibt sie den Spagat von Content Ersteller*innen in der politischen Kommunikation. Doch mit viel Übung sei es möglich, Aufmerksamkeit und inhaltliche Tiefe zu vereinbaren, ist sie überzeugt. „Das ist ganz viel trial and error. Man muss seinen eigenen Weg finden“, sagt sie.
Schon im Wintersemester 2025/26 hatte Maria Emilia Zehrer die Ringvorlesung von Prof. Dr. Timm Beichelt und Prof. Dr. Matthias Schloßberger zum Thema „Wie umgehen mit dem Rechtsextremismus“ und das begleitende Seminar besucht. Dass nach diesem Auftakt noch lange nicht alles besprochen ist, war ihr genauso wie den Seminarleitern klar. „Es zeigte sich gegen Ende des Semesters, dass es einerseits einen großen Diskussionsbedarf gibt und andererseits im ersten Semester viele wichtige Themenbereiche gar nicht berührt worden waren“, beschreibt Timm Beichelt, warum es die Fortsetzung gab. Timm Beichelts Überlegung bei der Seminarkonzeption war, „das Potenzial der Universität als Wissens- und Diskursraum zu nutzen, um Narrative rund um den Rechtsextremismus zur Diskussion zu stellen“. Zudem sollte signalisiert werden, dass Angehörige der Universität ihr Wissen dazu verwenden, offene und umstrittene Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu stellen. Mit Hilfe der Social Media Videos wollen Timm Beichelt und die Studierenden verunsicherte (junge) Menschen ermuntern, eigene politische Haltungen zu entwickeln. Die Verknüpfung von Wissenschaft und praktischer Anwendung ist für Beichelt dabei „normales Handwerk an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät“. Ihm ging es explizit nicht darum, „politische Positionen zu formulieren, sondern theoretisches Wissen und gesellschaftliche Relevanz zusammenzuführen“.
Aktuelle Herausforderungen für die freiheitliche Demokratie auch praktisch anzugehen – für Maria Emilia Zehrer ist das eine Pflichtaufgabe von Universitäten. Sie ist überzeugt: „Unis wie die Viadrina haben eine große Verantwortung in diesem Bereich. Angesichts einer zunehmenden Wissenschaftsfeindlichkeit und politische Kommunikation, die Forschungsergebnisse oft populistisch und falsch darstellt, ist es Aufgabe der Wissenschaft, immer darauf zu pochen, zu korrigieren und den Kontext zu geben.“
Text: Frauke Adesiyan; Videos: Skarla Diers, Elias Wolski, Maria Emilia Zehrer
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