„Was wir hier geschafft haben, ist ein Wunder“ – ein Lese- und Gesprächsabend mit Krzysztof Wojciechowski zum „Traum Grenzuniversität“
Anlässlich des 35. Gründungsjahres der Europa-Universität Viadrina las Dr. Krzysztof Wojciechowski, langjähriger Direktor des Collegium Polonicum, am 15. Juli aus seinem soeben erschienenen Buch „Traum Grenzuniversität“. Im voll besetzten Senatssaal nahm er im Gespräch mit Moderatorin Dr. Anja Hennig die rund 100 Gäste, darunter viele Zeitzeug*innen und Weggefährt*innen, mit auf eine Reise in die Anfangs- und Aufbaujahre der Viadrina und des Collegium Polonicum.
Es war großer Enthusiasmus, der den Lese- und Gesprächsabend durchzog. Ein Enthusiasmus, der laut Moderatorin Dr. Anja Hennig auch den Band „Traum Grenzuniversität“ durchzieht und den sie als Einstieg wählte: „Und dann ist da diese Ehe zwischen der Viadrina und der Adam-Mickiewicz-Universität – und ihrem gemeinsamen Kind, dem Collegium Polonicum. Ich frage mich selbst, wie eine solche Zusammenarbeit überhaupt möglich ist – und warum sie bisher nicht gescheitert ist. (…) Die Viadrina- und die AMU-Leute haben trotz vieler Zweifel, Nervosität und Kleinkriege immer abgewunken und gesagt: ‚Lasst uns weitermachen!‘“
Dass dieses Weitermachen nicht immer einfach war, schilderte Wojciechowski eindrücklich: „Grenznahe Kooperation ist schwieriger als traditioneller Austausch.“ Wenn man zu Gast sei, sei klar, dass man sich an die Gepflogenheiten des Gastlandes anpasse. „Geht es aber darum, eine gemeinsame Einrichtung aufzubauen, dürfen alle mitreden. Diese Überlagerung der Universitätskulturen ist schwer zu managen“, so Wojciechowski. 80 bis 90 Prozent seiner Arbeit habe er in seiner Zeit als Verwaltungsdirektor des Collegium Polonicum in die Koordination und die Homogenisierung unterschiedlicher Interessen, Bedürfnisse und Ansichten investiert.
Lesung mit Dr. Krzysztof Wojciechowski zum „Traum Grenzuniversität“
Dabei sei schon die Geburt des Collegium Polonicum eine erhebliche Herausforderung gewesen: Geschätzte 40.000 Zigarettenschmuggler operierten Anfang der 1990er Jahre entlang der Grenze, lange Schlangen und Grenzkontrollen prägten das Alltagsbild. „Überall, nur nicht dort, gründet eine Universität! Diese Stadt ist düster und abends sind die Bürgersteige hochgeklappt“, habe damals dem Vernehmen nach die Einschätzung eines Staatssekretärs im Brandenburgischen Wissenschaftsministerium gelautet. Er selbst sei, als er sich 1991 bei Dr. Jürgen Grünberg, damals Beauftragter der Stadt Frankfurt (Oder) für die Gründung der Universität, vorstellte, erschüttert gewesen über den Zustand von Słubice: „Als Warschauer hatte ich nicht erwartet, dass es in Polen Orte mit so zwielichtigen Gestalten und in so schlechtem Zustand gibt.“
Dass es dann doch klappte mit der Gründung der Viadrina und des Collegium Polonicum war dem historischen Moment und dem beherzten Handeln überzeugter Enthusiasten für die deutsch-polnische Zusammenarbeit zu verdanken. – Enthusiasten wie Waldemar Pfeiffer, der als Mitglied im Gründungssenat ein Haus für deutsch-polnische Begegnung in Słubice errichten wollte. „Eigentlich schwebte ihm eine kleine Villa vor, mit einem Vorlesungsraum und einer Wohnung für Gastwissenschaftler“, so Wojciechowski. „Für dessen Finanzierung wurde ein Verein gegründet, der innerhalb der ersten beiden Jahre genau null Zloty akquirierte.“ Den Durchbruch brachten Anträge bei der EU und ein sportlicher Einsatz von Wojciechowski selbst. Bei einem Treffen mit der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit im Frankfurter Ratskeller sei die Stiftung zunächst abgeneigt gewesen, in die Idee Collegium Polonicum zu investieren. Wojciechowski war sich sicher, dass er überzeugen könne, wenn er das Modell des Collegium Polonicum zeigen könne; das aber befand sich in Słubice, lange Warteschlangen und zeitraubende Grenzkontrollen entfernt. „Ich joggte über die Grenze und brachte das Modell in den Ratskeller, vorbei an verdutzten Grenzern, denen ich zurief, sie müssten mich durchlassen, es gehe um Leben und Tod.“ Die Stiftung konnte als Unterstützerin gewonnen werden, das Collegium Polonicum wurde zusätzlich in die Liste der prioritär zu finanzierenden Projekte des polnischen Sejm aufgenommen. „Das CP war damit in den 1990er Jahren die größte finanzielle Investition Polens im Bildungssektor“, so Wojciechowski.
Bis heute ist das Collegium Polonicum nicht nur Ort von Forschung und Lehre, sondern auch – als Sitz mehrerer Stiftungen, eines Lyceums sowie Ort zahlreicher Kultur- und Bildungsveranstaltungen – lebendiger kultureller Treffpunkt für die grenzüberschreitende Region. „Was wir hier geschafft haben, ist ein Wunder, aber wir sind uns dessen zu wenig bewusst“, wirbt Wojciechowski für mehr Selbstbewusstsein. In der alltäglichen gemeinsamen Kleinarbeit liege die Stärke, im konkreten Umsetzen, im Weitermachen, nicht im Planen gigantischer Vorhaben.
Daran müsse man in den heutigen Zeiten bedrohlicher Umbrüche anknüpfen: „Sich passiv zu verhalten, ist keine Option“, ist Wojciechowski überzeugt. „Wir müssen Cluster bilden. Wenn wir die Achse Berlin-Brandenburg-Frankfurt-Poznań-Breslau stärken, werden wir zum Dreh- und Angelpunkt der geistigen und kulturellen Entwicklung.“
Michaela Grün
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