„Unschlagbares Kapital für Frankfurt und die Viadrina“ – Prof. Dr. Andrea Allerkamp verabschiedet sich mit einem Plädoyer für ihr Fach
In ihrer Abschiedsvorlesung am 14. Juli 2026 hielt Prof. Dr. Andrea Allerkamp ein Plädoyer für eine wissenschaftliche Disziplin, der sie sich 15 Jahre lang an der Viadrina verschrieben hatte: die Verbindung von Literatur und Ästhetik. Es war eine Fürsprache für eine Zukunft ihrer Professur für Westeuropäische Literaturen – die aber nicht sicher sei. Dabei, so machten sie und ihr Laudator Prof. Dr. Timm Beichelt deutlich, sei die Professur ein starkes Pfund für die Viadrina und Frankfurt (Oder).
War es das nun? Ein Abschied für immer? Die letzte Vorlesung nicht allein für Prof. Dr. Andrea Allerkamp, sondern die letzte Vorlesung aus der „Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis“? Genauso wie das Wirken und das Werk von Heinrich von Kleist mit Frankfurt an der Oder verbunden sind, so sei es die Wissenschaft der Ästhetik mit ihrem Begründer Alexander Gottlieb Baumgarten (1714–1762), der sein Hauptwerk Aesthetica (1750–1758) an der Alten Viadrina verfasst hatte. Denn: „ … die Ästhetik untersucht ihren wissenschaftlichen Gegenstand nicht passiv, sie wendet sich aktiv an ihr Publikum. Es ist ein komplexes Geflecht aus Beziehungen und Bedeutungen: Kunst, Design, Mode, Architektur, Sprache, Werbung, Politik – was zählt nicht zum Gegenstand der Ästhetik?“, fragte Andrea Allerkamp.
Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Andrea Allerkamp
Zuvor erklärte der Dekan der Kulturwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Timm Beichelt, dem vollbesetzten Logensaal, dass die Professur nicht mehr nachbesetzt wird. „Im Namen des künftigen Dekanats möchte ich Folgendes sagen: Einerseits begehen wir heute den Abschied, aber ab morgen werden wir weiter daran arbeiten, dass Literatur und Ästhetik in Frankfurt (Oder) auch zukünftig wertgeschätzt werden.“
Andrea Allerkamp blickt auf die vielen Jahre der Lehre und Forschung zurück, auf ihre zahlreichen Reisen und Tätigkeiten im Ausland, auf ihre Weggefährt*innen und Co-Dozent*innen, also auf ihr gesamtes reichhaltiges und grenzüberschreitendes Lebenswerk. In Zahlen ließe sich ihre Arbeit so zusammenfassen: mehr als zehn Monographien und Sammelbände, 80 Aufsätze auf Deutsch, Englisch und Französisch sowie Gastprofessuren in Paris, New York und Lyon und an anderen Orten. Andrea Allerkamp ist Mitherausgeberin des Internationalen Jahrbuchs „Rhetorik“, war bis 2022 eine der Hauptherausgeberinnen des renommierten Kleist-Jahrbuchs sowie des Handbuchs „Literatur und Philosophie“, ein weiteres grundlegendes Standardwerk, das sie gemeinsam mit Sarah Schmidt herausgegeben hat.
Sichtlich gerührt nimmt die Wissenschaftlerin wahr, wie viele, darunter auch internationale Lebensbegleiter*innen, zu ihrer Abschiedsvorlesung „Wozu Ästhetik? Ein Plädoyer“ nach Frankfurt gekommen sind. Die Frage im Titel der Veranstaltung passt zu den angedeuteten Zukunftsaussichten und ist zugleich auch der Rückblick auf das umfassende Werk Allerkamps. Die wissenschaftliche Annäherung an die Ästhetik in der Literatur und Kunst geschah, so Beichelt, als eine Art „genüsslicher Seufzer“, nie bis zum Ende ausbuchstabiert, Widersprüche und ungeklärte Fragen aushaltend.
„Die Geburt der Ästhetik als eine wissenschaftliche Disziplin steht bis heute unter hohem politischem Druck“, führt Allerkamp aus. „Ist vielleicht von Ästhetik nicht mehr übrig als ein ideologisches Schlachtfeld? Sollten wir auf der Stelle Abschied nehmen von einem solchen Projekt?“ Vor dem Hintergrund der Diskussion um das spannende Forschungsfeld bleibe sie beharrlich. Immerhin, so berichtet sie amüsiert, habe ihr die KI ein nicht zu verachtendes Argument geliefert, als sie „Abschiedsvorlesung“ googelte: Neben einer Bilanz der akademischen Lebensleistung sei dieser Abschied die Chance, vom Lehrplan abzuweichen und eine persönliche Note zu hinterlassen. Das ist doch „ein Grund zur Freude“. Um den Bogen zum Anfang ihres Abschieds zu schließen, mahnte die Professorin, das Vermächtnis von Baumgarten mit seiner Begründung der Ästhetik als Forschungsdisziplin nicht zu unterschätzen. Sie zeigte sich hoffnungsfroh: das ist ein „unschlagbares Kapital für Frankfurt (Oder) und die Viadrina“, welches sie in ihrem wissenschaftlichen Wirken für die Disziplin bedeutend vertiefen und weiterentwickeln durfte.
„Ich werde weiter zur Geschichte und Kritik der Ästhetik forschen und werde das mit den politischen und rechtsästhetischen Fragen verbinden. Stichworte sind außerdem Rechtsgefühl und Kleists Nachkommen. Im Kleist-Jahr werde ich zu Letzteren an der Viadrina auch eine Sitzung zum Kleist-Kolloquium beisteuern“, blickt Andrea Allerkamp voraus.
Heike Stralau
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