Ein Historiker, der Globalgeschichte im Kleinen sichtbar macht – Prof. Dr. Klaus Weber in den Ruhestand verabschiedet
Mit der Vorlesung „Über Reichtum und Überreichtum“ hat sich Prof. Dr. Klaus Weber am Dienstag, dem 7. Juli 2026, in den Ruhestand verabschiedet. Der Inhaber der Professur für Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät blickte im prall gefüllten Senatssaal auf historische Vermögenskonzentrationen, soziale Ungleichheit und aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen. Zahlreiche Wegbegleiter*innen sprachen mit großer Wertschätzung über den Wissenschaftler und dankten ihm für seine akademischen Impulse, seinen Einsatz für Studierende und sein prägendes Engagement für die Viadrina.
Der Senatssaal der Viadrina war bis zum letzten Platz gefüllt, als Prof. Dr. Klaus Weber am Dienstagabend für seine Abschiedsvorlesung, die er im Forschungskolloquium „Geschichte transkulturell“ hielt, ans Rednerpult trat. In seinem Vortrag „Über Reichtum und Überreichtum" sprach der Historiker nicht über moralische Urteile oder ethische Einstufungen, sondern über ökonomische und wirtschaftsrelevante Fragen: Welche Folgen hat es, wenn sich Reichtum ungebremst in wenigen Händen konzentriert?
Ein Abend für Klaus Weber
Von den Rothschilds bis zur Gegenwart: Über Reichtum, Verantwortung und Ungleichheit
Klaus Weber spannte einen Bogen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Ausgangspunkt war unter anderem die Familie Rothschild, deren Mitglieder zu den einflussreichsten Bankiers Europas gehörten, mit Standorten in Frankfurt am Main, London, Paris, Wien und Neapel. Der Kulturwissenschaftler erinnerte daran, dass große Vermögen im 19. Jahrhundert vielfach mit gemeinnützigem Engagement verbunden waren. Nathan Rothschild etwa habe einen erheblichen Teil seines Vermögens in gemeinnützige Einrichtungen gespendet.
Schließlich führte Klaus Weber in die Gegenwart: „Auch heute engagieren sich sehr wohlhabende Menschen gemeinnützig“, erklärte er, doch müssten die Beträge heute in Milliardenhöhe liegen, wollte man sie historisch vergleichen. Zugleich zeigte Klaus Weber auf, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland wieder deutlich auseinandergeht. „Wir befinden uns wieder auf dem Niveau der Ungleichheit wie vor 125 Jahren“, sagte er.
Der Historiker erinnerte daran, dass im Kaiserreich das reichste Prozent der Bevölkerung etwa die Hälfte des Vermögens besaß. Nach 1914 – durch Steuerreformen, soziale Wohnungspolitik, Kriege und Umverteilungen – sank der Anteil der Reichsten wieder. Seit den 1990er-Jahren kehre sich diese Entwicklung um. Eine zentrale Rolle spielten dabei Erbschaften, Vermögensaufbau durch Immobilien, die sinkende Zahl an Sozialwohnungen und steigende Mietbelastungen vieler Haushalte. Auch die anhaltende Vermögensdiskrepanz zwischen Ost- und Westdeutschland thematisierte er.
Dass Reichtum und „Überreichtum“ schwer voneinander abzugrenzen seien, verdeutlichte Klaus Weber mit einer grafischen Analyse, die von der Politikwissenschaftlerin und Publizistin Martyna Linartas entwickelt wurde. Während Armut statistisch definiert werde, bleibe Überreichtum eine umstrittene Kategorie. Als Beispiel nannte er den Unternehmer Dieter Schwarz, dessen Vermögen auf einem karierten DIN-A4-Blatt, auf dem ausgefüllte Kästchen das Vermögen darstellen, acht Kilometer über den Blattrand hinausrage. Problematisch seien nicht nur die ökonomische Ungleichheit selbst, sondern auch der politische Einfluss durch Lobbyarbeit und ein überproportionaler Ressourcenverbrauch sehr reicher Menschen.
Ein Forscher, der die Viadrina geprägt hat
Klaus Webers Forschung zu globalen Warenströmen, den Beziehungen zwischen Europa und der Welt sowie transnationalen Verflechtungen passe in besonderer Weise zum Selbstverständnis der Viadrina, betonte Viadrina-Präsident Prof. Dr. Eduard Mühle. Auch sein Engagement für die Geschichte der alten und der neuen Viadrina hob der Präsident hervor.
Lassen Sie uns einen Wissenschaftler würdigen, der die Viadrina über viele Jahre geprägt hat. Klaus Weber hinterlässt Spuren, die weit über seine Lehrveranstaltungen hinaus reichen.
Viadrina-Präsident Prof. Dr. Eduard Mühle fand anerkennende Worte für Klaus Weber
Prof. Dr. Timm Beichelt, Dekan der Kulturwissenschaftlichen Fakultät, erinnerte an seinen unermüdlichen Einsatz für Studierende, seine kollaborative Arbeitsweise und sein öffentliches Engagement – insbesondere für die Erinnerung an die Alte Viadrina. Seine Forschung bewege sich zwischen Städten und Regionen, Personen und Handel sowie globalen wirtschaftlichen Verflechtungen und Ungerechtigkeiten.
Klaus, deine Arbeit macht den Kern zeitgenössischer kulturwissenschaftlicher Arbeit aus. Dein Arbeitsstil ist kollaborativ, dein öffentliches Engagement groß.
Prof. Dr. Timm Beichelt, Dekan der kulturwissenschaftlichen Fakultät
Dank, Wertschätzung und eine besondere Überraschung
Persönlich wurde es zum Abschluss der Veranstaltung. Weggefährt*innen, ehemalige Mitarbeitende und Kolleg*innen würdigten Klaus Weber mit Dankesworten, die im Saal für bewegende Momente sorgten. Felix Töppel, wissenschaftlicher Mitarbeiter an seinem Lehrstuhl, sagte:
Ich erinnere mich noch gerne und bildhaft an mein erstes Semester als Student an der Viadrina zurück: Einführung in die Kulturwissenschaften im Sommersemester 2013. Du hast es wunderbar verstanden, das weite Feld der Kulturwissenschaften anschaulich und neugierweckend zu vermitteln. Seitdem hast Du das akademische Leben einer Vielzahl von Studierenden mitgeprägt.
Felix Töppel
Dr. Jutta Wimmler, langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Klaus Webers und heute Historikerin und Religionswissenschaftlerin an der Universität Bonn, erinnerte an seinen globalhistorischen Blick:
Es ging dir immer um die Menschen. Genau dieser Blick: global und lokal war dein Leitmotiv in der Forschung.
Dr. Jutta Wimmler
Gemeinsam mit Dr. Anka Steffen überreichten sie Klaus Weber zum Abschluss eine besondere Überraschung: den ihm gewidmeten Sammelband „Re-thinking German Colonialism“, der ab dem 20. Juli im Handel erhältlich ist. Die Arbeit daran hatte vor drei Jahren begonnen. Klaus Weber zeigte sich sichtlich bewegt:
Ich bin gerührt bis fast zur Sprachlosigkeit. Ich bin sehr zufrieden mit der Titelwahl des Sammelbandes, denn wir müssen weiterhin alles auf den Prüfstand stellen und das drückt der Titel sehr gut aus.
Prof. Dr. Klaus Weber, Professurinhaber Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Überraschungssammelband für Klaus Weber
Katrin Hartmann
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