„Im Osten wird die Demokratie gerettet“ – Anne Rabe über Erinnern, Verschweigen und gefährlichen Opportunismus

Frankfurt (Oder), 

Was hat die unter Druck stehende Demokratie mit dem Schweigen über Gewalterfahrungen im Osten zu tun? Und was kann jede*r Einzelne tun, um autoritären Angriffen auf die freiheitliche Gesellschaft entgegenzuwirken? Darüber sprach die Schriftstellerin Anne Rabe am 7. Juli 2026 im Logensaal der Viadrina. Eingeladen hatte sie der Viadrina-Rechtshistoriker Prof. Dr. Benjamin Lahusen zu der Veranstaltung mit dem Titel „Im Osten wird die Demokratie gerettet“.

Einmal mehr hat Prof. Dr. Benjamin Lahusen ein Publikum an der Viadrina versammelt, das so nicht oft zusammenkommt. Studierende, Interessierte aus der Stadt und Beschäftigte der Viadrina waren in den Logensaal gekommen, um sein Gespräch mit der Schriftstellerin Anne Rabe zu verfolgen. Nach Unterhaltungen mit dem Soziologen Steffen Mau und dem Politiker Gregor Gysi wollte Lahusen diesmal mit der Autorin des vieldiskutierten Romans „Die Möglichkeit von Glück“ über die Transformation des deutschen Ostens sprechen.

Der AfD-Politiker Björn Höcke spricht von den Ostdeutschen als den eigentlich wahren Deutschen. Ein millionenschwerer Verleger behauptet mit seiner „Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung“, alle – auch Wessis – könnten Ossis werden. Unter dem Hashtag #ossitok vergewissern sich Jugendliche auf Social-Media-Kanälen ihrer Ost-Mentalität. „Ich bin schon überrascht davon, dass diese Debatte noch einmal so an Fahrt aufgenommen hat“, sagt Anne Rabe, die 1986 in Wismar geboren wurde und sich selbst immer als Ossi wahrgenommen hat. Mit ihrem Roman „Die Möglichkeit von Glück“ wurde Anne Rabe 2023 selbst zum Teil einer neuen Ost-Debatte. Sie beschreibt in diesem Buch auf einer sehr persönlichen Ebene die Auswirkungen von Gewalterfahrungen in der DDR und der Nachwendezeit. Welche Deutungen der Geschichte werden gehört, was wird verschwiegen, woran erinnert man sich individuell und kollektiv? Diesen Fragen ging die Autorin auch im Gespräch mit Benjamin Lahusen nach.

Anne Rabe an der Viadrina

Langes Schweigen über Gewalterfahrungen

„Der Vorgang des Erinnerns ist höchst seltsam; wir wissen nicht, warum wir uns an was erinnern, so richtig zu greifen kriegen wir das nicht“, beobachtet sie. Weil dieser äußerst individuelle Prozess zugleich gesellschaftliche Auswirkungen hat, prägt er bis heute das Zusammenleben. „In der DDR-Betrachtung gibt es zwei Fraktionen: Die einen sagen, die Diktatur habe an der Wohnungstür aufgehört und habe sich vom Privaten trennen lassen. Ich bin da skeptisch“, stellt Anne Rabe klar. Sie sieht in der erlebten Gewalt – auch im familiären Kontext – sowie in dem langen Schweigen darüber einen wichtigen Erklärungsansatz für spätere Gewaltphänomene im Osten – von den Baseballschlägerjahren über die NSU-Morde bis zur Pegida-Bewegung und zu den heutigen Wahlerfolgen der AfD.

Über gewaltvolle Erfahrungen in der DDR – etwa in Jugendwerkhöfen – wisse man bis heute viel zu wenig. „Wir haben ganz viel, worüber wir noch nicht gesprochen haben. Bis heute ist es schwierig, DDR-Geschichte in die Gesellschaft zu transportieren und Opfer anzuerkennen“, betont die Autorin.  Rechtshistoriker Benjamin Lahusen ergänzt aus westdeutscher Sicht, dass es bei der Erinnerungskultur in Deutschland oft ausschließlich um den Nationalsozialismus gehe. Er attestiert für Teile der ostdeutschen Gesellschaft ein „erinnerungspolitisches Ausgrenzen, das das systemische Urvertrauen in Frage stellt“.

Solidarische Zivilgesellschaft macht Mut

Trotz allem beobachtet Anne Rabe aktuell im Osten auch Mut machende Entwicklungen. Unter anderem bei den großen CSD- und Pride-Veranstaltungen erlebe sie eine selbstbewusste und solidarische Zivilgesellschaft, die sich gegenseitig Halt und Schutz gebe. „Einen so engagierten Einsatz für unsere Demokratie, auch unter großen Gefahren, kenne ich aus Westdeutschland so nicht“, sagt sie. Was man derzeit in ostdeutschen Kommunen erlebe, beispielsweise die Kürzung von Geldern für Jugendzentren oder kulturelle Einrichtungen aus ideologischen Gründen, gebe dem Osten zudem einen Erfahrungsvorsprung – auch in Bezug auf Gegenmaßnahmen. Von der einfachen Formel, man müsse nur funktionierende Politik machen, dann komme das Urvertrauen der Bevölkerung schon zurück, hält Anne Rabe nicht viel. „Die Demokratie hängt nicht so sehr von der Frage ab, wie oft der Bus fährt. Vielmehr müssen wir uns verständigen: Wie wollen wir leben?“, ist sie überzeugt. Sie sieht hier vor allem die Bürgergesellschaft als entscheidenden Akteur, um sich den Angriffen auf die Demokratie entgegenzustellen.

Opportunismus austricksen

Der Jura-Professor ermuntert die Autorin angesichts der „Horde von Jura-Studierenden“ im Logensaal, ein paar Ratschläge zu geben, wie diese Generation die Demokratie verteidigen könne. Anne Rabe wählt aufrüttelnde Worte: „Wir erleben einen massiven Angriff auf die demokratische Gesellschaft; für den müssen wir uns rüsten.“ Jede und jeder solle sich überlegen, an welchen Orten er oder sie etwas tun kann, um Teil einer solidarischen Bewegung der Vielen zu sein. Das könnten mitunter kleinteilige und durchaus überschaubare Schritte sein. „Das Füreinander-Dasein kann ermächtigen, tut euch mit Menschen zusammen, mit denen ihr offen sprechen könnt, sucht euch eine Sache, die euch am Herzen liegt – im Sportverein, im Umweltschutz, in der Politik – und haltet in dieser Gruppe Unterschiede aus“, gibt sie einen pragmatischen Rat. Man könne in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern „Wahlkampf-Urlaub“ für demokratische Parteien machen oder soziokulturelle Zentren, denen das Geld gekürzt wurde, finanziell unterstützen.

Die Vergangenheit, so Anne Rabe, habe gezeigt, dass Menschen aus oft nachvollziehbaren Gründen zur Angepasstheit neigen. „Man muss seinen eigenen Opportunismus austricksen, sich rüsten und es ernst nehmen, wenn es Ankündigungen gibt, 20 bis 30 Millionen Menschen aus Deutschland auszuweisen“, forderte sie. In Anspielung auf Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ rät sie zu der scheinbar schlichten Selbstbefragung: „Wie können wir freundlich zueinander sein?“

Frauke Adesiyan

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