„Eine Bereicherung der Preußenforschung“ – Felix Töppel erhält Nachwuchspreis der Historischen Kommission
Felix Töppel wurde am 19. Juni 2026 mit dem „HiKo_21 – Nachwuchspreis 2026“ der Historischen Kommission zu Berlin ausgezeichnet. Er überzeugte die Jury mit seiner Doktorarbeit über die Preußische Seehandlung und deren weltwirtschaftliche Verflechtung. Neben dem mit 2.000 Euro dotierten Preis freute sich Töppel vor allem über die Laudatio von Viadrina-Absolventin PD Dr. Agnieszka Pufelska.
Langweilig, starr und verwaltungsfixiert – so wirkt die Geschichtsschreibung über Preußen auf manche; das kennt Felix Töppel. Doch er weiß auch: Wer genauer hinschaut, sieht unvermutete Verflechtungen und entdeckt Preußen neu als zentraleuropäischen Akteur in der Geschichte der Globalisierung des 18. und 19. Jahrhunderts. Genau dieser neue Blick war eines der Ziele von Felix Töppel bei der Recherche für sein Promotionsprojekt „Die ,Preußische Seehandlung‘ und die Konsulate (1772–1848). Bausteine zu einer Globalgeschichte Preußens“, für das er nun mit dem Nachwuchspreis der Historischen Kommission ausgezeichnet wurde. Er steht kurz vor der Abgabe seiner Arbeit, die von Prof. Dr. Klaus Weber, Professor für Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte, betreut wird.
Preußen als Akteur der globalen Geschichte des Atlantiks
„Ich nutze die Seehandlung als ein Prisma, um zu schauen, was ist in der Zeit global gesehen passiert, inwieweit hat das Rückwirkungen auf Preußen gehabt und wie stark ist Preußen in diesen Wirtschaftsraum des Atlantiks eingebunden?“, beschreibt Töppel seinen Ansatz. Kurz vor Fertigstellung seiner Arbeit ist er überzeugt: „Wenn man heute über die Wirtschaftsgeschichte des Atlantiks spricht, muss man die Preußen immer mitdenken.“
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Was genau die 1772 von Friedrich II. gegründete Seehandlung war, ist dabei mitunter sogar Historiker*innen nicht immer geläufig. Felix Töppel bringt es auf die Formel: „Sie wurde als Handelsgesellschaft gegründet, entwickelte sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer Staatsbank und unterhielt zwischen 1820 und 1848 einen Industriekomplex sowie eine Reederei mit angeschlossenem Warengeschäft.“ In jedem Fall ist sie nach der Teilung Polen-Litauens ein Werkzeug, um die Ressourcen der neuen preußischen Gebiete auszubeuten und den Handel beispielsweise mit schlesischem Leinen über die Kontinente hinweg zu organisieren. In seiner Arbeit zeigt Töppel auf, dass das landläufige Verständnis, wie ein Staat als Handelsakteur funktioniert, mitunter irreführend ist: „Wir glauben immer, der deutsche Handel sei der Handel des deutschen Staates. Aber letztlich hat der Staat mit dem eigentlichen Handel wenig zu tun. Ich zeige, dass hinter dem preußischen Handel letztendlich immer Kaufleute aus Hamburg oder aus dem preußischen Hinterland stehen, die vor Ort agieren.“ Zudem sei ihm wichtig, die Einbindung der Deutschen in die kolonialen Ökonomien aufzuzeigen.
Zahlreiche Reisen, um neue Quellen zu heben
Felix Töppel bewege sich mit seiner Arbeit „methodisch auf der Höhe der Zeit“, heißt es in der Begründung für die Auszeichnung. Gelobt werden die global- und verflechtungsgeschichtlichen Ansätze und die außenwirtschaftliche Perspektive. Die Jury urteilt: „Er schreibt eine kulturgeschichtlich orientierte Institutionengeschichte, mit der er die Preußenforschung bereichern wird.“
Um eine neue Perspektive auf die Geschichte Preußens und die Seehandlung zu entwerfen, nutzte Felix Töppel teilweise bisher kaum ausgewertete Quellen. Neben dem Geheimen Staatsarchiv in Berlin, wo er unter anderem handgeschriebene Korrespondenzen und Handelsberichte sichtete, wertete er auch Unterlagen in Archiven in Stettin und in Wrocław aus. Weitere Archivreisen führten ihn nach Wien und London. Im dortigen Rothschild-Archiv arbeitete er als Stipendiat.
Laudatio von einer Vorreiterin für neue Perspektiven auf Preußen
Auf die Frage, worüber er sich bei der Auszeichnung am meisten freut, sagt er: „Das Highlight ist eigentlich die Laudatio von PD Dr. Agnieszka Pufelska. Das ist mir fast noch wichtiger als der Preis selbst.“ Die Viadrina-Absolventin und Kulturhistorikerin am Nord-Ost-Institut der Universität Hamburg sei eine „Vorreiterin, was neue Perspektiven in der preußischen Geschichtsschreibung angeht“. Sie sei prägend für einen Blick auf Preußen, der postkoloniale und osteuropäische Dimensionen mitdenkt.
Agnieszka Pufelska lobte in ihrer Rede die Souveränität, Beharrlichkeit und Ernsthaftigkeit der Arbeit von Felix Töppel und seine Herangehensweise an die scheinbar so fest gefügte Geschichte Preußens. Durch die Arbeit geschehe, was in der Wissenschaft selten geworden sei: „Jemand versucht nicht, Preußen lautstark neu zu erfinden. Er stellt keine demonstrative Gegenthese auf. Stattdessen verschiebt sich beinahe unmerklich der Blickwinkel.“ Wissenschaftliche Originalität zeige sich selten dort, so Agnieszka Pufelska, wo laut behauptet wird, alles neu zu machen. „Wirklich interessante Forschung erkennt man häufig daran, dass sie einen Gegenstand ernst nimmt, an dem andere längst vorbeigehen“, betonte sie.
Dass Felix Töppel auf Zwischentöne höre und Spannung sichtbar mache, die unter glatten historischen Erzählungen häufig verborgen blieben, schrieb Agnieszka Pufelska seinem Selbstverständnis als Historiker und Kulturwissenschaftler zu. „Deine Arbeit verändert unseren Blick auf Preußen. Sie macht deutlich, dass historische Erkenntnis nicht daraus entsteht, bekannte Antworten zu wiederholen, sondern vertraute Fragen neu zu stellen“, sagte sie in ihrer Gratulation an Felix Töppel.
Freude mit Störgefühl
Darüber hinaus sieht Felix Töppel die Auszeichnung durch die Historische Kommission auch als Würdigung seiner Arbeit der vergangenen Jahre im Nachwuchsnetzwerk der HiKo, in dem er sich unter anderem durch die Organisation einer Jahrestagung und die Mitgestaltung von Netzwerktreffen engagierte. Das Preisgeld wird er nutzen, um seine Promotion drucken zu lassen. Und doch bleibt bei aller Freude auch ein Störgefühl bei Felix Töppel. „Am System der Preisvergaben stört mich, dass sich mehrere Leute mit sehr, sehr guten Ideen auf solche Preise bewerben, und am Ende wird jemand ausgezeichnet, der gerade dieser kleinen Kommission am meisten zusagt“, sagt der Historiker. Er frage sich bei Nachrichten über Auszeichnungen auch immer: „Welche Geschichten hört man jetzt nicht?“
Zur Person
Felix Töppel hat von 2013 bis 2018 Kulturwissenschaften und von 2018 bis 2020 Europäische Kulturgeschichte an der Viadrina studiert. Seit 2020 ist er akademischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für vergleichende europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Europa-Universität Viadrina und seit vergangenem Jahr zudem Beauftragter der Viadrina für das Kleist-Jahr 2027.
Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören neben der Globalgeschichte und der Geschichte Preußens im globalen Kontext auch die Universitätsgeschichte.
Frauke Adesiyan
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