Zwischen Stadion, Szene und Staat: Stefan Wellgraf analysiert rechte Subkulturen in Ostdeutschland

Frankfurt (Oder), 

Sein Thema stößt auf großes Interesse. Das zeigen die positiven Reaktionen auf das Buch „Staatsfeinde“ ebenso wie die hohe Teilnehmerzahl bei der Veranstaltung „Wie umgehen mit dem Rechtsextremismus?“ der Kulturwissenschaftlichen Fakultät. Das Seminar unter der Leitung von Prof. Dr. Timm Beichelt und Prof. Dr. Matthias Schloßberger war diesmal als Buchvorstellung angelegt. In seinem Werk beleuchtet Stefan Wellgraf die Entwicklung der rechten Skinhead- und Hooligan-Subkultur in der DDR. Zugleich kritisiert er einfache Erklärungsansätze für das Erstarken der Rechten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.

Nach der Buchvorstellung ist den zahlreichen Studierenden und weiteren Gästen im Seminarraum klar: ein Denken in Schubladen funktioniert in der Analyse von Rechtsextremismus nicht. Der Titel des Buches „Staatsfeinde“ ist der erste Hinweis auf eine sich überschneidende Verbindung von radikalen Lagern: die Ablehnung staatlicher Institutionen durch Extremist*innen und zugleich die Verfolgung und Bestrafung durch den Staatsapparat der Extremist*innen. Stefan Wellgraf liefert mit seinem Werk nicht nur einen Überblick über Biografien von Persönlichkeiten aus der rechten Szene in der DDR und historischen Ereignissen, die teils zu Wendepunkten der Geschichte wurden. Er nimmt auch die populäre und wissenschaftliche Literatur analytisch auseinander, dokumentiert Voreingenommenheit der jeweiligen Autor*innen und bettet all das in einen historischen Kontext. Stefan Wellgraf gelingt dieses Kunststück, weil sein Buch selbst etwas Biografisches hat. Er ist in Ost-Berlin 1979 geboren und aufgewachsen, ist viel in Fußball-Stadien gewesen und war ethnografisch in der Szene unterwegs.

Buchvorstellung mit Stefan Wellgraf

Sein Vortrag zeigt, welch bunte Mischung an Menschen sich in dieser Subkultur versammeln. Während der Buchvorstellung zeigt er immer wieder, wie fließend teilweise die Grenzen zwischen rechts und links, zwischen Skinheads und Punks waren. Viele Skinheads hatten zuvor selbst zur Punk-Szene gehört. Neben diesen Gruppen existierten weitere Subkulturen, die sich häufig am Alexanderplatz in Berlin trafen. Stefan Wellgraf forschte in Archiven und im Feld, und brachte einen Wandel zutage, der in den meisten anderen Publikationen zu dem Thema genauso wie die biografischen Verbindungen oft außenvor gelassen wurde.

Mit Überfällen, wie einem Angriff auf ein Konzert von Element of Crime durch Skinheads 1987 wandelte sich die öffentliche Wahrnehmung in der DDR. Die Gefährlichkeit der Skinheads konnte nicht mehr verschwiegen werden, auch wenn bis dato selbst die Staatssicherheit der DDR ein eher positives Bild der gut organisierten Skinhead-Szene hatte, erklärt Wellgraf. In den 1990er-Jahren fielen Hooligans und Skinheads mit solchen Gewaltaktionen vermehrt auf. Ein Flugblatt dieser Fangruppen des BFC Dynamo von 1995, dekoriert mit Keltenkreuzen, ruft zur Gewalt gegen einen türkischen Verein auf, in seinem Inhalt ist es rassistisch und gewaltverherrlichend, zeigt der Autor in seinem Buch auf.

Doch: „Wie umgehen damit?“, fragt Timm Beichelt. Wellgraf deutet an, dass er von einem Ignorieren dieser Subkulturen nichts hält. Ins Stadion gehen, sich mit den Sub- und Fankulturen auseinandersetzen, das sei der bessere Weg. Von wissenschaftlich anmutenden Zuschreibungen, wie einer Psychologisierung von Ostdeutschen (Stichwort „Töpfchenthese“) halte er nichts.

In seiner Analyse sieht Stefan Wellgraf drei Strömungen der Rechten: Straßen orientiert, Partei orientiert und die Intellektuellen. In der DDR war es systembedingt nur möglich, eine straßenorientierte Rechte zu etablieren. Die anderen zwei etablieren sich nun aktuell mit der ersten erfolgreichen Sammlungsbewegung, nämlich in der AfD. Denn die versteht es, sich mit der Fankultur zu verbinden.

Zur Person

Stefan Wellgraf wurde 1979 in Ost-Berlin geboren. Er studierte Kultur- und Sozialwissenschaften in Berlin, Frankfurt (Oder) und Paris und habilitierte 2019 an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina. Anschließend führten ihn Aufenthalte unter anderem an die New York University, an das Johann-Jacobs-Museum in Zürich und an die Universität Hamburg. Seit 2021 hat er eine Heisenberg-Stelle am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Zudem leitet er am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin ein BMBF-Projekt zu Transformationen rechter Gewalt in Ostdeutschland. Zu seinen jüngsten Buchveröffentlichungen zählen „Rechtspopulismen der Gegenwart. Kulturwissenschaftliche Irritationen“, herausgegeben mit Christine Hentschel, sowie „Ausgrenzungsapparat Schule. Wie unser Bildungssystem soziale Ungleichheiten verschärft“.

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