Wenn Forschung ins Gespräch kommt: Viadrina-Forschende bei der Langen Nacht der Wissenschaften
Wie entscheiden Unternehmen ethisch? Wie lässt sich Künstliche Intelligenz solidarisch gestalten? Welche Rolle kann Deutschland im russischen Krieg gegen die Ukraine spielen? Wer trägt Verantwortung für Klimaschäden – und erleben wir eigentlich gerade einen Rückschlag in der Emanzipation? Bei der Langen Nacht der Wissenschaften am 6. Juni 2026 in Berlin haben Forschende der Viadrina gezeigt, wie nah ihre Forschung an den aktuellen Fragen des Alltags ist. Im Hauptgebäude der Humboldt-Universität kamen sie mit einem interessierten Publikum ins Gespräch – über Verantwortung, Wandel und die großen Konflikte der Gegenwart.
Etwa 30.000 Besucher*innen haben die Lange Nacht der Wissenschaften in Berlin besucht und Forschung in Vorträgen, Workshops, Wissenschaftsshows und vielen weiteren Formaten erlebt. Auch Forschende der Viadrina nutzten diese Gelegenheit, um ihre aktuellen Themen zu präsentieren.
Wissenschaft, die mitredet
Ein Blick in den Maschinenraum der Unternehmensführung
Den Auftakt des Viadrina-Programms machte Dr. Miriam Maske, die seit Oktober 2025 die Vertretungsprofessur für BWL, insbesondere Controlling, an der Viadrina innehat. In ihrem interaktiven Vortrag „Warum Ethik im Unternehmen oft scheitert – zwischen Persönlichkeit und System“ lud sie das Publikum ein, einen Blick in den „Maschinenraum der Unternehmensführung“ zu werfen. „Ich werde Ihnen heute zeigen: Hinter BWL steckt mehr als nur Gewinn, Kostenreduktion und Effizienz“, sagte die Wissenschaftlerin. Im Zentrum ihrer Forschung steht die Frage, wie Entscheidungen in Unternehmen getroffen werden und wie verantwortungsvolles Handeln in Organisationen ermöglicht werden kann.
Anhand mehrerer Gedankenexperimente zeigte Miriam Maske, wie schwer es ist, in Unternehmenskontexten tatsächlich objektiv zu entscheiden. Das Publikum sollte sich unter anderem in die Rolle einer Führungskraft versetzen und bewerten, wie mit leistungsstarken, loyalen oder regelwidrig handelnden Mitarbeitenden umzugehen ist. Die Ergebnisse aus ihrer Forschung machen deutlich: „Wir entscheiden selten neutral.“ Faktoren wie Performance, Sympathie, Loyalität, Nähe oder Ähnlichkeit beeinflussen Entscheidungen ebenso wie formale Steuerungsinstrumente, Kennzahlen, Boni oder Zielvereinbarungen. Besonders anschaulich erläuterte Miriam Maske dies am sogenannten Halo-Effekt, bei dem positive Leistungen auf andere Bewertungsdimensionen ausstrahlen können. Auch Persönlichkeitsmerkmale von Führungskräften, die Tendenzen haben, nahm sie in den Blick.
Valeria Lazareva und Katrin Hartmann / Viadrina
Digitale Zukunft anders denken: Dr. Lilo Meier über KI, Arbeit und Plattformen
Wie sich digitale Technologien und Künstliche Intelligenz (KI) auf Arbeit, Organisationen und gesellschaftliche Zukunftsvorstellungen auswirken, thematisierte Dr. Lilo Meier, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Personal, Arbeit und Management, in ihrem englischsprachigen Workshop „Imagining Alternative Digital Futures: Rethinking Work and Organization with Technology“. Anhand verschiedener Beispiele zeigte die Wissenschaftlerin, dass technologische Entwicklungen immer auch mit gesellschaftlichen Leitbildern, wirtschaftlichen Interessen und konkreten Arbeitsbedingungen verbunden sind. Dabei lenkte sie den Blick zum Beispiel auf die unsichtbaren Kosten digitaler Technologien – etwa Ressourcenverbrauch, Rohstoffgewinnung, Datenzentren und schlecht bezahlte Tätigkeiten.
Zugleich stellte Lilo Meier zur Diskussion, dass Technologie nicht zwangsläufig auf Profitmaximierung, Effizienzsteigerung und Kontrolle ausgerichtet sein muss. Beispiele wie Plattform-Kooperationen, gemeinschaftliches Eigentum, demokratische Entscheidungsstrukturen und der Einsatz digitaler Werkzeuge zur Bewahrung von Sprachen zeigten alternative Perspektiven auf digitale Arbeit und Organisation. Auch ihr Arbeitsleben in der Forschung habe sich seit dem Erscheinen von KI verändert:
Valeria Lazareva und Katrin Hartmann / Viadrina
In einem interaktiven Teil waren die Teilnehmenden eingeladen, an mehreren Stationen Gedanken zu Problemen, notwendigen Veränderungen und möglichen Alternativen im Umgang mit KI und digitalen Plattformen zu formulieren. Am Ende des Workshops überwog ein vorsichtiger Optimismus: Gerade die Forschung zu alternativen digitalen Organisationsformen zeige, dass KI nicht nur als selbstlernendes System verstanden werden sollte, sondern als Technologie, deren Entwicklung und Nutzung gesellschaftlich gestaltet werden kann.
Deutschlands Rolle im Krieg gegen die Ukraine: Dr. Anne Holper über Konflikt, Verantwortung und Verhandlungsspielräume
Wie über den Krieg gegen die Ukraine gesprochen werden kann – und welche Rolle Deutschland dabei einnehmen sollte –, stellte Dr. Anne Holper vom Institut für Konfliktmanagement ins Zentrum ihres interaktiven Vortrages. Gleich zu Beginn machte sie deutlich, dass es sich bei der Frage „Was kann und sollte Deutschland jetzt tun?“ nicht um eine klassische wissenschaftliche Fragestellung handele, sondern um eine hochpolitische und persönliche Abwägung. Das Institut für Konfliktmanagement arbeite wissenschaftlich unabhängig und bereite Entscheidungsgrundlagen für politische und gesellschaftliche Akteure vor, erklärte die Wissenschaftlerin.
Nach einer Einordnung der aktuellen militärischen, gesellschaftlichen und diplomatischen Lage richtete Anne Holper den Blick auf mögliche Verhandlungsräume und die besondere Rolle Deutschlands.
Valeria Lazareva und Katrin Hartmann / Viadrina
In mehreren Gesprächsrunden tauschten sich die Teilnehmenden darüber aus, was sie am Krieg und seinen Folgen für Deutschland besonders beschäftigt: Genannt wurden unter anderem Hilflosigkeit, Unsicherheit, psychische Belastung, das Bedürfnis nach verlässlicher Unterstützung für die Ukraine und das Dilemma, dass der Einsatz für Gerechtigkeit zugleich weitere Gewalt bedeute. Abschließend sammelte Anne Holper zusammen mit dem Publikum Vorschläge dazu, was Deutschland nun tun oder lassen sollte – von einer EU-Beitrittsperspektive für die Ukraine über kontinuierliche Hilfe beim Wiederaufbau bis hin zur Frage, welche Perspektiven und Erzählungen auch gegenüber der russischen Gesellschaft entwickelt werden müssten.
Klimahaftung wie ein juristischer Krimi: Prof. Dr. Jan-Erik Schirmer, John Peters und Francesca Mascha Klein über einen Präzedenzfall in der Klimakrise
Ob einzelne Unternehmen für Folgen des globalen Klimawandels haftbar gemacht werden können, diskutierte Prof. Dr. Jan-Erik Schirmer, Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Handels- und Gesellschaftsrecht, Compliance und Nachhaltigkeit, mit Rechtsanwalt John Peters und Francesca Mascha Klein, Rechtsreferentin bei Germanwatch. Im Mittelpunkt stand der viel beachtete Fall des peruanischen Bauern und Bergführers Saúl Luciano Lliuya gegen den Energiekonzern RWE. Jan-Erik Schirmer führte das Publikum Schritt für Schritt durch die juristische Logik des Falls. Er skizzierte dabei einen juristischen Krimi: Wie lässt sich ein konkreter Schaden in Peru mit den Emissionen eines deutschen Unternehmens verbinden? Wo beginnt Verantwortung, wenn sich ein Geschäftsmodell zwar im Rechtsrahmen verhält, aber nachweislich zur Klimakrise beiträgt?
Anhand anschaulicher Vergleiche aus dem Privatrecht machte Jan-Erik Schirmer deutlich, warum der Fall weit über die konkrete Klage hinausweist. Im Fall „Bauer gegen RWE“ sei die Dimension ungleich komplexer und müsse in einen globalen Zusammenhang gestellt werden. John Peters und Francesca Mascha Klein berichteten aus der Prozesspraxis, warum die Klage im konkreten Fall gegen RWE abgewiesen wurde, das Urteil aber trotz der Niederlage als wichtiger Schritt gilt: Das Gericht habe im Grundsatz festgestellt, dass deutsche Unternehmen für Klimaschäden haftbar gemacht werden können. „Und dieses Urteil schlug international ein wie eine Bombe“, sagte Jan-Erik Schirmer.
Valeria Lazareva und Katrin Hartmann / Viadrina
Für weitere Verfahren gegen große Treibhausgasemittenten gebe die Entscheidung Rückenwind, ergänzte John Peters. Zugleich machte die Diskussion deutlich, welche grundsätzliche Funktion Recht in der Klimakrise haben kann: „Es schafft Regeln, um Verhalten zu verändern, Verantwortlichkeiten sichtbar zu machen und Betroffenen neue Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen“, so Jan-Erik Schirmer.
Bleibt die Geschlechterordnung in Bewegung? Prof. Dr. Sarah Speck über Wandel und Widerstände
Zum Abschluss des Viadrina-Programms richtete Prof. Dr. Sarah Speck, Inhaberin der Professur für Vergleichende Kultursoziologie, den Blick auf den Wandel von Geschlechterbildern. Sie fragte: „Verkehrt sich die Emanzipation in ihr Gegenteil?“ und ordnete aktuelle Debatten um Tradwives, neue Queerfeindlichkeit, gewaltbereite Männlichkeiten, traditionelle Familienbilder und rechtspopulistische Geschlechterpolitiken soziologisch ein. Speck zeigte, dass sich die Geschlechterordnung zugleich verändert und erstaunlich beharrlich bleibt: Frauen sind in Politik, Öffentlichkeit und Erwerbsarbeit sichtbarer geworden; zugleich bestehen ungleiche Arbeitsteilung, Gender Pay Gap, Gewaltverhältnisse und stereotype Konsum- und Darstellungsweisen fort. Anhand alltagsnaher Beispiele – von geschlechtsspezifischem Spielzeug bis zur Frage, wer in Paarbeziehungen Sorge- und Hausarbeit übernimmt – machte sie deutlich, wie tief Geschlechterordnungen in gesellschaftliche Routinen eingeschrieben sind.
Die Kultursoziologin beschrieb diese Entwicklung als widersprüchliche Transformation: Auf der einen Seite stehen Pluralisierung, Gleichheitsansprüche und veränderte Lebensweisen, auf der anderen Seite starke Beharrungskräfte und neue Versuche, traditionelle Ordnungen wiederherzustellen. Dabei beleuchtete sie machttheoretische, materialistische und kulturelle Perspektiven und erklärte unter anderem, warum Gleichheitsideale in Paarbeziehungen nicht automatisch zu gleicher Verteilung von Sorgearbeit führen. Vor diesem Hintergrund ordnete Sarah Speck auch die öffentliche Debatte um Christian Ulmen und Collien Fernandez als Beispiel dafür ein, wie Fragen von Partnerschaft, Gewalt und Geschlechterordnung gesellschaftlich verhandelt werden.
Valeria Lazareva und Katrin Hartmann / Viadrina
In der anschließenden Diskussion fragte das Publikum unter anderem nach „Gender Voting“, dem Einfluss der MeToo-Debatte auf die Geschlechterordnung, dem nordischen Geschlechterparadoxon, der Gewaltfrage in Geschlechterverhältnissen sowie einer vorstellbaren Gleichberechtigung in der Wehrpflicht-Debatte. Sarah Specks Fazit an diesem Abend fiel folgendermaßen aus: Die Geschlechterordnung bleibt „hochgradig umkämpft und hochgradig politisch – und vor allem in Bewegung“.
Sozialwissenschaften zum Mitmachen: Policy Papers und Biografien am Centre Marc Bloch
Auch am Centre Marc Bloch wurde deutlich, wie sozialwissenschaftliche Forschung praktisch wirksam werden kann. An einem Infostand stellte Dr. Elsa Tulmets-Gerhardt, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Professur für Europäische und Internationale Politik an der Viadrina, den Bereich Politikberatung und Wissenschaftskommunikation vor und zeigte, wie Studierende Policy Papers, Flyer und Spielkarten zu Themen wie Außen- und Sicherheitspolitik, Vereinte Nationen sowie Umwelt und Klima entwickeln.
Lange Nacht der Wissenschaften am Centre Marc Bloch
Ein weiterer Programmpunkt richtete sich besonders an jüngere Besucher*innen: Gemeinsam mit Aurore Wischmann lud Elsa Tulmets-Gerhardt zu einem spielerischen Parcours rund um die Biografien von Frauen im Panthéon ein. Am Beispiel von Persönlichkeiten wie Marie Skłodowska Curie, Josephine Baker, Germaine Tillion und Simone Veil erhielten die Kinder einen Eindruck davon, wie Sozialwissenschaften Lebenswege erforschen und historische Biografien in gesellschaftliche Zusammenhänge einordnen.
Text: Katrin Hartmann; Video: Valeria Lazareva und Katrin Hartmann
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