Digitalisierung im Dialog: Ringvorlesung bringt Campus, Unternehmen und Öffentlichkeit ins Gespräch
Mit einem Vortrag über Künstliche Intelligenz (KI) im Arbeitsalltag ist die Ringvorlesung „Digitalisierung im Dialog zwischen Campus und Unternehmen“ am 27. Mai 2026 zu Ende gegangen. Über sechs Termine hinweg kamen Studierende, Wissenschaftler*innen, regionale Unternehmen und interessierte Bürger*innen miteinander ins Gespräch. Das Format verband wissenschaftliche Impulse mit niedrigschwelligem Austausch im Coworking Space. Aus der Reihe entstehen bereits neue Ideen für öffentliche Veranstaltungen und studentische Projekte mit Mehrwert für die Region.
Im Hintergrund läuft die Kaffeemaschine, Menschen kommen vorbei, bleiben stehen, hören zu, fragen nach. Es gibt Getränke, Kekse und Popcorn. Die Atmosphäre ist offen, fast beiläufig – und genau darin liegt die Stärke des Formats: Die Ringvorlesung „Digitalisierung im Dialog zwischen Campus und Unternehmen“ brachte in den vergangenen Wochen wissenschaftliche Perspektiven dorthin, wo Austausch zwischen Campus, Unternehmen und Stadtgesellschaft unmittelbar entstehen kann: in den Coworking Space hinein.
Heide Fest
Zum Abschluss der sechsteiligen Reihe sprach Dr. Erik Herrmann, Vertretungsprofessor für Marketing an der Viadrina, über die Frage „(Wie) verändert KI die Arbeitswelt? Chancen und Risiken“. Der Vortrag stieß auf großes Interesse bei Teilnehmenden aus Wirtschaft, Wissenschaft und Öffentlichkeit. Im Mittelpunkt standen nicht nur technische Entwicklungen, sondern vor allem die Frage, wie Menschen auf Künstliche Intelligenz reagieren – als Beschäftigte, Nutzer*innen und Entscheider*innen.
Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Georg Stadtmann, der gemeinsam mit der Transferstelle die Ringvorlesung initiiert hat, fasste eine zentrale Spannung des Abends so zusammen: „Innovation, um objektiv die Arbeit zu erleichtern, kann bei Mitarbeitenden subjektiv zur Ablehnung führen – weil ihr Arbeitsplatz durch die Innovation bedroht ist. Ähnlich ist es bei der KI.“ Die Diskussion im Anschluss zeigte, dass diese Ambivalenz die Gäste ebenfalls beschäftigte. Immer wieder gab es Wortmeldungen, Kommentare und Nachfragen. Die Veranstaltung war, so der Eindruck der Organisator*innen, nicht nur gut besucht, sondern auch besonders interaktiv.
Bildergalerie zum Vortrag mit Erik Herrmann: „(Wie) verändert KI die Arbeitswelt? Chancen und Risiken“
Zwischen Job-Apokalypse und Arbeitserleichterung
Erik Herrmann ordnete in seinem Vortrag zunächst ein, dass für das Jahr 2025 vielfach eine „Job-Apokalypse“ vorhergesagt worden sei: Durch die Einführung von KI in Unternehmen, so die Befürchtung, würden massenhaft Arbeitsplätze wegfallen und Arbeitslosigkeit entstehen. Eingetreten sei dieses Szenario bislang nicht – jedenfalls nicht im befürchteten Ausmaß. Herrmann, der zu KI in Verbindung mit Konsumentenpsychologie forscht, machte zugleich deutlich, dass auch Arbeitnehmende als Konsument*innen von KI betrachtet werden können – mit Erwartungen, Hoffnungen, aber auch Vorbehalten.
Besonders in westlichen Industrieländern überwiege häufig die Sorge gegenüber der Begeisterung. Herrmann verwies unter anderem auf eine Nutzer*innenbefragung innerhalb der KI-Anwendung Claude, nach der Ablehnung eher in Westeuropa und den USA verbreitet sei, während die Haltung in Regionen wie Indien, Südamerika oder Afrika positiver ausfalle. Die extremste Form der Ablehnung gegenüber technischer Innovation verdeutlichte er mit einem Beispiel aus der Industrie: „Es gab Fälle, dass Arbeiter den Robotern in der Fabrik absichtlich Gegenstände in den Weg gelegt haben, um sie an ihrer Arbeit zu hindern.“
Zugleich zeigte Herrmann, in welchen Arbeitsbereichen KI bereits heute besonders häufig eingesetzt wird: im Kundenkontakt, im Marketing und in der Kommunikation. Wenn repetitive Aufgaben wegfielen, könne das Mitarbeitenden ermöglichen, sich stärker auf andere Tätigkeiten zu konzentrieren. Daraus könne auch Motivation entstehen. „Ich hasse es zum Beispiel, Literaturquellen zu formatieren – das lasse ich jetzt von der KI erledigen und widme mich anderen Dingen, die mehr Spaß machen“, sagte Herrmann.
Dabei verschwieg er die Risiken nicht. Der Erwerb neuer Fähigkeiten werde zentral, etwa beim Formulieren von Prompts und beim Überprüfen von KI-Ergebnissen. Halluzinationen, also falsche Daten und Schlussfolgerungen, blieben eine Gefahr. Hinzu komme das Risiko der Mittelmäßigkeit, wenn KI zunehmend mit KI-generierten Texten trainiert werde. Auch eine Art Mini-Echokammer könne entstehen, wenn Systeme – ähnlich wie soziale Medien – die eigene Meinung eher bestätigten als herausforderten.
Mehrere Gäste besuchten mehrere oder sogar alle sechs Veranstaltungen und lobten insbesondere die offene Atmosphäre, die wissenschaftliche Inhalte mit persönlichem Austausch verbindet.
Susanne Bock - Leiterin der Transferstelle
Ein Format mit Kontinuität
Für Susanne Bock, Leiterin der Transferstelle an der Viadrina, war die gesamte Vorlesungsreihe ein Erfolg. „Besonders erfreulich war die hohe Kontinuität der Teilnahme: Mehrere Gäste besuchten mehrere oder sogar alle sechs Veranstaltungen und lobten insbesondere die offene Atmosphäre, die wissenschaftliche Inhalte mit persönlichem Austausch verbindet“, sagt sie.
Die Themen der Reihe waren bewusst breit angelegt. Neben Künstlicher Intelligenz im Arbeitsalltag ging es unter anderem um den Einsatz von Videospiel-Elementen im Personalwesen, um Informationssicherheit und Mediennutzung im Familienalltag. Gerade diese Vielfalt habe gezeigt, wie sehr Digitalisierung unterschiedliche Lebens- und Arbeitsbereiche berührt. Überraschend groß war laut Susanne Bock auch die Resonanz auf die Veranstaltung zu Gamification: „Hier schlossen sich zahlreiche Studierende und Nutzer*innen des Coworking Space spontan der Veranstaltung an, was die Offenheit und Niedrigschwelligkeit des Formats unterstrich.“ Der Coworking Space wurde damit nicht nur zum Veranstaltungsort, sondern auch zum Teil des Konzeptes: Wer ohnehin vor Ort war, konnte unkompliziert dazukommen.
Wenn Forschung in die Region wirkt
Ein weiteres Highlight war die Veranstaltung zur Informationssicherheit, die im Rahmen des Verbundprojektes der Europa-Universität Viadrina durchgeführt wurde. „Die Veranstaltung löste eine lebhafte Diskussion aus und verdeutlichte, wie Erkenntnisse und Entwicklungen aus universitären Projekten unmittelbar für regionale Unternehmen nutzbar gemacht werden können“, sagt Bock. Besonders erfreulich sei das nachhaltige Interesse daran gewesen: Auch Tage nach der Veranstaltung hätten teilnehmende Unternehmen noch Rückfragen gestellt.
Dass Digitalisierung nicht nur Unternehmen und Verwaltungen betrifft, zeigte die Veranstaltung zur Mediennutzung im Familienalltag. Hier kamen Großeltern und Studierende miteinander ins Gespräch – zwei Generationen, die soziale Medien aus sehr unterschiedlichen Perspektiven erleben. Offen diskutierten sie über Chancen, Überforderung und Alltagsfragen digitaler Kommunikation.
Neue Ideen für öffentliche Veranstaltungen
Die positiven Erfahrungen der Ringvorlesung wirken bereits weiter. Geplant ist unter anderem eine öffentliche Live-Hacking-Veranstaltung, die für Fragen digitaler Sicherheit sensibilisieren soll. Außerdem wird am 4. November 2026 eine Veranstaltung mit der Deutschen Bundesbank zur „Einführung des digitalen Euro“ stattfinden.
Auch in der Lehre setze die Reihe Impulse, so Susanne Bock. Die teilnehmenden Studierenden entwickeln im Anschluss eigene Projekte im Bereich sozialer Innovation. Ziel ist es, Ideen zu erarbeiten, die einen konkreten gesellschaftlichen Mehrwert für die Region schaffen. Damit endet die Ringvorlesung nicht mit dem letzten Vortrag, sondern geht in neue Formen des Transfers über – aus dem Gespräch heraus, in die Praxis hinein.
Heike Stralau
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