Kevin Kühnert und Jana Costas debattieren über Arbeit, Macht und wachsende Ungleichheit
Welche Bedeutung hat Arbeit in Zeiten von Plattformökonomie, Finanzmärkten und gesellschaftlichem Wandel? Darüber diskutierte der frühere SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert (heute Leiter des Bereichs Steuern, Verteilung und Lobbyismus bei finanzwende e.V.) gemeinsam mit der Viadrina-Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Jana Costas am 15. April 2026 bei der Viadrina Debate zum Auftakt des Sommersemesters. Im Austausch mit dem Publikum ging es um die Fragen, wie sich Arbeitswelten verändern, warum klassische Aufstiegsversprechen brüchig werden – und wer vom Wandel profitiert.
Ein wilder Ritt durch alle Bereiche der Makro- und Mikroökonomie, Anekdoten aus einem Callcenter und einem Reinigungsteam am Potsdamer Platz, global agierenden Tech-Konzernen mit politischen Ambitionen und das hart erarbeitete Eigenheim im Saarland, das zur Stabilisierung der Demokratie beiträgt: An diesem Nachmittag war die Viadrina für diejenigen genau der richtige Ort, die den Wert von Arbeit ergründen wollten. Im vollbesetzten Audimax führte Moderator Mads Pankow gut gelaunt durch das vielschichtige Themenfeld, das von Viadrina-Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Jana Costas und dem ehemaligen Generalsekretär der SPD, Kevin Kühnert, beackert wurde.
Bildergalerie: Viadrina Debate mit Kevin Kühnert und Jana Costas
Von Reinigungskräften bis Silicon Valley: Streit um den Wert von Arbeit
Mittendrin und sichtlich begeistert über das Wiedersehen mit ihrem Parteigenossen und Kneipenquiz-Companion Kühnert: Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle. „Was ist Arbeit wert?“, fragte sie und erklärte: „Das ist keine theoretische Frage. Das ist eine Machtfrage.“ Letztlich seien es unter anderem die Studierenden im Raum, mit denen die Zukunft der Arbeit beginne. Auch Viadrina-Präsident Prof. Dr. Eduard Mühle regte die anwesende Studierendenschaft an, sich kritisch damit auseinanderzusetzen, wie Wertschöpfung funktioniert und wie Wohlstand künftig verteilt wird. Einen Raum für kritisches Nachfragen liefere die Viadrina Debate.
Im Zentrum der Debatte standen die Themen Wohlstand und Verteilung, Anerkennung und Sichtbarkeit. Jana Costas berichtete von dem halben Jahr, in dem sie ein Reinigungsteam als Forscherin begleitet hatte. Die Stigmatisierung von Reinigungskräften spiegele sich in den Randzeiten ihrer Arbeitsausübung, in den prekären Beschäftigungsformen mit Befristung und Teilzeit und auch in der gesellschaftlichen Beurteilung der Personen wider. „Das hat vermutlich auch etwas mit der Verbindung zu Schmutz zu tun, denn Sauberkeit nimmt man selten wahr, eher, wenn es nicht sauber ist“, so Costas. Auch Kühnert konnte aus eigener Erfahrung von Arbeit berichten, die wenig mit Sinnerfüllung zu tun hatte. Er hat einst in einem Callcenter gearbeitet, in dem es darum ging, wie viele Telefonate man in einer Stunde schaffte. „Diese Arbeit nahm man aber nicht mit nach Hause – anders als Berufspolitiker“, berichtete er.
Welche Erkenntnisse brachte die Viadrina Debate? Die Kernaussagen:
„Unsichtbare Arbeit wird häufig geringer entlohnt.“ (Costas)
„Die Gesellschaft subventioniert die Lohnlücken von anderen, bei denen das Gehalt für die alltäglichen Dinge wie Miete oder Gesundheit nicht mehr ausreicht.“ (Kühnert)
„Einkommensungleichheit ist nicht gleich Vermögensungleichheit.“ (Costas)
„Es genügt oft nicht mehr, allein durch tatkräftiges Tun mehr vom Wohlstand abzubekommen. Oft wird Vermögen nicht über Arbeit generiert, sondern über Kapitalerträge durch Aktien, Stiftungen, Holdings …“ (Kühnert)
„Technologie sollte nicht als deterministisch wahrgenommen werden, sie ist nicht einfach da. Es kommt darauf an, wie wir sie einsetzen, wie wir sie verstehen. Es ist unsere Aufgabe als Universität, die kritische Urteilsfähigkeit dahingehend zu fördern.“ (Costas)
„Stundenlohn füllt keinen Kühlschrank; es ist der Monatslohn.“ (Kühnert)
Wäre es dann nicht sinnvoll, die Lebenszeit nicht mehr gegen Geld zu tauschen? „So wird es mir jedenfalls auf Insta ständig vorgeschlagen: Sollten wir nicht einfach alle Aktien kaufen und die für uns arbeiten lassen?“, spitzte es Pankow zu. „Unternehmen, von denen ich Aktien kaufe, müssen ja auch produktiv und kreativ sein, also etwas herstellen“, erwiderte Kühnert. Es sei eher eine gesellschaftliche und politische Entscheidung, ob man Wohlstand durch ein Solidarsystem oder durch private Vorsorge absichere. Wobei sich letzteres eben nicht alle leisten können. Mit seinen hohen Standards in Bezug auf Entlohnung sowie soziale Absicherung werde Deutschland häufiger von großen Konzernen vorgeworfen, nicht mehr global wettbewerbsfähig zu sein. Doch vielleicht könne man dieses Argument auch drehen und eben das als Standort-Vorteil ansehen, fragte Kühnert.
Jana Costas wies darauf hin, dass entgegen anderer Behauptungen das Arbeitsvolumen in Deutschland gestiegen sei, denn auch immer mehr Frauen arbeiten entlohnt. Und dennoch komme diese gestiegene Produktivität weniger bei der arbeitenden Bevölkerung an. Es seien oft einzelne Konzerne, die davon profitieren. Kühnert appellierte, dass solche Firmen wie die großen Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley mit ihrem Einfluss auf staatliche Institutionen zerschlagen werden müssten: „Nicht, um sie kaputt zu machen, sondern, um sie in einem marktwirtschaftlichen Sinn wieder funktionsfähig zu machen.“
Welche Fragen blieben offen – vom Moderator, vom Publikum, von den Podiumsgästen selbst? Entweder, weil sie zu komplex sind oder noch ausgehandelt werden müssen:
- Ist ein demokratisches Umfeld und ein soziales Sicherungssystem tatsächlich ein Standortvorteil oder nicht?
- Wie erreicht man Anerkennung in bestimmten Berufsgruppen, wenn man das naturgemäß nicht staatlich verordnen kann? Zumal Anerkennung und Entlohnung sich nicht zwingend bedingen.
- Wie begegnen wir in Deutschland der Stagnation bei den Geburten? Sollte es überhaupt die Aufgabe von Frauen sein, diese Verantwortung auch noch zu übernehmen?
- Bedroht die Weiterentwicklung von KI tatsächlich unsere Arbeit, oder kann sie durch Regulierung und Einhegung nicht doch etwas Gutes sein?
- Wird Kevin Kühnert beim nächsten Potsdamer Kneipenquiz in drei Wochen gemeinsam mit Manja Schüle antreten?
Heike Stralau
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