„Hüllen ohne Seele“ – Clizia Franceschini forscht über den Schutz von immateriellem religiösem Erbe
Wie lässt sich immaterielles kulturelles Erbe schützen? Und was passiert beispielsweise mit Kirchen, wenn ihr ursprünglicher Sinn verloren geht? Zu solchen Fragen forscht die Verwaltungsrechtlerin Dr. Clizia Franceschini in dem Projekt INHERENT (Intangible Religious Heritage and Religious Groups in national, european and global contexts) – auch am Beispiel Brandenburg. Für drei Jahre arbeitet sie als Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Viadrina. Am 24. und 25. März 2026 hat sie bei einem Online-Workshop Expert*innen aus Europa, Nordamerika, Australien und Lateinamerika zusammengebracht.
Wer Kulturerbe hört, denkt meist an Schlösser, Kirchen und Burgen. Doch was ist eine Kirche ohne das immaterielle religiöse Erbe? Wie verhält sich das Denkmal zum viel schwieriger zu fassenden Geist des Gebäudes? Und was wird wie und aus welchen Gründen geschützt? Man kann sich kaum einen passenderen Ort zur Erforschung dieser Fragen aussuchen als Brandenburg, wo sich nur wenige Menschen des immateriellen Kulturerbes ihrer Region bewusst sind, wo 80 Prozent angeben, Atheist*innen zu sein und wo die Migration im und nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die sozialistische Bildung der DDR die Bevölkerung bis heute prägen.
Dr. Clizia Franceschini ist im Herbst 2025 nach Frankfurt (Oder) gekommen, um den Zusammenhang von immateriellem und materiellem religiösen Kulturerbe zu erforschen. Ihr Projekt INHERENT wird über drei Jahre von der Alexander von Humboldt-Stiftung gefördert; betreut wird sie von PD Dr. Izabela Parowicz von der Viadrina und Prof. Piotr Stec von der Uniwersytet Opolski.
Heide Fest
„In den derzeitigen Rechtsrahmen sind die Regelungen zum Kulturerbe auf materielle Artefakte zugeschnitten, während immaterielles Erbe rein als Ergebnis des materiellen Kulturerbes gefördert und geschützt wird. Ich bin jedoch der Meinung, dass es genau umgekehrt sein sollte“, bringt die italienische Juristin ihre These auf den Punkt. Für sie ist das immaterielle Kulturerbe wesentlicher Bestandteil des materiellen Kulturerbes und hat seine eigene Würde. „Wenn das immaterielle religiöse Erbe nicht geschützt wird, stirbt das materielle Kulturerbe und wird aus seinem Kontext gerissen; es verliert seine Bedeutung“, ist sie überzeugt. Wenn man Kirchen denkmalpflegerisch schütze, ohne auch das Wissen über ihre eigentliche Bestimmung zu schätzen, erhalte man eine „Hülle ohne Seele“, so Clizia Franceschini. Zum immateriellen religiösen Erbe gehören religiöse Gemeinschaften, aber auch Glaube, Mythologie, Rituale, Tänze, Musik und vieles mehr.
Ihr Thema geht Clizia Franceschini ganz bewusst aus verschiedenen Perspektiven an. Neben juristischen Fragen interessieren sie Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften, der Kunstgeschichte, Anthropologie und Religionswissenschaft. Mit dieser Perspektivenvielfalt betrachtet sie in vier Fallstudien zum einen Tendenzen der Säkularisierung und zum anderen Dekontextualisierung religiöser Stätten in Brandenburg und Süditalien sowie der politischen Instrumentalisierung von immateriellem religiösem Erbe anhand der Kirchenburgen in Rumänien und des Barbara-Kultes in Polen.
Methodisch legt sie die Analyse juristischer und politischer Texte ihrer Arbeit zugrunde. In qualitativen Interviews erforscht sie zudem die Einstellungen und Erfahrungen von institutionellen Autoritäten auf verschiedenen Ebenen sowie auch von Vertreter*innen religiöser Gemeinschaften. Zahlreiche Interviews für die brandenburgische und die süditalienische Fallstudie hat sie bereits geführt. Was ihr dabei vor allem in Brandenburg auffiel: ein sehr gering ausgeprägtes Bewusstsein dafür, was das immaterielle religiöse Erbe der Region ist. „Dieses Erbe wird erhalten, indem es über Generationen weitergegeben wird. Doch hier wurde diese Transmission unterbrochen“, so ihre Einblicke. Ein Ausdruck dessen sei die Umwandlung zahlreicher religiöser Bauten in säkulare Gebäude – so wie die Marienkirche direkt neben dem Viadrina-Hauptgebäude.
Neben ihrer individuellen Forschung ist es Clizia Franceschini besonders wichtig, einen Forschungshub zu etablieren – ein Zusammenführen von Expertise zu ihrem Gegenstand, das es bis jetzt noch nicht gebe. „Ich sehe das als ein Werkzeug, um Wissen und Verständnis im Feld des immateriellen religiösen Erbes zu kreieren, aber auch dafür, meine eigene Forschung zu verbreiten“, erklärt sie ihren Ansatz, der auch in einer Vortragsreihe des Projektes deutlich wird. So kamen am 24. und 25. März in einer Online-Veranstaltung Forschende und Praktiker*innen aus Europa, Nordamerika, Australien und Lateinamerika zusammen, um sich über ihre Erkenntnisse im Feld des Rechts, der Religion, der Anthropologie und der Denkmalpflege auszutauschen. Weitere Ausgaben dieser Gesprächsreihe sollen folgen und auch eine Konferenz an der Viadrina ist geplant, bevor Clizia Franceschini die nächsten Fallstudien in Polen und Rumänien angeht.
Dort wird sie sich vor allem anschauen, wie politische Akteur*innen immaterielles religiöses Erbe für ihre Zwecke nutzen. „Allein die Entscheidung, Elemente des Kulturerbes zu schützen, ist bereits ein politisches Statement“, betont sie. Beispielsweise könne die Entscheidung, immaterielles Erbe zu fördern und zu bewahren, das Prestige eines Ortes für den Tourismus oder die Wirtschaft steigern. „In vielen Fällen wird dann das, was man eigentlich schützen möchte, festivalisiert“, so ihre Beobachtung. Religiöses Erbe gerate so zum Teil politischer Machtspiele.
Frauke Adesiyan
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