„Auch die politischen Prozesse sind vermint“ – KIU-Doktorandin Anastasia Rodi erforscht die ukrainische Demokratie im Krieg

Berlin / Frankfurt (Oder), 

Seit der Vollinvasion Russlands in die Ukraine vor vier Jahren ist das ganze Land im Krieg. Wie bestimmen jetzige Einschränkungen beispielsweise von Parlament und Medien die Nachkriegsdemokratie? Das erforscht Anastasia Rodi im Rahmen des PhD-Programmes vom Kompetenzverbund Interdisziplinäre Ukrainestudien (KIU). Über ihr Dissertationsprojekt „Demining Democracy“ spricht sie im Interview.

Anastasia Rodi, Sie forschen zu den Auswirkungen des Krieges auf die ukrainische Demokratie. Warum haben Sie sich für dieses Thema für Ihre Dissertation entschieden?
Ich arbeite seit mehreren Jahren als Journalistin und habe viel über den Krieg gegen die Ukraine geschrieben und über innenpolitische Prozesse. Ich habe mich dazu entschieden, diese Prozesse auch als Forscherin zu untersuchen, um noch mehr Expertise in diese Analysen zu bringen.

Was genau möchten Sie in Ihrer Arbeit untersuchen?
Ich möchte erforschen, wie sich verschiedene restriktive Instrumente, die während der Vollinvasion in die demokratischen Institutionen der Ukraine eingeführt wurden, auf die Funktionalität dieser Institutionen auswirken und was das für die Qualität der Demokratie bedeutet. Außerdem schaue ich mir an, wie Demokratie von der ukrainischen Bevölkerung wahrgenommen wird und wieviel Vertrauen in demokratische Institutionen herrscht. Es ist ein interessantes Paradox, dass 93 Prozent der Ukrainer*innen sich eine vollwertige Demokratie im Land wünschen, sie aber gleichzeitig sehr wenig Vertrauen in demokratische Instrumente haben – dem Parlament vertrauen beispielsweise nur 15 Prozent der Bevölkerung.

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Anastasia Rodi bei der Eröffnung des PhD-Programmes von KIU im Juni 2025

Ihr Dissertationsprojekt trägt den Titel „Demining Democracy“, was meinen Sie damit?
Ich habe diese Metapher entwickelt, um zu verdeutlichen, dass durch den Krieg nicht nur die Böden vermint sind, sondern auch die politischen Prozesse. Nach dem Krieg wird es Minenräumung brauchen – auch in den demokratischen Institutionen und Prozessen. Ich habe mich entschieden, aktuelle Entscheidungen und Prozesse zu dokumentieren und zu analysieren, weil sie schon jetzt die Nachkriegsdemokratie der Ukraine beeinflussen. 

Welche Felder sind – um in Ihrer Metapher zu bleiben – besonders vermint?
Es geht zum Beispiel darum, wie man derzeit Entscheidungen trifft in dem Land – eigentlich eine parlamentarisch-präsidiale Republik. Doch die Entscheidungen liegen im Moment in den Händen einer einzelnen Person: des Präsidenten. Dafür gibt es ganz klar Sicherheitsgründe, aber für die Qualität der Demokratie ist das natürlich problematisch. 

Ein weiteres Beispiel ist die Medienfreiheit. Einige Medien wurden beschränkt oder blockiert, auch hier sind Sicherheitsbedenken die Ursache. Einerseits gibt es also keine volle Medienfreiheit. Gleichzeitig sieht man aber investigative Journalisten, die beispielsweise zu Korruptionsfällen recherchieren – auch in Kriegszeiten. Wenn man genauer schaut, sieht man also, dass nicht alles Schwarz und Weiß ist. Die jetzigen Prozesse und Entscheidungen und auch die Reaktionen der Zivilgesellschaft werden ausschlaggebend dafür sein, wie es hier nach dem Krieg weitergeht. 

Wie ist aus Ihrer Sicht der aktuelle Zustand der ukrainischen Demokratie?
Ich bin erst im ersten Semester meiner Dissertation, aber was ich schon sicher sagen kann ist, dass die Ukraine trotz des Krieges eine Demokratie bleibt. Der Krieg wirkt sich sehr unterschiedlich und absolut nicht linear auf demokratische Prozesse und Institutionen aus. Einige von diesen Institutionen werden durch den Krieg gestärkt, andere werden untergraben. Einerseits gibt es eine Einschränkung der Menschenrechte. Aber gleichzeitig sieht man eine stärkere Mobilisierung der Zivilgesellschaft. Die Gesellschaft bleibt sehr lebendig und aktiv.

Mit welchen Methoden arbeiten Sie in Ihrer Forschung?
Ich führe Eliteninterviews und Interviews mit sogenannten „ordinary citizens” (gewöhnlichen Bürger*innen). Dabei fokussiere ich mich auf fünf Gruppen: oppositionelle Politiker*innen, Journalist*innen, Aktivist*innen, Militär und Menschen, die die Okkupation erlebt haben. Ich versuche dadurch verschiedene Perspektiven und auch unterschiedliche Regionen der Ukraine abzudecken. Im März werde ich für erste Interviews in die Ukraine reisen. Zudem analysiere ich politische Reden und Kommentare von Wolodymyr Selenskyj zum Thema Demokratie. Mich interessiert, wie er als Präsident des Landes im Krieg Demokratie sieht und wie er demokratische Werte der Ukraine nach außen kommuniziert. Schließlich möchte ich eine Datenanalyse durchführen, um Umfragen zur Wahrnehmung der Demokratie auszuwerten.

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Anastasia Rodi ist eine von zwölf Doktorand*innen, die aktuell im Rahmen des PhD-Programmes vom KIU forschen.

Was sind die größten Herausforderungen Ihrer Forschung?
Die wichtigste Herausforderung ist die Untersuchung eines Landes im Krieg. Wer zu einem Land im Krieg forscht, kann sich kaum wirklich distanzieren. Man kann diskutieren, was Neutralität bedeutet und wo die Grenze zwischen Forschung und Aktivismus liegt. Ich persönlich glaube, es ist möglich, professionell zu bleiben. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Anwälten des Landes und Menschen wie mir, die Veränderungen sehen und zeigen wollen.

In unserer zwölfköpfigen PhD-Studierendengruppe vom KIU fragen wir uns immer wieder, wie wir professionell bleiben können. Das ist ein großer Vorteil des Programmes. Wir lernen auch gemeinsam, wie man beispielsweise mit traumatisierten Menschen spricht oder helfen einander mit Kontakten für Interviews. 

Wie schauen Sie kurz vor dem vierten Jahrestag der Vollinvasion auf die Entwicklung, die die Forschung und Berichterstattung zur Ukraine in Deutschland genommen hat?
Ich beobachte die deutsche Ukraineforschung und -berichterstattung seit 2010 und sehe, wie schnell sie sich geändert hat. Leider muss ich aber auch sagen, dass es eine Vollinvasion gebraucht hat, damit Ukraineforschung und -berichterstattung sichtbar wurde. Das ist sehr tragisch. Es hat immer Forscher*innen gegeben, die sich mit der Ukraine beschäftigt haben, aber ihre Stimmen wollte man nicht hören. Jetzt sind sie endlich hörbar geworden, sie beschreiben in Talkshows, was sie längst erforscht haben. Ich mache mir aber Sorgen, ob die Ukraineforschung stabil und etabliert bleiben kann über das Kriegsende hinaus. Das war auch meine Motivation, zu diesen Prozessen beizutragen.

Zur Person

Anastasia Rodi ist eine ukrainisch-deutsche Journalistin und Politologin, geboren in Simferopol auf der Krim. Sie hat einen Masterabschluss in ukrainischer Philologie (V. Vernadsky Taurida National University, Simferopol, 2011) und in Politikwissenschaft (Freie Universität Berlin, 2023). Seit 2013 arbeitet sie als Korrespondentin für deutsche und internationale Medien. Zu ihren Interessengebieten zählen die deutsch-ukrainischen Beziehungen, demokratischer Rückschritt und Autoritarismus, die Politik des Westens gegenüber autoritären Regimen und die Rolle von Desinformation. Sie war Stipendiatin des Europäische Journalisten Fellowship an der FU Berlin (2019-2020) und Teilnehmerin des Programms „Digitalisierung und Demokratie” am Aspen Institute Germany (2025). Ihr aktuelles Dissertationsprojet wird von Prof. Dr. Gwendolyn Sasse an der Humboldt-Universität zu Berlin betreut.

Frauke Adesiyan

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