„Wenn es politisch schwierig wird, halten wir die Kanäle offen“ – Kuwi-Absolventin Luisa Rath-John leitet das Goethe-Institut in Los Angeles
Sie hat in Südafrika studiert und ein Praktikum gemacht, in Indien Deutsch gelehrt und in Tschechien die Programmarbeit der Goethe-Institute in Mittelosteuropa koordiniert – heute leitet Luisa Rath-John das Goethe-Institut in Los Angeles. Warum ihr das Studium der Kulturwissenschaften die Welt geöffnet hat und welche Herausforderungen sie in Los Angeles fern der Filmkulissen meistert, erzählt sie hier. Außerdem gibt sie aktuellen Studierenden Tipps für die internationale Karriere.
Am Tag des Gespräches sitzt Luisa Rath-John morgens in ihrem sonnendurchfluteten Haus in Los Angeles, in Frankfurt (Oder) ist es schon dunkel. Vor ihr liegen ein Treffen mit deutschen Honorarkonsul*innen aus dem Umland, ein Online-Termin mit Kolleg*innen in New York, und ein Jour Fixe mit ihrem Team. Dazwischen lange, teils anstrengende Autofahrten durch die kalifornische Metropole. Es ist ein typischer Tag für Luisa Rath-John, seit sie 2024 die Leitung des Goethe-Instituts in L.A. übernommen hat. Dass sie einmal eine internationale Karriere machen und sich in immer neuen Ländern einleben wird, war für die Ostbrandenburgerin lange unvorstellbar. „Ich war sehr in meinem direkten Umfeld verhaftet“, erinnert sie sich und nennt damit einen der Gründe dafür, an der Viadrina Kulturwissenschaften zu studieren. Für ihren verpflichtenden Auslandsaufenthalt wählte sie ein Praktikum in Südafrika: „Für mich hat sich während des Bachelorstudiums die Welt geöffnet.“ In Südafrika habe sich etwas gelöst und sie habe gemerkt, dass sie noch viel mehr von der Welt entdecken will.
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Sie blieb an der Viadrina, studierte im Master „Literaturwissenschaft: Ästhetik - Literatur - Philosophie“ und ging noch einmal für ein Auslandsjahr nach Südafrika. Spätestens jetzt war klar: Sie will nicht nur auf Reisen sein, sie möchte in anderen Ländern leben – „mit allem, was das mit sich bringt“. Der Einstieg in die internationale Berufswelt gelang ihr mit einem Volontariat beim Goethe-Institut in München, es folgten Stationen in Tel Aviv und Prag. Nach einer privaten Auszeit mit ihrem südafrikanischen Mann und dem heute zweieinhalbjährigen Sohn stand mit der Leitung des Instituts in Los Angeles die jüngste Herausforderung an.
Die verheerenden Feuer in L.A. im Januar 2025, die zweite Amtszeit Trumps, Razzien der Einwanderungsbehörde ICE, immer neue diplomatische Skandale von Venezuela bis Grönland – es sind politisch und gesellschaftlich aufreibende Zeiten für einen Job in den USA. Ein Grund mehr für Kulturaustausch findet Luisa Rath-John. „Gerade jetzt merkt man, was für eine wichtige Rolle wir haben. Wenn es auf politischer Ebene schwieriger ist im Austausch zu bleiben, halten wir Kanäle offen und haben die Möglichkeit, Menschen miteinander in Verbindung zu bringen“, so ihre Grundauffassung von der Arbeit im Goethe-Institut. Ja, es gehe auch um Deutschkurse und die Vermittlung deutscher Kultur. Vor allem sieht Luisa Rath-John ihre Aufgabe aber darin, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen und gemeinsam und kreativ neue Dinge entstehen zu lassen.
Ein Beispiel dafür ist das Projekt des Neighborhood Interpretive Center. Abseits der Palmen am Venice Beach und den Villen von Pacific Palisades liegt das Institut in einem „durchaus anspruchsvollen Viertel“, wie Luisa Rath-John es ausdrückt. Obdachlosigkeit, Drogen, Gangs gehören hier zum Alltag. Als das Institut 2021 hier hingezogen ist, war klar: „Wir können hier nicht wie so ein UFO landen und keine Anbindung haben an das, was drum herum ist.“ Zumal die diverse Umgebung auch ein „unglaubliches kreatives Potenzial“ habe, das es gelte einzubeziehen. Kooperationen mit lokalen Künstler*innen und Aktivist*innen gehören deshalb genauso zur Arbeit des Instituts wie ein deutsches Film- oder Diskursprogramm. Auch 2026 wird es am Goethe-Institut L.A. wieder neue Projekte mit Akteur*innen aus der Nachbarschaft geben. Außerdem freut sich die Institutsleiterin auf ein Großprojekt zu 50 Jahren Punk und die nächste Auflage des jährlichen German Currents Film Festivals, das 2026 bereits seinen 20. Geburtstag feiert.
Dass es im Goethe-Institut nicht nur darum geht, deutsche Kultur zu vermitteln, sondern Platz zu schaffen für freie Kunst und kritisches Fragestellen sowie die Zusammenarbeit mit diversen Gruppen, ist Luisa Rath-John wichtig. Mit Sorge beobachtet sie, wie sich nach den ICE-Razzien auch die Nachbarschaft des Instituts ändert. Straßenhändler sind kaum noch unterwegs, sie wurden verhaftet, abgeschoben oder haben einfach Angst, auf die Straße zu gehen. Auf der anderen Seite gebe es viele große und kleine Kultureinrichtungen, die sich vom Anti-Diversitätsdruck unter Trump nicht einschüchtern lassen und Freiräume ermöglichen und nutzen. Auch das Goethe-Institut gehört dazu, etwa als es zu einer Veranstaltung mit Laurentia Genske eingeladen hat. An dem Gespräch zum Film „Zuhurs Töchter“ über zwei syrische Trans-Mädchen war auch eine Gruppe beteiligt, die sich für queere Themen in der Latino-Community einsetzt. „Das fühlte sich schon heikel und zugleich sehr wichtig an, wenige Wochen nach Trumps DEI-Dekreten“, erinnert sich die Viadrina-Absolventin und nimmt Bezug auf Trumps Initiative, Bemühungen um Diversität, Gleichstellung und Inklusion einzuschränken.
Einige Jahre wird Luisa Rath-John voraussichtlich noch in Los Angeles bleiben, bevor es entsprechend dem Rotationsprinzip vom Goethe-Institut zur nächsten Station geht. Doch solche langfristigen Pläne macht sie erstmal nicht. Den Kontakt in die Ostbrandenburger Heimat hält sie währenddessen über Video-Telefonate, auch wenn die Zeitschienen dafür – zwischen Sonnenaufgang am Pazifik und Sonnenuntergang an der Oder – klein ist.
Drei Fragen an Luisa Rath-John
Was haben Sie im Studium an der Viadrina gelernt, was Ihnen noch heute nützt?
Die Flexibilität im Denken! Dass ich mich gut in neue Dinge einlesen und eindenken kann und kreativ an Aufgabenstellungen herangehe. Das ist fast wichtiger als die Inhalte, die ich mitgenommen habe. Die haben mir aber auch schon weitergeholfen, etwa in Prag, wo wir bestimmte Autoren, die ich im Studium gelesen habe, für Veranstaltungen eingeladen haben.
Und auf welche Aspekte Ihrer internationalen Karriere konnte Ihr Studium Sie nicht vorbereiten?
Mit bürokratischen Fragen hatte ich im Studium wenig Berührungspunkte; die machen aber immer mehr unsere Arbeit aus und schränken uns in gewisser Weise ein. Auch in einer Leitungsfunktion zu sein, habe ich in praktischen Situationen gelernt und lerne es weiterhin. Eine große Offenheit für andere Kulturen habe ich im Studium durchaus kennengelernt. Aber das dann lebenspraktisch zu erfahren, ist nochmal etwas ganz Anderes. Was es bedeutet in ein anderes Land zu ziehen, mit welchen Herausforderungen man zu tun hat aber auch was für eine Bereicherung und ein Glück das darstellt, das muss man selbst erleben.
Was raten Sie heutigen Studierenden, die von einem internationalen Werdegang träumen?
Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist, dass man Spaß hat, an dem was man tut, dass man Leidenschaft mitbringt – und eine gewisse Leichtigkeit! Als ich mich am Goethe-Institut für das Volontariat beworben habe, war ich sehr locker, weil ich dachte: Es ist nicht dramatisch, wenn sie dich nicht nehmen. Diese Einstellung hat mir bislang gutgetan. Gerade in der heutigen Zeit gibt es so viele Möglichkeiten und Wege, dass man sich nicht zu verkrampft nur auf eine Möglichkeit fokussieren sollte. Experimentierfreude und Leichtigkeit sind essenziell, um ein Gefühl von Erfolg zu haben.
Frauke Adesiyan
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