KI-Simulation ermöglicht Zeitreise in Leipziger Nikolaikirche zu Bachs Zeiten
Die Leipziger Nikolaikirche, wie sie Johann Sebastian Bach als Kantor in den 1720er-Jahren gesehen hat, ist durch eine virtuelle Rekonstruktion wieder erlebbar. Die computersimulierte Zeitreise wird möglich durch ein interdisziplinäres Projekt von dem Bach-Forscher Prof. Dr. Alexander Grychtolik (Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar), Prof. Dr. Paul Zalewski, Professor für Denkmalkunde an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), und der Visualisierungs-Firma Arte4D.
Gemeinsam haben sie das Innere der Nikolaikirche virtuell rekonstruiert, wie es sich zu Bachs früher Leipziger Zeit darbot. Im Gegensatz zum heutigen Aussehen der Kirche mit ihren markanten, palmenförmigen Säulen bot der Innenraum zu Bachs Zeit ein historisch gewachsenes, durch verschiedene Bau-Epochen geradezu buntes Bild. Der damalige Zustand ist durch erhaltene Abbildungen, Baupläne und Beschreibungen dokumentiert. Die heutige Anmutung des Kircheninnenraums, die vor allem als Schauplatz der „Friedlichen Revolution“ 1989 bekannt ist, geht auf den klassizistischen Umbau zwischen 1784 und 1797 durch den Stadtbaumeister Johann Carl Friedrich Dauthe zurück.
Rekonstruierte Einblicke in die Nikolaikirche
„Mit dieser virtuellen Rekonstruktion können wir erstmals die reellen Aufführungs-bedingungen Bachs, also sowohl die Platzverhältnisse auf der Musiker- und der Orgelempore als auch die akustischen Verhältnisse grundlegend nachvollziehen“, erklärt der Dirigent und Bach-Forscher Alexander Grychtolik, der das Projekt initiiert hat. Paul Zalewski betont: „Bei der Generierung der komplexen 3D-Modelle für die Visualisierung vieler Details konnten wir durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz die Hälfte der Zeit einsparen. Allerdings kommt dem Menschen bei solchen Vorhaben, die wissenschaftliches Neuland betreten, weiterhin die führende Rolle zu.“
Die Visualisierungen, die durch die Dresdner Firma Arte4D in Kooperation mit dem Architekturhistoriker Dr. Tobias Knobelsdorf umgesetzt wurden, sollen im Masterstudiengang Schutz Europäischer Kulturgüter an der Viadrina bei der Vermittlung von Kirchenbaugeschichte didaktisch eingesetzt werden. Zusätzlich ist geplant, sie bei Bach-Konzerten zu präsentieren, um das Publikum virtuell in die Rolle damaliger Gottesdienstbesucher*innen zu versetzen.
Das Projekt wurde von der Sutor Stiftung (Hamburg) und von der Aventis Foundation (Frankfurt am Main) gefördert.
Hintergrund Nikolaikirche und Bach
Die Leipziger Nikolaikirche ist nicht nur ein herausragendes Baudenkmal und Ort der Demokratiegeschichte, sondern hat als ehemaliger Wirkungsort Johann Sebastian Bachs von 1723 bis 1750 eine musikgeschichtlich herausragende Stellung. Hier führte Bach erstmals seine Johannes-Passion, das Weihnachts-Oratorium sowie viele seiner in Leipzig entstandenen Kantaten auf.
Projektbeteiligte
Prof. Dr. Paul Zalewski studierte Kunstgeschichte und Denkmalpflege an der Nikolaus-Kopernikus-Universität Toruń (Polen), bevor er für ein Aufbaustudium Denkmalpflege an die Universität Bamberg kam. Im Jahr 2000 promovierte er am Fachbereich Architektur der Technischen Universität Berlin und arbeitete anschließend als Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Baudenkmalpflege an der Bauhaus-Universität Weimar. Nach einer Juniorprofessur für Bauforschung und Denkmalpflege an der Leibniz Universität Hannover kam er an die Europa-Universität Viadrina, wo er seit 2009 die Professur für Denkmalkunde innehat und den Masterstudiengang Schutz Europäischer Kulturgüter leitet.
www.kuwi.europa-uni.de/de/professuren-mitarbeitende/denkmalkunde/index.html
Prof. Dr. Dr. Alexander Grychtolik studierte Architektur an der Bauhaus-Universität Weimar und Musik an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar sowie am Königlichen Konservatorium in Brüssel. Er promovierte 2010 im Bereich Denkmaltheorie an der Bauhaus-Universität in Weimar und 2022 im Fach Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Seit 2021 ist er Honorarprofessor an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar und seit 2024 Visiting Researcher an der Sacred Heart University in Tokio. Neben seiner internationalen Konzerttätigkeit als Cembalist und Dirigent forscht er musikwissenschaftlich zu Bach und historischen Konzertsälen und beschäftigt sich mit historischer Improvisation.
www.grychtolik.com
Arte4D ist seit mehr als 20 Jahren spezialisiert auf die Visualisierung historischer Architektur zur Veranschaulichung von Geschichte in Publikationen, Ausstellungen und auf Webseiten. Grundlagen der Arbeit sind neben Bauplänen die Auswertung historischer Inventare und anderer Quellen, auch in Verbindung mit eigenen Archivrecherchen, sowie deren Interpretation. Geschäftsinhaber Andreas Hummel hat den Beruf des Bau- und Möbeltischlers im VEB Denkmalpflege Dresden gelernt und an der TU Dresden Architektur studiert. In langjähriger Arbeit hat er sich mit der Rekonstruktion mittelalterlicher Wehranlagen und barocker Stadträume beschäftigt und eng mit Historiker*innen und Architekt*innen zusammengearbeitet.
https://arte4d.de/start.html
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