Von der Nothilfe zur akademischen Begegnung auf Augenhöhe – Einsatz für gefährdete Wissenschaftler*innen an der Viadrina
Am 18. Mai 2026 startet die Berlin-Brandenburg Academic Freedom Week, mitorganisiert von der Europa-Universität Viadrina. In zahlreichen Veranstaltungen geht es um die vielfältigen Bedrohungen akademischer Freiheit. Auch an der Viadrina arbeiten bedrohte Wissenschaftler*innen, gefördert unter anderem durch die Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung. Ihre Unterstützerinnen an der Viadrina suchen den akademischen Austausch – und sehen auch in Deutschland die Wissenschaftsfreiheit bedroht.
Wissenschaftler*innen, die aus politischen Gründen nicht mehr forschen dürfen, engagierte Studierende, die vom Studium ausgeschlossen werden, Drohungen, Verhaftungen: Solche Erfahrungen bringen Forschende mit, die beispielsweise mit Stipendien der Philipp Schwartz-Initiative nach Deutschland kommen. Sie haben in ihrer Heimat auf verschiedene Weise erlebt, wie die Einschränkung der akademischen Freiheit ihre privaten und beruflichen Leben beeinträchtigt. Davon berichten sie bei der Berlin-Brandenburg Academic Freedom Week unter anderem bei einer Podiumsdiskussion am 19. Mai, 9.30 Uhr. Wissenschaftler*innen aus Afghanistan, Belarus, Georgien, Palästina, der Türkei und dem Sudan sprechen über ihre persönlichen Erfahrungen ebenso wie über globale Herausforderungen für Wissenschaft, Meinungsfreiheit und akademische Freiheit. Die Viadrina wird dabei durch Dr. Liudmila Tsarova vertreten. Sie wird die Entwicklung von den Reform- und Öffnungshoffnungen der 1990er-Jahre bis zur heutigen Situation in Belarus reflektieren – dem Land, das laut Academic Freedom Index inzwischen zu den Staaten mit den weltweit stärksten Einschränkungen akademischer Freiheit zählt.
Humboldt-Stfitung
In den vergangenen fünf Jahren haben fünf Stipendiat*innen der Philipp Schwartz-Initiative für gefährdete Wissenschaftler*innen an der Viadrina gearbeitet. Neben Belarus kommen sie aus der Türkei und der Ukraine. „Idealerweise verbinden Programme für gefährdete Wissenschaftler*innen Solidarität mit den Forschenden und wissenschaftlichen Mehrwert“, beschreibt Martina Cors vom Welcome Center der Viadrina den Anspruch. Von ihrer Arbeit mit den Stipendiat*innen an der Viadrina weiß sie, dass Programme besonders dann ihre volle Wirkung entfalten, wenn Unterstützung und Austausch in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. „Dann entsteht eine klare Win-win-Situation: Die geförderten Forschenden erhalten ein fruchtbares Arbeitsumfeld und neue Perspektiven, während die Viadrina durch zusätzliche Expertise, internationale Vernetzung und eine stärkere Diversität in Forschung und Lehre nachhaltig gewinnt“, so ihre Einschätzung.
Eine Erfahrung, die Prof. Dr. Annette Werberger als Gastgeberin für ukrainische Forscherinnen bereits mehrfach gemacht hat. Zu Beginn der Vollinvasion Russlands in die Ukraine 2022 stand für die Professorin für Osteuropäische Literaturen im Vordergrund, möglichst vielen Ukrainer*innen auf der Flucht zu helfen. Bald rückte aber ein wissenschaftliches Interesse in den Vordergrund. „Für mich hat sich schnell herauskristallisiert: Die Wissenschaftlerinnen, die zu uns kommen, befördern unheimlich den wissenschaftlichen Dialog – gerade in deutsch-ukrainischen Themen. Was mich antreibt, ist also auch, die Ukrainestudien hier an der Viadrina zu stärken. Mit den Menschen kommt so viel guter Input und hochkarätiges Wissen.“ Als größte Herausforderung sieht sie, genauso wie Martina Cors, die mangelnde Durchlässigkeit des deutschen Wissenschaftssystems. Läuft ein Stipendium aus, ist es oftmals schwierig für geflüchtete Wissenschaftler*innen, auf Dauer Fuß zu fassen. Ein konkreter Weg, in deutschen Forschungsstrukturen anzukommen, ist das vom Bundesforschungsministerium geförderte Projekt European Times (EUTIM), das Annette Werberger mitleitet. Durch die dort bestehenden Strukturen und die Unterstützung von Doktorand*innen konnte einer ukrainischen Stipendiatin ermöglicht werden, „weich zu landen“, wie es Annette Werberger nennt. Was bleibt, sind die großen Unsicherheiten bei den Forschenden aus der Ukraine. „Für sie ist es sehr schwer zu planen; sie sind in der Jetzt-Zeit gefangen, können die Situation zu Hause nicht einschätzen und hangeln sich von einem Stipendium zum anderen.“
Prof. Dr. Kira Kosnick, Inhaberin der Professur für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Viadrina, arbeitet seit Jahren mit Forscher*innen aus der Türkei zusammen, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu den „Academics for Peace“ und ihres Engagements für eine friedliche Lösung im Kurdenkonflikt verfolgt wurden. Doch die Bedrohung der akademischen Freiheit sieht Kira Kosnick auch ganz akut in Deutschland. „Ich bin selbst schon aufgrund meiner wissenschaftlichen migrationsbezogenen Arbeit zum Ziel von Hassrede geworden und kenne Kolleg*innen auch in Deutschland, die konkret bedroht wurden. Ich halte Wissenschaftsfreiheit auch hier für ein bedrohtes Gut“, betont sie. In der Zusammenarbeit mit geflüchteten Forschenden hält sie eine Begegnung auf Augenhöhe für besonders wichtig. Sie sagt: „Entscheidend ist, ihre wissenschaftlichen Leistungen anzuerkennen, langfristige Perspektiven an deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen zu schaffen und Wissenschaftsfreiheit als ein Gut zu begreifen, für dessen Schutz wir uns überall – auch in Deutschland – einsetzen müssen.“
Frauke Adesiyan
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