Mit Legosteinen und Hundefotos – Viadrina präsentiert Forschung beim Potsdamer Tag der Wissenschaften

Potsdam, 

Tausende wissenschaftsinteressierte Menschen kamen am 9. Mai 2026 auf den Campus Golm, um beim Potsdamer Tag der Wissenschaften zu erleben, woran an den Forschungseinrichtungen des Landes gearbeitet wird. Auch die Viadrina war mit einem umfangreichen Programm vertreten. In Vorträgen und Workshops berichteten Wissenschaftler*innen über ihre Forschungsprojekte und kamen mit den begeisterten Besucher*innen ins Gespräch.

Am Viadrina-Stand im Forschungscamp wurden an diesem Tag mit Legosteinen Wohnzimmer nachgebaut, Fantasy-Videospiele gezockt und süße Hundebilder bestaunt. Was für viel gute Laune und Andrang am Zelt der Europa-Universität sorgte, hatte dabei immer seinen Ausgangspunkt in der Wissenschaft. Von Familien mit Kindern über Studieninteressierte bis zu Senior*innen ließen sich zahlreiche Gäste auf die Einblicke in die Forschung an der Viadrina ein.

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Spielerisch die eigene Handynutzung hinterfragen

Dem älteren Bruder steckt die zwölfjährige Besucherin das Handy kurzerhand direkt auf den Kopf, ihre eigene Figur platziert sie auf der Legoplatte nah an den Baustein, der für ihr Smartphone steht, und bei ihrer Mutter purzelt der Handy-Stein gleich von der Platte – so unwichtig ist ihr das Gerät. Prof. Dr. Lauri Wessel, Professor für Informationsmanagement und digitale Transformation an der European New School (ENS), lässt die Besucher*innen mithilfe von Legosteinen nachbauen, welchen Platz das Handy in ihrem Alltag einnimmt und kommt so mit ihnen ins Gespräch über Social-Media-Verbote, sinnvolle Medien-Regeln und familiäre Konflikte, ganz getreu dem Titel seines Workshops „Jetzt leg‘ doch mal das Handy weg“ – Die Nutzung von Smartphones im Familienalltag“. Immer neue Interessierte setzen sich dazu, fragen den Viadrina-Wissenschaftler nach seiner Forschung und erzählen von ihren ganz unterschiedlichen Nutzungsgewohnheiten. Für Wessel, der für seine Forschung über Handynutzung Familien-Interviews führen möchte, sind das interessante Einblicke – mit einigen Überraschungen darüber, wie reflektiert und kritisch viele junge Besucher*innen sind, wenn es beispielsweise um die Nutzung von Social Media geht.

Von Max Weber bis zu Fantasy-Bossen

Auch bei den späteren Programm-Punkten am Viadrina-Stand bleibt es spielerisch. Mit großer Freude kämpft sich ein Besucher auf dem großen Bildschirm durch die Fantasy-Welt des Videospiels Elden Ring, während der Wirtschaftssoziologe Prof. Dr. Sascha Münnich an immer neuen Beispielen erklärt, wie Videospiele und die echte Welt einander reflektieren. Mit Elden Ring beschreibt er, wie das Videospiel die Arbeitswelt spiegelt. „Die Handlungslogik ist sehr nah an Arbeitsabläufen; es geht um Selbstoptimierung. Alles ist lösbar, wenn man nur lange genug daran arbeitet“, sagt er, während der Video-Spieler gerade von einem scheinbar übermächtigen „Boss“ in Grund und Boden verprügelt wird. Wenn er weiter übe und lerne, werde er ihn schlagen können, ist Münnich überzeugt. „Man wird spielerisch zu einem systematischen, durchorganisierten Arbeiten im Sinne von Max Weber gezwungen“, schlägt Sascha Münnich den Bogen vom Videospiel zur Wirtschaftssoziologie. Videospiele, so seine These, nutzen typische Mechanismen der Weltbegegnung, etwa durch das Charakter-Leveling, also die konsequente Verbesserung von einzelnen Fähigkeiten und Eigenschaften. Zudem bilden die Spiele ab, wie das wirtschaftliche Miteinander im Kapitalismus funktioniere. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Videospiel-Logik längst in vielen Bereichen Einzug gehalten hat: von der Lern-App für Schüler*innen über Ernährungsapps bis hin zur Mental-Health-App. Bei solchen Anwendungen für das mentale Wohlbefinden wird „die mentale Problematik zum Superschurken“, den Nutzer*innen mit bestimmten Verhaltensweisen bekämpfen sollen.

Paradiplomatie und neue innerdeutsche Grenzziehungen

Während am Stand im Forschungscamp immer neue Interessierte zu den Workshops stoßen, stellen zwei Viadrina-Forscherinnen im Hörsaal ihre Forschungsprojekte ausführlich vor. Den Anfang macht PD Dr. Carolin Leutloff-Grandits, die zusammen mit Kolleg*innen in dem Projekt „Ein immer noch geteilter Himmel“ Verflechtungen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze erforscht. Mit anthropologischen Methoden nähern sie sich in sechs Dörfern der Frage, welche Bedeutung die frühere Grenze aktuell hat, wie die Transformation in den vergangenen Jahrzehnten ablief und welche neuen Grenzziehungen heute eine Rolle spielen.

Dr. Susann Worschech spricht im Anschluss über deutsch-ukrainische Städtepartnerschaften und fragt: Kann kommunale Außenpolitik zum Frieden in Europa beitragen? Sie erforscht in ihrem Projekt „Paradiplomacy: Soft power in heavy shelling“ mit polnischen und ukrainischen Partner*innen, welche Rolle die sogenannte Paradiplomatie in Form von Städtepartnerschaften unter dem Eindruck des russischen Krieges gegen die Ukraine spielt.

Echt oder nicht – das ist nicht mehr die Frage

Als Prof. Dr. Charlotte Köhler beim letzten Viadrina-Programmpunkt erklärt, wie Künstliche Intelligenz lernt und warum sie mitunter beängstigend ist, müssen immer mehr Stühle für die vielen Interessierten geholt werden. Im Dialog mit den Besucher*innen beschreibt die Juniorprofessorin für Business Analytics, woran KI einen Hund erkennt und warum Golden Retriever dabei eine besondere Rolle spielen. Sie verdeutlicht, dass das schwer Greifbare von KI darin bestehe, dass die Arbeitsweise kaum zu durchschauen ist: „Deep Learning ist der Moment, wo KI gruselig wird. Wir kennen den Algorithmus nicht; die Netzwerke sind viel zu groß, um sie zu durchschauen.“ Gleichzeitig ist es Charlotte Köhler wichtig zu betonen, dass KI das Konzept von Wissen nicht verstehe, sondern Large Language-Modelle wie ChatGPT rein auf der Wahrscheinlichkeit von Satzfolgen beruhen. Mit Fehlern müssen die Nutzer*innen permanent rechnen und Kreativität sei nicht zu erwarten, auch wenn KI-Antworten manchmal so erscheinen. „Wir unterschätzen die Menge an Daten, auf die die KI zurückgreift. Wir halten es dann für kreativ, weil wir es noch nicht gesehen haben.“

Als sie jungen Besucher*innen im Anschluss an den Workshop Hundebilder vorlegt, mit der Frage, welche echt und welche KI-generiert sind, liegt die Trefferquote im Zufallsbereich. „Wir können heute alles generieren, was wir wollen. KI-Bilder sind nicht mehr zu erkennen. Dadurch entstehen falsche Wahrheiten und jede Menge Unsicherheit“, sagt Charlotte Köhler und erinnert an viele Bereiche, in denen Fotos bisher als Beweismittel dienten. Um die Besucher*innen nicht desillusioniert nach Hause gehen zu lassen, verweist sie auf das von ihr initiierte Fake News-Festival vom 18. bis 20. Juni an der Viadrina, das der Desinformation aus vielen verschiedenen Perspektiven begegnen will.

„Das war ja jetzt mal richtig interessant“, sagt eine ältere Besucherin zu ihrem Mann, als sie Arm in Arm das Viadrina-Zelt verlassen.

Frauke Adesiyan

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