Vom Klang der Klassenunterschiede – Postdoc-Preis des Landes Brandenburg geht an Dr. Jana Maria Weiß
Wie klingt Klasse? Was sagen Geräusche und ihre Wahrnehmung über soziale Ungleichheit und Zugehörigkeit aus? Damit hat sich die Literaturwissenschaftlerin Dr. Jana Maria Weiß in ihrem Aufsatz „Class Listening mit Deniz Ohde. Über Sound, Klasse und Affekt in der Gegenwartsliteratur“ beschäftigt. Für diesen Beitrag zum Sammelband „Klassen. Gefühle. Erzählen“ wird sie am 9. Mai 2026 mit dem Postdoc-Preis des Landes Brandenburg ausgezeichnet. Im Interview erzählt sie, wie ihr Zugang zur Literaturanalyse auch beim Verstehen gesellschaftlicher Diskurse helfen kann.
Frau Weiß, Sie sind eine der Herausgeberinnen des Bandes „Klassen. Gefühle. Erzählen. Affektordnungen des Sozialen in der Gegenwartsliteratur“. Was hat Sie an diesem Thema interessiert?
Das Sprechen über Klasse hat in der Gegenwartsliteratur aktuell Konjunktur. Lange schien Klasse kein Thema mehr zu sein, aber das hat sich in den vergangenen Jahren ausgehend von Frankreich stark verändert. Man denke an Namen wie Didier Eribon, Édouard Louis und Annie Ernaux, die 2022 den Nobelpreis bekommen hat. Auch in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur rückt soziale Ungleichheit vermehrt in den Fokus. Mit dem Sammelband wollen die Germanist*innen Sophie König, Lara Tarbuk, Robert Walter-Jochum und ich diese Entwicklung breit sichtbar machen. Dabei beleuchten wir einen neuen Aspekt: Uns ist aufgefallen, dass Emotionen in literarischen Texten, in denen es um Klasse und soziale Herkunft geht, omnipräsent sind – vom Genre der Autosoziobiografie bis zur Kinder- und Jugendliteratur. Die im Band versammelten Aufsätze untersuchen, wie Affekte literarische Klassenerzählungen prägen.
Heide Fest
In Ihrem Beitrag zu dem Sammelband verbinden Sie Emotionen und Klasse mit Sound. Was steckt hinter diesem Ansatz?
Ich zeige an dem Roman „Streulicht“ von Deniz Ohde, dass Gefühle auch in Klassenerzählungen eine Rolle spielen, wo sie sich eher leise in die Texte einschleichen. Ich untersuche, wie Klasse nicht nur auf einer thematischen Ebene verhandelt, sondern auch fühlbar gemacht wird – konkret akustisch fühlbar. Dabei verbinde ich die literaturwissenschaftliche Textanalyse mit Ansätzen aus den Sound Studies. Mit diesem Class Listening untersuche ich, wie Klassenunterschiede in literarischen Texten hörbar gemacht werden – auf der Ebene von Stimmen und Geräuschen, aber auch im Schweigen. Ich möchte zeigen, wie Sound und Tonlagen in literarischen Texten soziale Gefühls- und Klassenlagen vermitteln.
Können Sie dafür ein konkretes Beispiel aus dem Roman beschreiben?
Der Roman eröffnet mit einer eindrücklichen Szene. Die Erzählerin führt uns in eine Umgebung, die sie als sehr friedlich beschreibt. Es ist still, man hört leises Rauschen, ein Brummen, angenehme, weiche Geräusche. Wenige Seiten später erfahren wir dann, dass wir mit der Protagonistin gerade eine Industrie-Siedlung betreten haben. Die Geräusche, die sie beschrieben hat, waren das Brummen einer Industrieanlage, der Straßenverkehr von der A66 und das Rauschen einer nahegelegenen Kläranlage. So zeigt dieser literarische Text, dass es nicht nur klassenprägend ist, wie Geräusche präsent sind in der Welt, also beispielsweise Orte mit hoher Lärmbelastung, sondern auch, wie man das hört. Materielle Ungleichheit wird körperlich erlebt und sie hat körperliche Folgen. Durch die Ohren der Erzählerin nehmen wir die Geräusche wahr wie jemand, für den die gesundheitsgefährdende „noise pollution“ erschreckend normal ist. Aber auch Stimmlautstärken haben etwas mit Herkunft zu tun: Der Roman erzählt einen recht brüchigen Bildungsaufstieg. Die Protagonistin geht an die Uni, studiert, fühlt sich aber nie wirklich zugehörig. Ihr wird auf diesem Weg oft gesagt, sie würde zu leise und zu zurückhaltend sprechen. Der Roman zeigt so auch, dass man die Klasse nicht einfach wechselt wie einen Radiosender oder indem man sich einen elitären, klassischen Musikgeschmack zulegt, sondern dass sie habituell verankert ist.
Wie kamen Sie auf die Idee, sich die Klassen-Literatur aus dieser Sound Studies-Perspektive anzuschauen?
Ich finde es interessant, dass die Literaturwissenschaft dadurch, dass sie textbasiert ist, Akustisches oft ausblendet. Mir war es immer ein Anliegen, zu zeigen, dass in unserem vermeintlich stummen Textmaterial eigentlich ganz viel mitklingt, selbst wenn wir leise lesen. Klang ist in der Literaturwissenschaft außerdem oft in einem rein ästhetischen Sinne beachtet worden. Ich habe meinen Ansatz ganz bewusst Class Listening genannt, um zu betonen, dass Klänge in literarischen Texten auch eine gesellschaftliche Dimension haben. Sound und Geräusche sind – auch in der Literatur – nie rein ästhetisches Klangmaterial. Sie sind eingebunden in soziale Ordnungen und haben eine soziale Geschichte. Deswegen tragen Geräusche auch Affekte sozialer Ungleichheit mit sich.
Beschäftigt Sie die Verbindung von Sound und Klasse auch über den nun ausgezeichneten Aufsatz hinaus?
Gerade interessiere ich mich sehr für Stimmlosigkeit, also eher die andere Seite des Sounds. Ich habe mich zum Beispiel mit Stimme und Stimmlosigkeit bei Autorinnen im 19. Jahrhundert beschäftigt und lehre auch dazu. Weibliche Stimmen werden in der Literatur des 19. Jahrhunderts oft auf ihre ästhetische Dimension reduziert. Für die Autorinnen ist Stimme aber auch ein zentrales politisches Medium – ein Medium für gesellschaftliche Teilhabe und Mitbestimmung in der Demokratie. Gerade in der Gegenwart, in der immer wieder deutlich wird, dass Leute sich nicht gehört fühlen, sollten wir uns fragen: Was heißt das eigentlich? Woher kommt dieses Gefühl, ungehört zu bleiben oder keine Stimme zu haben?
Offensichtlich interessiert Sie nicht allein die Literatur an sich, sondern auch die gesellschaftlichen Fragen, für die sie steht …
Ja, auf jeden Fall. Deswegen unterrichte ich auch so gerne hier in der Kulturwissenschaft. Es ist für mich total spannend, dass die Studierenden das hier direkt mitdenken. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, dass unser Gegenstand im Seminar nicht nur der Text ist, der zwischen den Buchdeckeln steckt, sondern auch Cover, Paratexte, Verlagsgeschichte und die gesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen Literatur entsteht.
In unserem Sammelband sprechen wir bewusst vom Erzählen. Erzählt wird ja nicht nur in der Literatur. Überall, wo heute über soziale Ungleichheit gesprochen wird, werden Erzählungen erzeugt. Wenn wir auf die Vermögenssteuer schauen: Für die einen entspringt die Forderung danach einer Neidkultur oder Missgunst. Andere sprechen von schockierender Ungleichheit. Das heißt: Soziale Ungleichheit ist eine messbare Realität; aber in dem Moment, in dem sie gesellschaftlich adressiert wird, wird immer auch erzählt – und das in unterschiedlichen Tonlagen. Auch das steckt hinter Class Listening: dass man auf diese Tonlagen achtet, auf Schweigen und auf Redeanteile. Wer spricht? Wie laut? Und wer bleibt dafür stumm? Das kann man nicht nur auf Literatur anwenden, sondern das ist eine interdisziplinäre Methode, die auch dazu einlädt, literaturwissenschaftliche Kompetenzen bei der Analyse von gesellschaftlichen Diskursen einzusetzen.
Ihre Arbeit wird nun mit dem Postdoc-Preis ausgezeichnet, der mit 20.000 Euro Preisgeld verbunden ist. Wie wichtig ist Ihnen diese Anerkennung?
Die Auszeichnung freut mich sehr, weil sie Aufmerksamkeit für ein Thema erzeugt, das mir ein großes Anliegen ist. Gerade jetzt, wo sich soziale Ungleichheit immer weiter verstärkt, ist es wichtig, sich über Klassenfragen Gedanken zu machen. Der Preis ist ein Anlass, über Klasse zu sprechen. Wenn das Menschen dazu anregt, sich mit sozialer Ungleichheit zu beschäftigen oder einen der Romane zu lesen, wäre das aus meiner Sicht ein großer Gewinn.
Mir als Wissenschaftlerin eröffnet der Preis außerdem tolle Wege, die geleistete Forschung weiterzuentwickeln. Wie immer entstehen aus einer Publikation zehn neue Ideen. Mit dem Preisgeld kann ich davon jetzt einige umsetzen: Ich möchte gerne Workshops zum Thema Sound und Literatur organisieren, aber auch mit Leuten aus anderen Disziplinen weiter über Gefühle nachdenken, die im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit eine große Rolle spielen – wie zum Beispiel der Neid. Außerdem würde ich gern auf Archivreise gehen, um das Thema Klasse und Klang historisch zurückzuverfolgen.
Zur Person
Dr. Jana Maria Weiß ist Germanistin und erforscht aus interdisziplinärer Perspektive vor allem deutschsprachige Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts. Seit April 2025 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration an der Viadrina. Zuvor hat sie ihre Promotion zu Paul Celans Poetik der Mehrsprachigkeit an der Freien Universität Berlin abgeschlossen.
Die Forschungsinteressen von Jana Maria Weiß reichen von literarischer Mehrsprachigkeit und Übersetzung über Affekttheorie bis hin zu Sound Studies. In verschiedenen Projekten beschäftigt sie sich mit Archiven und Mediengeschichte, insbesondere der jungen Bundesrepublik. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit schreibt sie essayistische Texte und ist als Herausgeberin und Übersetzerin von Gegenwartslyrik tätig.
Frauke Adesiyan
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