Zwischen Theorie und Realität: ENS-Studentin forscht und publiziert zur Überwachung in Hongkong

Frankfurt (Oder), 

Penny Prinz ist Studentin an der European New School of Digital Studies und veröffentlicht im Mai ihr erstes Buch mit dem Titel: „nach der Revolte – Ein Reisebericht zu Überwachung und Widerstand in Hongkong“. Die Autorin veröffentlicht ihr Buch aus Datenschutzgründen unter Pseudonym. Im Interview spricht sie darüber, wie sie sich wissenschaftlich und persönlich mit dem Thema auseinandergesetzt hat – und warum sie künftig zu Überwachung in Deutschland forschen und dazu promovieren will.

Frau Prinz, Sie haben dieses Buch bereits als Studentin geschrieben. Wie sind Sie während Ihres Studiums auf das Thema Hongkong, Überwachung und Widerstand aufmerksam geworden? Gab es einen konkreten Auslöser oder ein Seminar, das Sie besonders geprägt hat?

Ich habe bereits vor meinem Studium politische Arbeit zum Thema Überwachung gemacht; beispielsweise habe ich vor ein paar Jahren das Kollektiv „Skills for Utopia“ gegründet, das Trainings zur digitalen Sicherheit für Aktivist*innen anbietet, sowie das @all-Kollektiv für digitalsensible Bildung. Daneben habe ich freiberuflich als Trainerin in dem Themenfeld gearbeitet, und Broschüren zu verschiedenen Überwachungsthemen beim Verein Digitalcourage publiziert – zuletzt zum „Staatstrojaner“. Für das Studium „Digital Entrepreneurship“ an der ENS habe ich mich entschieden, um all diese Dinge, die ich da Leuten erkläre, selbst noch besser und in der Tiefe zu verstehen.

 

Autorin Penny Prinz

Studentin und Buchautorin: Penny Prinz

Auch Hongkong hat mich schon vor dem Studium interessiert – genau genommen, seitdem dort der große Aufstand war, also 2019. Mich hat beeindruckt, wie viele Menschen dort auf die Straße gegangen sind, welche Kraft der Protest hatte, und auch, wie die Demonstrierenden sich digitale Hilfsmittel zu Eigen gemacht haben, um sich besser zu organisieren – beispielsweise durch das Teilen von Live-Informationen über telegram-Kanäle. Und dann war da auf einmal Funkstille. Ich wollte wissen, wie die Situation dort jetzt ist: Ob es noch Proteste gibt, wie krass die Leute vor Ort überwacht werden, und ob sie schlaue Wege gefunden haben, mit der Überwachung umzugehen. Dass es dann ein Austauschprogramm mit einer Universität in Hongkong gab, war für mich ein glücklicher Zufall; ich wusste sofort, da will ich hin.

 

Welche Rolle hat Ihr Studium bei der Recherche und Einordnung der Ereignisse in Hongkong gespielt? Gab es theoretische Ansätze oder Methoden aus Ihrem Fach, die Ihnen beim Schreiben geholfen haben?

Ja, das Studium hat sicherlich in vielerlei Hinsicht geholfen: Vor dem Studium hatte ich nur wenig Berührungspunkte mit dem Fachgebiet Recht, und insbesondere Recht im Digitalen. Im Studium habe ich angefangen, Gesetze zu lesen und zu verstehen, und innerhalb eines politischen Rahmens zu begreifen – also, warum wird genau dieses Gesetz zu genau diesem Zeitpunkt verabschiedet; welche politischen Sorgen soll es aufgreifen und deckeln? All dieses Wissen hat mir in Hongkong geholfen. In Hongkong gibt es fast keine unabhängige Berichterstattung mehr, und mit Menschen über die politische Gesamtlage zu sprechen, ist extrem anspruchsvoll, da mittlerweile eigentlich alle Angst haben, ihre Meinung zu äußern. Deshalb waren das Lesen und Begreifen von Gesetzestexten für mich ein wichtiger Anfangspunkt, um zu verstehen, was überhaupt noch erlaubt ist, und was unter Strafe steht. Außerdem hat mir mein Wissen geholfen, die Entwicklungen dort – also das Einführen von spezifischen neuen Gesetzen sowie Updates zu Gerichtsprozessen – im gegenwärtigen politischen Kontext einzuordnen. Darüber hinaus waren praktische Skills, die wir während des Studiums gelernt haben, wie zum Beispiel das Management einer ausufernden Bibliographie, total hilfreich beim Schreiben meines Buches.

Auch in Deutschland wird viel überwacht. Nur eben etwas sanfter. Deshalb möchte ich mein Augenmerk zukünftig wieder auf die Formen von Überwachung und Herrschaft richten, die bei uns zuhause stattfinden.

Penny Prinz

In Ihrem Buch beschreiben Sie sehr konkrete Alltagssituationen aus Hongkong. Wie haben Sie den Übergang von wissenschaftlichem Arbeiten im Studium zu einem erzählerischen Reisebericht gestaltet?

Der Übergang ist fließend. Mein Buch ist zwar ein subjektiver Reisebericht, hat aber auch den Anspruch, einen tieferen Einblick in die soziotechnischen Verhältnisse in Hongkong zu bieten. Die Brille des Betrachters ermöglicht einen ersten Einblick: Wie ist es, in Vorlesungen gefilmt zu werden; was denken Professor*innen, Kommiliton*innen, und wie und wo findet man eigentlich als Außenstehende Orte des Widerstandes? Dieser Bericht wird ergänzt mit Kapiteln, die nicht nur erzählen, sondern auch erklären: Wie ist das eigentlich mit der Videoüberwachung vor Ort? Wie sehr überwacht Hongkong seinen Internetverkehr? Kann man noch demonstrieren, und was für Strafen erwarten einen im Zweifelsfall? Die wissenschaftliche Perspektive und die subjektiven Erzählungen geben sich also die Hand – und so lernt man nebenbei viel zu den technologischen und politischen Entwicklungen der Stadt, ohne dass es trocken wird.

 

Viele Studierende beschäftigen sich theoretisch mit Themen wie Überwachung, Macht oder Widerstand. Was haben Sie durch Ihre Arbeit an diesem Buch gelernt, das über die akademische Perspektive hinausgeht?

Ich denke nicht, dass man das Zusammenspiel aus Überwachung und Widerstand, in Hongkong oder anderswo, aus rein theoretischer Perspektive begreifen kann. Allein schon, weil all unsere Diskurse – auch wissenschaftliche – zu den Themen sehr ideologisch geprägt sind: Bei Überwachung und Macht geht es schnell um Orwell’s 1984, um Totalitarismus, und in der Praxis wird die VR China oft als das „ganz besonders Böse“ dargestellt, mit allumfassenden Überwachungsmitteln ausgestattet, wo Widerstand unmöglich ist.

Skyline von Hongkong

Forschungsobjekt und Arbeitsort: Hongkong.

Die Wirklichkeit ist allerdings vielschichtiger, und lässt sich nicht so leicht in unsere westlich-liberale Sicht auf das politische Geschehen vor Ort einsortieren. Diese Wirklichkeit bekommt man nur mit, wenn man mit Menschen spricht, die dort leben, und die bereit sind, ihre Erfahrungen zu teilen. Ich habe während meiner Reise, und während des Schreibens viel über Hongkong und die VR China gelernt – und mindestens ebenso viel über meine eigene Perspektive und meinen ideologischen Referenzrahmen. Immer wieder habe ich meinen eigenen Referenzrahmen hinterfragen müssen, um ein Stück näher an die Wirklichkeit zu kommen. Für mich war das ein wichtiger Lernprozess, der mir gezeigt hat, dass ich akademisches Arbeiten auch zukünftig nah an der Wirklichkeit gestalten will: durch Gespräche mit Menschen, die Dinge am eigenen Leib erfahren, und durch möglichst vielfältige Perspektiven auf Fragen rundum Macht, Herrschaft, Überwachung und Widerstand.

 

Welches Thema möchten Sie als nächstes bearbeiten – geht es wieder nach Hongkong?

Auch wenn ich die Stadt liebe, werde ich den Fokus wieder auf zuhause richten. Meine Erfahrungen und Reflexionen zu „Überwachung in Hongkong“ haben mir gezeigt, dass ich das Thema am besten verstehe, wenn ich Überwachung nicht als etwas Graduelles, also wenig Überwachung versus viel Überwachung, einsortiere. Stattdessen gibt es unterschiedliche Modi von Überwachung – mal sanfter, mal härter – und, wichtiger noch: Auch in Deutschland wird viel überwacht. Nur eben etwas sanfter. Deshalb möchte ich mein Augenmerk zukünftig wieder auf die Formen von Überwachung und Herrschaft richten, die bei uns zuhause stattfinden. Zum Beispiel auf die zunehmende Überwachung des öffentlichen Raumes, und die Überwachung von politischem Protest, der in diesem Raum stattfindet. Aktuell engagiere ich mich dazu in einer Vernetzung gegen das Sicherheitspaket, das von der Bundesregierung angestrebt wird; außerdem publiziere ich ein Heft zum Thema „biometrische Überwachung durch die Polizei“ in der Reihe kurz&mündig des Digitalcourage e. V. Ab Sommer 2026 schreibe ich eine Doktorarbeit zu Überwachung von politischem Protest durch die Polizei in Deutschland. Aber bis die publiziert wird, dauert es wohl eine Weile.

 

Wie geht es weiter mit Ihrem Buch?

Mein Buch „nach der Revolte – Ein Reisebericht zu Überwachung und Widerstand in Hongkong“ erscheint Anfang Mai im Buchhandel; ab dem Zeitpunkt kann man es überall kaufen, wo es Bücher gibt. Im Mai gehe ich auf Lesetour – man findet mich beispielsweise am 9. Mai in Berlin; da lese ich im Rahmen der Langen Buchnacht in der Oranienstraße. Und für alle Frankfurter findet auch eine Lesung an der Viadrina statt.

Buchvorstellung „nach der Revolte – Ein Reisebericht zu Überwachung und Widerstand in Hongkong

Am Dienstag, dem 26. Mai, um 16.00 Uhr findet die Lesung „nach der Revolte – Ein Reisebericht zu Überwachung und Widerstand in Hongkong“ statt. Die ENS-Studentin Penny Prinz, die aus Datenschutzgründen unter Pseudonym veröffentlicht, stellt ihr erstes Buch vor, das am 9. Mai erscheint. Die Lesung gibt Einblicke in ihre Forschung und ihr Schreiben. 
Ort: Viadrina Coworking Space, Logenstraße 3

Heike Stralau

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