„Doing Democracy ist, was ich täglich praktiziere“ – Zivilgesellschaft und Wissenschaft bei zweitägigem Vernetzungsevent
Intensive Diskussionen in Arbeitsgruppen, prominent besetzte öffentliche Veranstaltungen und wertvolle Möglichkeiten für Austausch, bot das zweitägige Vernetzungsevent „Doing Democracy: Connecting Academia and Civil Society Across Borders“ am 23. und 24. April 2026 in Frankfurt (Oder) und Słubice. Eingeladen hatten die Viadrina und das sozialwissenschaftliche Institut der SWPS-Universität Warschau im Rahmen der European Reform University Alliance (ERUA).
Doing Democracy – in dem Titel der Veranstaltung steckt der Kerngedanke, dass Demokratie nichts Selbstverständliches ist, sondern jeden Tag aufs Neue praktiziert werden muss. „Demokratie ist darauf angewiesen, stets neu belebt und verteidigt zu werden“, betonte Viadrina-Präsident Prof. Dr. Eduard Mühle zum Auftakt des Events. Wie sich dieses „Demokratie-Tun“ in Deutschland und Polen angesichts aktueller Herausforderungen gestaltet, wurde an den folgenden zwei Tagen genauso intensiv besprochen wie die Rolle, die Wissenschaft und Zivilgesellschaft angesichts der Bedrohungen einnehmen.
Heide Fest
Es war ein in mehrfacher Hinsicht grenzüberschreitendes Vorhaben, zu dem Studierende, Forschende und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft an die Viadrina und das Collegium Polonicum gekommen waren. Nicht nur der grenzüberschreitende Ort mit einem Campus in zwei Ländern war sprach dafür sinnbildlich. Auch der Zeitpunkt im Rahmen der Feierlichkeiten zu 35 Jahren deutsch-polnischem Nachbarschaftsvertrag bot die passende Kulisse für das Vernetzungsevent.
Vom fehlenden Bedürfnis, die Realität zu verstehen – Die wissenschaftliche Perspektive
Die öffentlichen Gesprächsrunden waren trotz des feierlichen Anlasses alles andere als Sonntagsreden. So brachte Prof. Dr. Radosław Markowski von der SWPS-Universität Warschau immer wieder mitunter schmerzhafte Erkenntnisse aus seinen Studien ein. In der Auftakt-Diskussion zur Frage „Warum Wissenschaft und Zivilgesellschaft im Bereich „Demokratie“ vernetzen?“ betonte er, dass es eine größer werdende Gruppe von Menschen gebe, die kein Bedürfnis habe, Wissen über die Realität zu erlangen. „Ein Teil der Gesellschaft ist stärker verloren, als wir ursprünglich glaubten“, so Markowski. Nicht allein das Unwissen sei das Problem, sondern eine Haltung der Wissensvermeidung, die er nach Erich Fromm eine „neue Form der Furcht vor der Freiheit“ nannte und die populistischen Anführer*innen mit einfachen Wahrheiten den Weg bereiten. Dieses Wissen dürfe nicht in der Wissenschaft verbleiben, sondern müsse auch in die Arbeit der Zivilgesellschaft einfließen, betonte Markowski.
Galerie: Eröffnung, Podiumsdiskussion und Arbeitsgruppen
Anarbeiten gegen Demokratie-Skepsis – Die Rolle der Zivilgesellschaft
Wie groß das Bedürfnis bei Vertreter*innen der Zivilgesellschaft ist, sich mit Forschenden zu vernetzen, zeigte die Zusammensetzung der Teilnehmenden. „Ich habe mich extrem gefreut über die Einladung zu dieser Veranstaltung“, sagte etwa Karola Kunkel vom Friedenskreis Halle. „Grundsätzlich ist unser Kontakt zur Wissenschaft viel zu gering dafür, dass wir langfristig gesellschaftlich sehr ähnliche Interessen haben“, betonte sie, verwies aber auch auf mangelnde Kapazitäten und prekäre Bedingungen, unter denen Vereine wie ihrer mitunter arbeiten.
Eine Herausforderung, die auch Carsten Herzberg vom Verein Mitmachen e. V. gut kennt – ein Teil seiner Programme ist derzeit akut von Einsparungen bedroht. Für ihn war an der Veranstaltung vor allem der Perspektivwechsel zwischen deutschen und polnischen Vereinen sowie zwischen den Realitäten von Wissenschaft und Zivilgesellschaft wichtig. „Ich glaube, dass es ein zentraler Punkt ist, sich gegenseitig von den eigenen Erfahrungen und Arbeitswelten zu erzählen, die sehr unterschiedlich sind.“ Seine eigene Arbeitswelt ist von Sparmaßnahmen genauso geprägt, wie von der Einsicht, dass einzelne Beteiligungstools wie Bürgerbudgets allein die Demokratie nicht retten werden. Daher verknüpfe sein Verein Beteiligung mit Bildung. Wenn man Jugendlichen vermittle, wie sie sich in ihren Städten einbringen können, sie über Desinformation aufkläre und demokratische Grundprinzipien lebe, sei das ein Mosaik, das die Demokratie durchaus stärken könne.
Olga Żmijewska hat nach ihrem Studium an der Viadrina in ihrem Heimatdorf in Masuren die Stiftung Sztuka Wolności (Kunst der Freiheit) gegründet. „Doing Democracy ist etwas, was ich täglich praktiziere; ich übersetze den akademischen Diskurs in eine andere, eine praktische Sprache“, beschreibt sie ihre Arbeit. Die Rückkehr aufs Land ist für sie ein Ansatz, verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen. „Ich appelliere an die Politik, dass Menschen dabei unterstützt werden, in die Orte zurückzugehen, aus denen sie kommen. Das sind unsere Schätze mit einem großen Vertrauenspotenzial.“
Die Teilnehmenden sagen oft, dass es das Anstrengendste war, was sie je gemacht haben. Aber sie merken auch: Wir liegen oft gar nicht so weit auseinander, wie wir gedacht haben.
Gesine Schwan über Kommunale Entwicklungsbeiräte
Partizipation zwischen Demokratie und Populismus
Um die Gewinnung von Vertrauen ging es auch bei dem Podiumsgespräch „Chancen demokratischer Partizipation im Zeitalter von Desinformation“ am Donnerstagabend im Frankfurter Rathaus. Aus praktischer und wissenschaftlicher Sicht wurde hier diskutiert, wie Beteiligungsformate Demokratie-Skepsis entgegenwirken können. Ein zentrales Problem dabei warf Krzysztof Izdebski von der Batory Stiftung Warschau auf: „Was wir immer wieder gespiegelt bekommen, ist, dass Menschen an Beteiligungsformaten teilnehmen, sie aber nicht gehört wurden.“ Aus seiner Sicht brauche es eine Standardisierung von Beteiligung, mit der es beispielsweise zur Pflicht wird, Bürger*innen zu antworten, auch wenn ihre Ideen nicht umgesetzt werden.
Wie Ergebnisse als groß angelegte Beteiligungsformate in der Schublade landen können, zeigt der Kommunale Entwicklungsbeirat (KEB) zur Gestaltung der Słubicer Straße in Frankfurt (Oder). Das Format der Berlin Governance Platform von Prof. Dr. Gesine Schwan konnte hier zwar alle relevanten Gruppen zusammenbringen und einen Vorschlag verabschieden, dieser wurde von der Politik allerdings nicht aufgenommen. Trotz solcher Rückschläge sind Kommunale Entwicklungsbeiräte für Gesine Schwan nach zehn Testläufen in ganz Deutschland ein gutes Mittel, um Demokratie zu fördern: „Die Teilnehmenden sagen oft, dass es das Anstrengendste war, was sie je gemacht haben. Aber sie merken auch: Wir liegen oft gar nicht so weit auseinander, wie wir gedacht haben.“ Letztendlich seien die Diskussionen in solchen Gremien eine Übung in demokratischen Prozessen.
Ein Grundproblem der Versuche der demokratischen Beteiligung brachte Krzysztof Izdebski auf den Punkt: „Wir verlieren an Glaubwürdigkeit, weil die Sprache der Demokratie und der Beteiligung von rechtspopulistischen Gruppen vereinnahmt wird.“ In den Narrativen der populistischen Parteien werde es als undemokratisch dargestellt, wenn man auf Nuancierungen und Kooperationen setze, statt ausschließlich der Stimme des Volkes zu folgen. „Wenn wir gegen Hate Speech vorgehen, werden wir als Zensoren dargestellt“, nannte Izdebski ein Beispiel.
Future Lab bei Doing Democracy
Abschluss im Future Lab
Wie nuanciert und perspektivenreich während des Vernetzungsevents gearbeitet wurde, wurde zum Abschluss im Future Lab offensichtlich. Hier stellten Arbeitsgruppen ihre Überlegungen unter anderem zur Beteiligung von Jugendlichen, zu Hate Speech und zu Minderheitenrechten vor. Deutlich wurde dabei, dass es für die komplexen Herausforderungen keine allgemeingültigen Lösungsansätze geben kann. Die Abschlussveranstaltung bestätigte damit, was Prof. Dr. Radosław Markowski mit dem Blick auf unterschiedliche politische Kulturen schon zum Auftakt betont hatte: „Wir müssen nicht nach universellen Rezepten streben, die sehe ich nicht.“
Was bleibt von „Doing Democracy“? – Organisatorin Dr. Anja Hennig zieht ein Fazit
Anja Hennig, als eine der Organisatorinnen von Doing Democracy haben Sie das Vernetzungsevent zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft bei der Eröffnungsveranstaltung ein Experiment genannt. Ist dieses Experiment geglückt?
Im Großen und Ganzen ist das Konzept sehr gut aufgegangen. Es war sehr intensiv und die Vernetzung fand definitiv statt. Interessant war die große Nachfrage unter Studierenden und die sehr überschaubare Präsenz von Forschenden und Lehrenden beider Universitäten.
Wir haben uns viel Mühe gegeben, die Diskursräume offen und zugleich mit inhaltlichem Fokus zu gestalten. Dies scheint gut gelungen zu sein – noch dazu in so inspirierenden Räumlichkeiten wie dem Coworking Space der Viadrina und denen der European New School im Collegium Polonicum.
Eine besondere Herausforderung war es für die Absolvent*innen des ViAPACS-Programms, die nach ihrer Ausbildung nun die Gelegenheit zur Praxiserfahrung bekamen und die deutsch-polnischen Arbeitsgruppen moderierten. Die haben die Diskussionen toll geleitet und am Ende für das Future Lab gut sortierte und spannende Ergebnisse präsentiert.
Was waren für Sie die interessantesten inhaltlichen Aspekte der zwei Tage?
Als Politikwissenschaftlerin war für mich interessant – aber auch erschreckend –, zu erfahren, wie deutsche und polnische Nichtregierungsorganisationen unter der zunehmenden Einschränkung ihres Handlungsspielraums leiden. Das kannte ich bisher nur aus der Literatur zu „Shrinking Spaces“. Diese Begrenzung erfolgt einerseits durch kontinuierliches Hinterfragen der politischen Neutralität ihrer Aktivitäten. In Polen wie in Deutschland versuchen Akteur*innen aus dem politisch konservativen und rechten Spektrum zu verhindern, dass Gelder an „linke“ NGOs gehen. Eine andere Strategie, die Aktivitäten von Demokratieakteur*innen zu behindern, sind überkomplexe Anforderungen an Wirkungsanalysen der NGO-Arbeit.
Interessant fand ich auch, von polnischer Seite zu erfahren, wie ausdifferenziert die Förderung von Zivilgesellschaft in Polen ist; dass es besondere Partizipationsprogramme im ländlichen Raum gibt, die sehr nachgefragt sind. Aber auch hier die Erkenntnis auf beiden Seiten, dass Partizipation zur Lösung kommunaler Probleme nur Sinn macht, wenn dieser Prozess gut mit der politischen Ebene verschränkt ist. Daran hapert es in beiden Ländern, das bestätigte auch Gesine Schwan während der Podiumsdiskussion.
Was bleibt von „Doing Democracy“?
13 Masterstudierende haben als Teil eines Seminars bei mir an der gesamten Konferenz und den Arbeitsgemeinschaften teilgenommen und haben nun die Aufgabe, eine Problemlage aus den Diskussionen herauszufiltern. Sie werden dazu recherchieren und Handlungsempfehlungen an Politik, Verwaltung oder Universität formulieren. Die Ergebnisse sollen dann als Policy-Brief an die gewählten Adressat*innen gesendet und auf der Website von Doing Democracy veröffentlicht werden.
Im Juli werden außerdem vier Beiträge, die auf die Konferenz aus deutsch-polnischer Perspektive eingehen, im Blog Entanglements vom Viadrina Center of Polish and Ukrainian Studies (VCPU) veröffentlicht.
Langfristig gibt es viel Potenzial zur Vernetzung von universitärer Lehre und NGO-Arbeit. Um das zu verstetigen, müssten entsprechende Formate entwickelt werden.
Frauke Adesiyan
Zurück zum Newsportal
Beitrag teilen: