„Poesie der Revolution“ – Stephan Rindlisbacher veröffentlicht Buch über Wera Sassulitsch
Mit ihrem Attentat auf den Petersburger Stadthauptmann 1878 hat Wera Sassulitsch etwas damals kaum Vorstellbares getan – sie hat als Frau offen die Staatsmacht angegriffen. In seinem neuen Buch „Wera Sassulitsch oder: Die Poesie der Revolution“, erschienen im Dietz Verlag Berlin, nimmt der Osteuropa-Historiker Dr. hab. Stephan Rindlisbacher die Person hinter der politischen Figur in den Blick. Er macht damit sichtbar, wie ein Leben jenseits zugedachter gesellschaftlicher Rollen und entgegen einer scheinbar übermächtigen Staatsmacht möglich wird.
Herr Rindlisbacher, Sie haben schon zuvor über Wera Sassulitsch geschrieben – was interessiert Sie an dieser Persönlichkeit am meisten?
Wera Sassulitschs Biografie ist für ihre Epoche außergewöhnlich. Das politische Leben in Europa war damals fast ausschließlich von Männern dominiert. Durch ihr Attentat auf den Stadthauptmann von St. Petersburg und den darauffolgenden Freispruch wurde sie 1878 schlagartig in ganz Europa bekannt. Später war sie führend an der Formierung der russischen Sozialdemokratie beteiligt, aus der sich unter anderem die Bolschewiki entwickeln sollten. Mich interessiert vor allem die Person hinter der politischen Figur: Wer war Wera Sassulitsch, wie verstand sie ihr eigenes Wirken, und wie nahm sie ihre Rolle in den politischen Bewegungen ihrer Zeit wahr?
Marek Kłodnicki
Ihr Buch trägt den Titel „Die Poesie der Revolution“. Was ist am Leben von Wera Sassulitsch revolutionär, was poetisch?
Wera Sassulitsch stammte aus einer verarmten Adelsfamilie. Nach den damaligen gesellschaftlichen Erwartungen hätte ihr Lebensweg vermutlich darin bestanden, als Gouvernante in einer anderen Familie zu arbeiten. In den 1860er-Jahren erkannte sie jedoch, auch vermittelt durch die zeitgenössische Literatur, andere Möglichkeiten für ihr Leben. Sie wollte eine selbstständige Frau sein und fand in revolutionären Zirkeln eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten. In dieser Gemeinschaft sah sie die „Poesie der Revolution“.
Revolutionär war ihr Leben in dem Sinne, dass sie bestehende Normen infrage stellte und überschritt. Das gilt besonders für ihr Attentat auf den Petersburger Stadthauptmann im Jahr 1878. In der damaligen politischen Öffentlichkeit wurde diese Tat als etwas bis dahin kaum Vorstellbares wahrgenommen – nicht zuletzt, weil hier eine Frau offen einen Vertreter der Staatsmacht angriff.
Was ist an diesem Lebensweg auch heute noch aktuell? Kann ein Blick auf die Biografie von Wera Sassulitsch uns in der heutigen, weltpolitischen Situation weiterhelfen?
Das sind komplexe Fragen, bei denen man vorsichtig mit direkten historischen Vergleichen sein sollte. Was an Wera Sassulitschs Biografie aber aktuell bleibt, ist die Frage nach individuellen Handlungsspielräumen. Ihr Leben zeigt, dass Menschen auch jenseits der ihnen zugedachten gesellschaftlichen Rollen handeln und sich gegen ein scheinbar vorgegebenes „Schicksal“ wehren können. Das betrifft auch die Frage, wie Menschen auf eine übermächtig erscheinende Staatsmacht reagieren. Sassulitschs Biografie führt dabei nicht zu einfachen Antworten, aber sie macht sichtbar, welche moralischen, politischen und persönlichen Konflikte entstehen, wenn Menschen sich gegen Unterdrückung stellen.
Worin unterscheidet sich Ihr neues Buch von vorherigen Arbeiten?
Im deutschsprachigen Raum haben sich frühere Studien vor allem mit Sassulitschs Wirken als Marxistin auseinandergesetzt; dazu zählen unter anderem die Arbeiten von Wolfgang Geierhos. Der neue Band nimmt darüber hinaus stärker die Person hinter der politischen Figur in den Blick. Er enthält ferner einen umfangreichen Dokumententeil mit Übersetzungen, der Wera Sassulitsch und einige ihrer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen selbst zu Wort kommen lässt.
Wie und wo haben Sie für das Buch recherchiert, welche Quellen haben Sie ausgewertet?
Das Buch basiert auf meiner Dissertation, die bereits vor einigen Jahren erschienen ist. Für diese Arbeit habe ich das Werk und den Nachlass von Wera Sassulitsch aufgearbeitet. Recherchiert habe ich unter anderem in Archiven in St. Petersburg und Moskau, außerdem in schweizerischen Lokalarchiven sowie im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam.
Frauke Adesiyan
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