Von Wehrpflicht und Glitzerohren – Studentinnen gestalten Ausstellungsstation im Kleist-Museum

Frankfurt (Oder), 

Vor großem Publikum eröffneten Studentinnen am 14. April 2026 im Kleist-Museum eine von ihnen erarbeitete Ausstellungsstation mit dem Titel „Hinhören und Widerstand leisten. Prinz von Homburg – der ,erste moderne Held‘“. Im Zentrum steht die Oper „Der Prinz von Homburg“, mit der Hans Werner Henze (Komposition) und Ingeborg Bachmann (Libretto) das von den Nationalsozialisten vereinnahmte Kleist-Stück entnazifizieren wollten. Die Ausstellungsstation ist in einem Seminar von Norah El Gammal und Dr. Adrian Schliebe entstanden. Sie ist bis zum 14. Juli im Kleist-Museum zu sehen.

Im kommenden Jahr wird der 250. Geburtstag von Heinrich von Kleist gefeiert. Die Dichterin Ingeborg Bachmann wäre in diesem Sommer 100 Jahre alt geworden, genauso wie der Komponist Hans Werner Henze. Wie schafft man es, in einer Ausstellung ein Kunstwerk, das diese drei Menschen verbindet, ins Heute zu holen? Das war eine der Fragen, auf die die Studentinnen im Seminar von Norah El Gammal vom Lehrstuhl für Westeuropäische Literaturen und Dr. Adrian Schliebe vom Kleist-Museum eine Antwort finden wollten. Im Zentrum des Seminars und der nun eröffneten Ausstellungsstation steht die Oper „Der Prinz von Homburg“, die 1960 uraufgeführt wurde und mit der Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze den Versuch unternahmen, Kleists Werk entgegen der nationalsozialistischen Vereinnahmung in einen pazifistischen Kontext zu rücken.

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Jugendliche Museumsbesucher*innen im Blick

66 Jahre nach dem Erscheinen der Oper bauen die Viadrina-Studentinnen mithilfe von Zollstock, Wasserwaage und Klebepunkten ihre Ausstellung an einer Wand im eindrucksvollen Treppenhaus des Kleist-Museums auf. Neben kleineren und größeren Texttafeln sind es vor allem Ohren, die die Blicke anziehen: riesige runde, kleine, spitze, aus glibberigem Gummi oder besetzt mit schimmernden Pailletten. „Hier werden viele 16-/17-Jährige durchgeführt, für die so ein Museumsbesuch vielleicht nicht der größte Spaß ist. Unser Hintergedanke war es, ihnen etwas Lustiges, Kurioses zu zeigen“, sagt Pia Blell über die Ohren-Idee. Sie studiert im zweiten Semester Soziokulturelle Studien und hat neben den Ohren, die übrigens auf Ingeborg Bachmanns Essay „Die wunderliche Musik“ anspielen, an einer weiteren Station mitgearbeitet, die das Drama und die Oper ins Heute holt.

Ausgehend von dem im „Prinz von Homburg“ zentralen Thema des Widerstands hat sie gemeinsam mit Elisabeth Linnerz Interviews über die aktuelle Wehrpflicht-Debatte geführt, die in der Ausstellung über einen QR-Code abgerufen werden können. Besucher*innen der Ausstellung sind zudem aufgefordert, per Glassteinchen darüber abzustimmen, ob sie sich für Gehorsam oder Verweigerung entscheiden würden. „Uns war es wichtig, in der Ausstellung den gesellschaftspolitischen Kontext aufzugreifen und ihn mit aktuellen Debatten zu verbinden“, sagt Elisabeth Linnerz. Die Studentin der Literaturwissenschaft interessiert sich schon länger sehr für die Gedichte von Ingeborg Bachmann; sie jetzt als Librettistin kennenzulernen, fand sie besonders spannend. „Außerdem war es total interessant, in die Zusammenarbeit von Bachmann und Henze einzutauchen, diese Dualität und auch der Kampf zwischen ihnen“, sagt Elisabeth Linnerz. Dafür haben die Studentinnen in einem begleitenden Lektüreseminar unter anderem einen Briefwechsel zwischen der Dichterin und dem Komponisten ausgewertet, in dem die beiden auch darüber stritten, ob der berühmte letzte Satz „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!” in Kleists Drama Teil der pazifistischen Oper sein soll.

Alle Stationen des Kuratierens durchlaufen

„Die Studentinnen haben sich beeindruckend tief in den Stoff eingearbeitet“, findet Adrian Schliebe. Der Kurator am Kleist-Museum hat das Seminar gemeinsam mit Norah El Gammal geleitet. „Sie haben interessante Überlegungen entwickelt, auf die ich nicht gekommen wäre“, sagt er. Auch die Erfahrung, in einer größeren Gruppe eine Ausstellung zu kuratieren, sei eine bereichernde Erfahrung für ihn – und für die Studentinnen, in deren Lebenslauf sich ein solches Praxisseminar auch gut mache.

„Unsere Idee war es, den Inhalt mit der Praxis zu verweben“, erklärt Norah El Gammal die Struktur des Seminars. Mit dem Hintergrundwissen aus dem Lektüreseminar entwickelten die Studentinnen ihre Ausstellungsideen und durchliefen dabei alle Stationen des Kuratierens – von der Ideenfindung über das Recherchieren und Anfragen von Ausstellungsgegenständen bis zum Aufbau und der Führung bei der Vernissage. Auch der gemeinsame Besuch von Opernvorstellungen und Gespräche mit Praktiker*innen gehörten zum Seminarprogramm.

Dabei erweiterten alle Studentinnen ihren Horizont. Jessica Wolff war beispielsweise eigentlich nur für das Lektüreseminar angemeldet, fand es dann aber auch spannend, im Museum kuratorisch zu arbeiten. Sowohl die Abstimmung der verschiedenen Arbeitsprozesse bei der Entwicklung der Ausstellung fand sie herausfordernd als auch das Eindenken in musikwissenschaftliche Inhalte. Ho-Shu Lai, die Philosophie und Kulturwissenschaften studiert, brachte eine internationale Perspektive in das Team. „Ich habe bisher in Taiwan studiert. Für mich war es neu, wie sehr der Nationalsozialismus in Deutschland noch diskutiert wird und wie er auch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch die Kunst beeinflusst“, sagt sie.

Frauke Adesiyan

Mehr zur Ausstellung „Zerbrochene Harmonien. Kleist und die Musik“ in deren Rahmen die Arbeit der Studentinnen zu sehen ist

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